Athen als Vorbild für Hamburg?

April 18, 2025
3 mins read
Eine begehbare Rampe als Park auf dem Dach: Renzo Pianos Bau für die Griechische Nationaloper und -bibliothek (Foto: Yiorgis Yerolymbos)

Normalerweise sucht Stephan Knies in seiner Nordlicht-Kolumne nach innovativen Klassik-Projekten in Skandinavien. Aber wir dachten, der Junge muss mal in die Sonne. Nun ist er auch in Athen fündig geworden und stellt ein florierendes Opernhaus vor.

English summary: Hamburg’s new opera house follows models from Copenhagen and Athens, where private donors fund and build cultural landmarks. In Athens, the Stavros Niarchos Foundation created a modern complex with an opera house, park, and library. It hosts major productions and social projects like “GNO for all,” becoming a vibrant cultural hub—despite lacking a metro connection.

Die aktuelle Lösung in Hamburg sieht so aus: Ein Fracht-Milliardär schenkt der Metropole am Wasser ein neues Opernhaus. Seine Stiftung baut es und übergibt es dann schlüsselfertig der öffentlichen Hand. Neu ist das nicht – das Opernhaus in Kopenhagen ist so entstanden, mit recht viel Kritik daran, dass Arnold Mærsk Mc-Kinney Møller das Haus nach eigenem Geschmack bauen ließ. Es wurde vor genau zwanzig Jahren eröffnet. 2017 ist die Griechische Nationaloper zusammen mit der Nationalbibliothek und einem großen Kulturzentrum nach demselben Muster entstanden. Der (bereits verstorbene) Gönner, Stavros Niarchos, teilte mit Klaus-Michael Kühne übrigens auch die Liebe zur schönen Landschaft in der Schweiz und der Idee, dort seinen Wohnsitz zu nehmen.

Mit dem Bau genau auf der Stadtgrenze zwischen der Hauptstadt Athen und der Hafenstadt Piräus wurde damals Renzo Piano betraut, der italienische Stararchitekt. Er hat eine künstliche Rampe errichten lassen, ansteigend in Richtung Meer, mit einem Park bepflanzt. Die Plattform ganz oben heißt der »Leuchtturm«, er wäre sicher der weltweit größte seiner Art mit einem Dach auf dem Dach, inklusive Solarzellen auf einem ganzen Hektar! Nach Süden blickt man aufs Meer, auf der anderen Seite den Park hinunter bis auf die Akropolis. 

Großes Haus und alternative Bühne

In den Stockwerken darunter ist es licht und weit, das Opernhaus mit 1.400 und die Alternative Stage mit 400 Plätzen werden intensiv mit Leben gefüllt. Der große Saal ist fast immer ausverkauft mit den Repertoire-Schlachtschiffen von Tosca bis Lucia di Lammermoor. Das wäre sicher nicht so ohne die vielen Aktivitäten des Hauses: Mehrere Uraufführungen pro Spielzeit, soziokulturelle Ansätze, oder Projekte wie ein Film über die bisher weitgehend vernachlässigten Jahre in Griechenland der Nationalheiligen Maria Anna Cecilia Sofia Kalogeropoulou – Künstlerinnen-Name: Maria Callas.

Schick und modern: Die Stavros Niarchos Hall, der große Saal der Griechischen Nationaloper (Foto: Akriviadis)

Und, besonders wichtig, zahlreiche Projekte, die außerhalb des Hauses in der Stadt und der Region stattfinden, in Schulen, sozialen Brennpunkten, verschiedensten Communities. Ganz aktuell und heiß begehrt: Die Aktion »GNO for all«. Über zwei Jahre werden 10.000 Freikarten in allen Kategorien verlost, an besonders junge oder alte, bedürftige oder sozial benachteiligte Interessenten. Wer gewonnen hat, taucht fast immer auch auf.

Alexandros Efklidis, der Künstlerische Leiter der Alternative Stage, ist davon überzeugt, dass all diese Formate, die dem Haus und seinen Mitarbeitenden oft alles abverlangen, ein wichtiger Teil des Gesamtpaketes der Griechischen Nationaloper sind. Deswegen hat er unermüdlich neue Ideen, vom Stück über die Kultur der sephardischen Juden in Thessaloniki, das kürzlich Premiere hatte, bis zur artifiziellen Kunstoper. Eine eigene Video-Plattform bietet die Möglichkeit, in hochwertiger Aufbereitung orts- und zeitunabhängig zu erleben, was die Nationaloper bietet. 

