»Niemand sagt: Heute dirigiert Christian Thielemann – der ist ein Mann«

Juni 4, 2024
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Die Dirigentin Marie Jacquot bei ihrem Debüt mit der Sächsischen Staatskapelle (Foto: Sächsische Staatskapelle)

Marie Jacquot ist gerade für Christian Thielemann bei der Staatskapelle Dresden eingesprungen. Bald wird sie ihre Jobs als Chefdirigentin der Oper in Kopenhagen und beim WDR antreten. Wir haben sie auf dem Weg zu Proben mit der Staatskapelle Berlin erwischt – in der Berliner S-Bahn. 

Ein kurzweiliges Guten Morgen-Gespräch über die Verlockungen der vielen Anfragen (»es ist wichtig, sich genau zu überlegen, was man annimmt«), über die Tradition in der Musik (»das Bewusstsein des alten Wissens ist für mich Grundlage des Musizierens«) und die Zusammenarbeit mit der Staatskapelle (»das Orchester war wie ein passender Handschuh.«)

Sauer macht Marie Jacquot besonders, wenn ihre Rolle als Frau noch immer thematisiert wird (»niemand sagt: Heute dirigiert Christian Thielemann – das ist ein Mann!«), und wenn das Publikum kaum Geduld mit jungen Dirigentinnen und Dirigenten hat. Hier das Gespräch für alle Player, unten für Spotify:

Hier die Highlights des Gespräches 

Über blöde Kommentare über Frauen in der Musik

»Mich frustriert ein wenig, dass einige Menschen mit jungen Dirigentinnen und Dirigenten sehr ungeduldig sind. Wir müssen reifen, uns entwickeln. Und ich beobachte, dass es schwer ist, diese Zeit zu bekommen – und sie sich zu nehmen. Wenn man zu schnell dirigiert, heißt es: »Die ist jung und oberflächlich!« Dirigiert man langsam, heißt es: »Sie ist jung und kennt die Partitur nicht.« Ich wünsche mir, dass das etwas weniger mühsam wird. Wenn ich in den sozialen Medien Kommentare lese, kann ich auch nur staunen. Viele Menschen wollen einfach in Schubladen denken: Bist Du Frau? Mann? Oder Homosexuell? Aber darum kann es doch nicht gehen. Wir kündigen Christian Thielemann doch auch nicht an mit dem Zusatz, dass da heute ein Mann dirigiert. Bei mir heißt es aber meistens: »Heute Dirigiert Marie Jacquot – eine Frau.« Das ist doch unnötig!«  

Über die vielen Anfragen

»Ich mache das selten, dass ich einspringe, da ich die Stücke lernen will und mir auch mein Privatleben wichtig ist. Es ist – gerade in einer Zeit wie dieser – wichtig, jeden Schritt genau zu überlegen. Wenn nun Kopenhagen und der WDR dazukommen, freue ich mich darauf, mit diesen beiden Ensembles in Zukunft viel mehr Zeit und viel mehr Exklusivität teilen zu können.« 

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Über das Traditionelle in der Musik

»Ich mag die Tradition. Wir kommen ja alle irgendwoher. Und Tradition ist auch die Bewahrung des vergangenen Wissens, um das Neue zu schaffen. Ich versuche zu lesen, was in den Noten steht, berufe mich auf das Wissen meiner Vorgänger und versuche dann vielleicht, eine neue Perspektive zu schaffen.«

Über die Zusammenarbeit mit der Staatskapelle Dresden

»Die Sächsischen Staatskapelle Dresden hat eine ähnliche Grundauffassung gegenüber der Musik wie ich selber. Es war ein wenig wie ein passender Handschuh. Natürlich hatte ich große Ehrfurcht, denn Christian Thielemann ist ein großartiger Dirigent. Ich habe schnell gemerkt, dass mein eigenes musikalisches Ideal sehr nahe der Klangkultur der Kapelle ist. Ich habe die gemeinsame Arbeit sehr genossen. In der Zusammenarbeit mit der Kapelle ist es auch für eine Dirigentin toll, die Tradition des Orchesters zu hören und gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern an etwas Neuem zu arbeiten. Es war eine phantastische Begegnung!«

Über die Zukunft beim WDR

»Die Arbeit mit dem WDR in der Avantgarde-Stadt Köln stellt uns alle vor die Aufgabe, Musik mitten in die Gesellschaft zu stellen. Das Orchester hat eine riesige Ausstrahlung, das ist ganz besonders. Wir entwickeln bereits gemeinsam unsere Programme. Es wird neben dem klassischen Repertoire auch um spannende Experimente gehen. Mir geht es auch um die Entwicklung des Orchesters. Außerdem suchen wir nach neuen Kooperationen, etwa mit einem DJ oder mit einem Graffiti-Künstler – es gibt so viele Möglichkeiten. Wichtig ist, dass wir alle Seiten unseres Miteinanders entwickeln.«

Über ihr altes Hobby, das Tennis

»Ich habe leider keine Zeit mehr, intensiv Tennis zu schauen. Ich muss auch gestehen, dass ich da zur alten Generation gehöre – ich habe den Zug verpasst: Ich bin mit Sampras und Steffi Graf aufgewachsen, dann Federer und Nadal … irgendwie bin ich da stehengeblieben. Ab er auch hier: Ich kenne die junge Generation nicht mehr richtig, außer den Carlos Alcaraz, den finde ich wunderbar!«  

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