Lieber Kai Gniffke,

Januar 21, 2026
1 min read
Kai Gniffke (Foto: SWR, Cichowicz)

Sie sind 65 Jahre alt, verdienen 392.530 Euro im Jahr und leiten den SWR. Irgendwann werden Sie in den verdienten Ruhestand gehen und es sich gut gehen lassen. Das ist vollkommen okay, wenn Sie Ihren Landen bis dahin gut bestellen. 

Derzeit sieht es allerdings anders aus. Während wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk so dringend brauchen wie nie, sägen Sie an seinen Grundwerten! Einer dieser Werte ist der Kulturauftrag. Nun soll es der Deutschen Radio Philharmonie an den Kragen gehen. Sie wollen das Orchester irgendwie behalten, es aber schrumpfen – und am liebsten sollen andere es bezahlen. 

Lieber Kai Gniffke, Klassik scheint Ihre Sache nicht zu sein. Erst war da der Taktstock-Charismatiker Teodor Currentzis, der eine Orchesterfusion kaschieren sollte. Dass Currentzis‘ Russland-Ensemble gleichzeitig VTB- und Gazprom-Gelder kassierte, er sich nicht gegen Putins Mörder-Bombardements stellte und schwieg, als deutsche Journalisten von seinen Musikern als Faschisten beschimpft wurden, schien Ihnen egal. Der SWR und Sie haben sich hinter Currentzis gestellt statt hinter transparenten Journalismus.  

Auch jetzt stellen Sie sich wieder hinter Ihren neuen Chefdirigenten François-Xavier Roth, der anderenorts unaufgefordert Pimmelbilder verschickt haben soll. Sie vertrauen Ihrer Orchesterdirektorin und Ihrer Programmchefin mehr als dem Bauch Ihres Orchesters. Das Publikum buht den Neuen aus, und Sie zucken mit den Achseln. War was?

»Ist ja nur Klassik?« – Nein, lieber Gniffke: Wie so oft in der Musik geht es hier um den Spiegel des Selbstverständnisses. Currentzis, Roth und nun die Deutsche Radio Philharmonie: Ihr Umgang mit Musik zeigt Ihre Haltung zum Kulturauftrag und zu transparentem Journalismus. Ihr Rumgeeiere macht Sie angreifbar für die Feinde des so wichtigen öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sie stellen aufs Spiel, was Sie eigentlich retten müssten! 

Irgendwann werden Sie in Rente gehen, und ich hoffe, dass Sie den öffentlich-rechtlichen Medienbetrieb bis dahin dann nicht vollkommen an seine Feinde verloren haben. 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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