Oper vor dem Ausverkauf?

Januar 26, 2026
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Neuer Name neuer Geist (Foto: Kennedy Center)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute mit dem Ausverkauf der kulturellen Werte in den USA, dem Kampf um Erfurt und einer spannenden Wiederentdeckung zwischen Biedermeier und Revolution!

Metropolitan Opera vor dem Ausverkauf? 

So hört sich pure Verzweiflung an! Soll die Metropolitan Opera in New York ihre  legendären Chagall-Wandgemälde verkaufen? Oder soll sie der Oper den Namen eines Sponsoren geben? Ja, würde sie überhaupt einen neuen Großsponsor finden? Peter Gelb ist der Millionendeal mit Saudi Arabien vorerst geplatzt – nun steht er vor einem finanziellen Scherbenhaufen. Gelb kündigte Entlassungen an, Gehaltskürzungen und weitere Sparmaßnahmen – unter anderem für sich selber und Musikchef Yannick Nézet-Séguin. Zur Wahrheit gehört auch: Das US-Haus kriselt schon lange. Erst kürzlich hat Gelb im BackstageClassical-Podcast erklärt, wie er seine Oper wieder auf Kurs bringen will (sehr hörenswert). Auf der einen Seite zeigt er Solidarität mit der Ukraine, in Sachen Trump-USA hat er es bislang aber weitgehend vermieden, sein Haus in diesen bewegten Tagen klar zu positionieren. Bei seiner Trump-Kritik bleibt Gelb so verhalten wie viele andere Kulturschaffende in den USA auch. Braucht die Met vielleicht einfach mehr Haltung? Mehr Positionierung? Mehr echte gesellschaftliche Relevanz?  

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Die BackstageClassical-Umfrage

Donald Trump schwenkt in der Grönland-Frage (vorerst) ein, irritiert in Davos aber weiter. Nun haben ICE-Beamte in den USA erneut einen Menschen erschossen. Kulturell hat der US-Präsident das Kennedy-Center um seinen Namen erweitert und kritische Künstlerinnen und Künstler vertrieben. Was auffällt: Die Kulturschaffenden in den USA bleiben noch immer weitgehend still. Vor einiger Zeit hatte der Geiger Christian Tetzlaff in einem Podcast bei BackstageClassical erklärt, warum er nicht mehr in den USA auftreten werde, Dirigent Franz Welser-Möst hatte die Gegenrede verfasst. In einem meiner Lieblings-Podcasts, The Rest is Politics, debattieren die Hosts bereits, ob europäische Fußballvereine Gianni Infantinos WM boykottieren sollten – und finden: Ja. In der aktuellen Umfrage haben wir auf Instagram gefragt, ob auch Kulturschaffende die USA boykottieren sollen. Hier das (unrepresentative) Ergebnis: 

Der Kampf um Erfurt

Es ist fast schon grotesk, was da derzeit in Erfurt abläuft: Vor Gericht gab es keine  Einigung zwischen der Stadt und dem gefeuerten Ex-Generalintendanten Guy Montavon. Der will auf seine alte Position zurückkehren, aber Erfurts Politik will genau das verhindern. Außerdem sind der amtierende Intendant Malte Wasem und die Verwaltungsdirektorin Christine Exel abgesprungen – sie werden das Haus im Sommer verlassen. Ist die Stadt gerade dabei, den Befreiungsschlag nach der Entlassung von Montavon zu verspielen?   

Briefe von Brüggi…

Jeden Morgen um 6:00 veröffentlicht BackstageClassical einen neuen »Brief von Brüggi«. Diese Woche gingen sie an:

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Mannheim streicht Repin

Exklusiv hat BackstageClassical diese Woche verkündet, dass die Mannheimer Philharmoniker ein Konzert des Geigers Vadim Repin abgesagt haben. Nachdem in Florenz bereits ein Ballettabend, den Repin gemeinsam mit seiner Frau, der kremlnahen Tänzerin Swetlana Sacharowa, geplant hatte, gestrichen wurde, haben die Mannheimer nun ebenfalls reagiert. In einer Stellungnahme gegenüber BackstageClassical hieß es: »Vor wenigen Tagen erreichte uns ein Schreiben der Botschaft der Ukraine in Deutschland mit der Bitte, auch das Konzert der Mannheimer Philharmoniker mit Vadim Repin abzusagen. (…) Nach intensiver interner Beratung haben wir uns einstimmig entschieden, dem Wunsch unserer ukrainischen Mitmenschen hier nachzukommen und das Konzert abzusagen.«

Brauchen wir Rundfunk-Orchester und was sonst so los ist….

