Und das Meer holt sich die Liebenden

März 9, 2026
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The Wreckers in Detmold (Foto:Quast)

Ein Lob für die Provinz. Johannes Mundry ist nach Detmold zur Premiere von Ethel Smyths »The Wreckers« gereist.  

English summary: Johannes Mundry praises provincial opera after attending The Wreckers in Detmold. The production shows how Germany’s dense network of regional theaters still thrives. Despite limited space and resources, the small house delivers strong musical leadership, a powerful chorus, and a gripping drama of love, hypocrisy, and doom.

Walküre in Detmold ist der Titel eines immer noch lesenswerten Buches von Ralph Bollmann aus dem Jahr 2011. Der Autor beschreibt darin, wie er alle deutschen Opernhäuser mit ständigem Spielbetrieb für jeweils eine Aufführung besucht und sich auch ein wenig in den Städten umgeschaut hat. Das Buch ist leider nicht mehr lieferbar. Die einzigartige deutschen Theaterlandschaft aber lebt. Allein Nordrhein-Westfalen hat mit fünfzehn Opernhäusern mehr als die meisten westlichen Staaten.

Probe aufs Exempel am 6. März im Landestheater Detmold. Dort hatte The Wreckers von Ethel Smyth Premiere. Seit sich die Theatermacher an die Rehabilitierung von Komponistinnen begeben haben, gelangt das Stück hier und dort auf die Bühne. Für ein kleines Haus wie das in Detmold ist solch eine Aufführung eine Kraftprobe.

Kaum eine Oper ohne Liebe

Die Handlung ist nicht kompliziert. In einem kleinen Fischerdorf an der schroffen Küste Cornwalls warten die Menschen auf Sturm und Unwetter. Wenn dann ein Schiff havariert, plündern die Bewohner es nach altem Brauch und gehen dabei über Leichen. Der bigotte Pfarrer hilft eifrig mit, betet für das Unglück der anderen zugunsten des Glücks der Eigenen. Doch kein Schiff wird kommen, irgendjemand hat vorüberfahrende Frachter gewarnt. Wer war es?

Die Regie führende Intendantin Kirsten Uttendorf hat dankenswerterweise der Verlockung widerstanden, das Geschehen in unsere verwirrte Zeit zu verlagern. Wer klar im Kopf ist, wird nicht lange brauchen, um heutige Parallelen zu finden.

The Wreckers in Detmold (Foto:Quast)

Kaum eine Oper ohne Liebe. Auch hier. Der zweite Handlungsstrang, der gegen Ende die Sphäre der gesellschaftlichen Verkommenheit fast vollständig überdeckt, ist die unmögliche Beziehung zwischen der Pfarrersfrau Thirza und dem Fischer Mark, die beide das Verwerfliche des Geschäftsmodells sehen und sich ihm verweigern. Das muss in der Katastrophe enden und so kommt es dann auch: Am Ende stehen die beiden in der auflaufenden Flut und besingen die Ekstase ihres Liebestodes. Wagners Tristan und Isolde lassen herzlich grüßen. An Dramatik und Entrückung steht Smyths Musik der des Bayreuther jedenfalls kaum nach. 

Vorwärtsstrebende Einfälle

The Wreckers hat eine gewundene Entstehungsgeschichte. Les naufrageurs, die erste, französischsprachige Fassung von 1904, wurde nicht aufgeführt. Die zweite, als »Strandrecht« ins Deutsche übersetzte, wurde 1906 in Leipzig mit vielen von der Komponistin nicht autorisierten Änderungen uraufgeführt. Die dritte, nun englische Fassung hob Sir Thomas Beecham 1909 in London aus der Taufe. Diese Version wurde in Detmold verwendet.

Smyths Musik ist vorwärtsstrebend, voller guter Einfälle in Instrumentation und Affekt. Man spitzt erfreut überrascht die Ohren, was da aus dem voll besetzten Orchestergraben kommt. GMD Per-Otto Johansson verstand es prächtig, die Schätze zu bergen und einen satten und saftigen Orchesterklang zu entwickeln. Auch der Chor, der gleich zu Beginn und auch darauf zahlreiche zum Teil lange Passagen zu bewältigen hat, glänzte. Wenn alle Sängerinnen und Sänger auf der kleinen Bühne sind, bleibt kein Platz mehr zum Spiel. So muss man eben stehen. Macht nichts. 

Nur mit wenigen eher abstrakten Bauten ist die Bühne (Jule Dohrn-van Rossum) möbliert. Offenbar sollen sie zeigen, wie die Fischersleut ihr Dorf aus den Planken gestrandeter Schiffe zusammengezimmert haben. Das Personal ist in zeitlose Kostüme (Claus Stump) mit gedeckten Farben gekleidet. Den hellsten Stoff bekommt Thirza. Keine Wunder, durchschaut und verabscheut sie doch, was ihre Mitbürger so treiben.

Begeistertes Publikum

Die sängerische Leistung war im Durchschnitt gut. Hervorhebenswert Lotte Kortenhaus als Thirza mit feinem, zwischen Dramatik und innerer Ruhe wandelbarem Mezzo und Johanna Nylund mir raumfüllendem, dramatischem Sopran, der der Rolle der Intrigantin starke vokale Konturen verleiht. Die weiteren Rollen wurden von Marcel Brunner (Pascoe), Ji-Woon Kim (Mark), Jonah Spungin (Lawrence), Jaime Mondaca Galaz (Harvey), Nikos Striezel (Kneipenwirt Tallan) und sein Kind Jach (Franziska Pfalzgraf) gesungen. 

Das Publikum in dem kleinen, engen Theater war restlos begeistert. Zu Recht für die gebotene Leistung. Auf zu den »Wreckers in Detmold«!

Johannes Mundry

Mundry studierte Germanistik und Hispanistik in Marburg, Bonn und Madrid, 1. Staatsexamen und Magister Artium in Bonn mit Arbeiten über die dramatische Kunst bei Stefan George und seinem Kreis, seit 1991 Pressereferent und Zeitschriftenredakteur im Bärenreiter-Verlag, nebenberufliche Tätigkeit als Musikkritiker und Autor verschiedener Zeitschriften.

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