Wie gefährdet sind unsere Rundfunkorchester? Wie funktioniert die Konzert-Programmierung in instabiler Weltlage? Wie feiert die Tonhalle Düsseldorf ihr 100. Jubiläum? Und warum verliert Intendant Michael Becker bei der Deutschen Bahn die Fassung? Ein launiger Podcast mit dem Intendanten der Düsseldorfer Symphoniker und der Tonhalle, in dem wir die großen Themen der Klassik-Woche Revue passieren lassen und uns auf das 100jährige Jubiläum des zum Konzertsaal umgebauten Planetariums freuen.

Personalien der Woche

Martha Argerich in Bestform, das hat unser Kritiker Georg Rudiger erlebt! In Luzern spielte die Pianistin mit ihren Freunden Janine Jansen und Mischa Maisky auf – und begeisterte. +++ Der Gambist und Dirigent Jordi Savall wird mit dem Siemens Musikpreis ausgezeichnet. Ich habe ihm einen Brief geschrieben. +++Der Dirigent Zubin Mehta hat aus Protest gegen die Politik der israelischen Regierung alle geplanten Auftritte mit der Israelischen Philharmonie abgesagt. In einem Interview mit dem indischen Magazin India Today begründete er das mit seiner Ablehnung des Kurses von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im Umgang mit den Palästinensern. ++++ Hans Zimmer wird den Soundtrack zur neuen Harry-Potter-Serie bei Netflix komponieren – hier steht, warum ich da skeptisch bin. +++  Peter Hanser-Strecker war ein leiser Machtmensch der Musik. Er stand selten im Rampenlicht, hat aber grundlegendes verändert. Am Donnerstag ist der langjährige Chef des Mainzer Schott-Verlags im Alter von 83 Jahren in Wiesbaden gestorben. Unser Nachruf. +++

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier! Manchmal ist die Vergangenheit eine Inspiration für unsere Gegenwart. Und vor allen Dingen: Die Moden der Klassik zeigen, wie es um unsere Zeit bestellt ist. Es gibt immer wieder diese Komponisten, die in Vergessenheit geraten. Leipzig will das 2026 ändern und feiert deshalb Albert Lortzing mit einem eigenen Festival. Der Komponist führte ein Leben zwischen Biedermeier und Revolution, das ziemlich gut in unsere Zeit passt, wie Leipzigs Intendant Tobias Wolff findet: Auf der einen Seite bediente Lortzing unsere Sehnsucht nach Bürgerlichkeit, auf der anderen kämpfte er an der Seite von Robert Blum für grundlegende, gesellschaftliche Veränderungen. Ein historischer Rückblick und ein Ausblick auf das Lortzing-Festival.   

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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nun haben Sie den Kladderadatsch: Die Saudis liefern die versprochenen Millionen nicht, und Sie stehen mit Ihrer Metropolitan Opera vor dem Ausverkauf. Sie wollen das Tafelsilber verscherbeln: Die Chagall-Gemälde und den Namen

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die Gambe ist ein Teil Ihres Körpers: wie eine Stimme, die aus der Vergangenheit der Musik in unser Heute flüstert. Mit Ihrem Ensemble Hespèrion verschmelzen Sie die Zeit (die Vergangenheit und Gegenwart)

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ich gestehe, dass mich Ihre Musik meist nicht wirklich berührt. Oft denke ich, dass ich im falschen Film sitze. Mir ist schon klar, das liegt an mir: All die Oscars, Grammys und

Der große Argerich-Zauber

Martha Argerich ist zurück in Luzern. Beim Festival „Le Piano Symphonique“ begeistert die 84-jährige Pianistin mit ungebrochener Virtuosität – gemeinsam mit Weggefährten wie Mischa Maisky, Janine Jansen und Stephen Kovacevich.