Treffpunkt der Stadtgesellschaft ohne U-Bahn-Anbindung

Und draußen vor der Tür? Ist die Agora, so heißt ja der Treffpunkt für die Stadtgesellschaft schon seit der Antike, auf dem Festivals, Diskussionen, Konzerte stattfinden. Direkt auf der anderen Seite kann jeder in der Nationalbibliothek ungestört arbeiten oder sich auch dort ins Getümmel von Vorlesungen, Events und Führungen stürzen. Oder im Park auf der Rampe flanieren, es ist eine Ruhe-Oase im Fünf-Millionen-Gewusel ringsum. Viele gehen auch einfach so hierhin, gerne auch bis ganz aufs Dach mit dem sensationellen Blick. 

Was fehlt, ist die U-Bahn-Station, die ans ansonsten vollständig spendierte Kulturzentrum zu bauen die vertraglich vereinbarte Aufgabe des Staates gewesen wäre. Man muss also mit Bussen, Autos und Taxen hierher kommen. So hatte Niarchos sich das sicher nicht gedacht, dessen Stiftung inzwischen über eine Dreiviertelmilliarde in das Kulturzentrum investiert hat. Aber vielleicht wäre dieser besondere Ort ja mit Metro-Anschluss auch zu überlaufen… Viel Aufmerksamkeit bekommt er so oder so, auch innerhalb unserer Klassikblase. Im November etwa wird hier, unter dem »Leuchtturm«, der International Opera Awards ausgerichtet – eine schöne Belohnung für die beharrliche bemerkenswerte Arbeit, die das Team der Institution hier seit nunmehr acht Jahren leistet.

Transparenzhinweis: Die Oper in Athen hat die Reisekosten übernommen.

Stephan Knies

Stephan Knies ist Dramaturg, Musiker, Librettist und Autor und schnell begeistert von gutem Theater-Handwerk, frischen Ideen und ungewöhnlichen Formaten. Seine Opern-Moderationen, beispielsweise für sein Ensemble »D´Accord« und dessen Wagner-Paraphrasen im Haus Wahnfried in Bayreuth oder in der Hamburger Elbphilharmonie, stoßen beim Publikum auf relativ wenig Ablehnung. Ein Schwerpunkt seiner Reisetätigkeit für Magazine wie die »Opernwelt« ist Nordeuropa – von Riga bis Reykjavik.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

BackstageClassical ist in den Sommerferien

Die Klassik-Welt dreht weiter, aber wir machen Ferien. Am 1. September sind wir wieder für Sie da – mit täglichen News aus der Welt der Klassik. Bis dahin hier ein wenig Lektüre und

Publikumsbeschimpfug ist auch keine Lösung, Herr Mondtag

Ersan Mondtag nennt das Salzburger Publikum nach den Buh-Rufen für seine „Ariadne auf Naxos“ provinziell. Doch wer Kritik als Unfähigkeit abtut, verwechselt künstlerischen Anspruch mit Überheblichkeit – und verliert den Respekt vor

Friedman, Rienzi, Ring und Co. – eine Bayreuth-Bilanz

Peter Huth, ehemaliger Chefredakteur der Welt am Sonntag und Kommunikationschef von Axel Springer, bespricht mit Axel Brüggemann die erste Festspielwoche im Podcast von BackstageClassical. Auch Nathalie Stutzmann, Michel Friedman oder Katharina Wagner

Warum fällt Hinterhäuser der Abschied so schwer?

Markus Hinterhäuser ist nicht mehr Intendant der Salzburger Festspiele. Dennoch ist er allgegenwärtig. Der Streit um seine Trennung wirft Fragen nach Transparenz auf – und nach der Fähigkeit, ein Amt auch wirklich

Rienzi ist Wagners Monster

Die Dirigentin Natalie Stutzmann und die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka haben in Bayreuth mit ihrer Lesart von Wagners Rienzi begeistert – hier blicken sie hinter die Kulissen und erklären Ihre Ansätze.

Neuer Blick auf Karajan

Karajans Rolle im Nationalsozialismus muss historisch genau betrachtet werden, sagt Biograf Wolfgang Rathert und fordert wissenschaftliche Sachlichkeit in der Karajan-Debatte. Dabei attestiert er dem Dirigenten Skrupellosigkeit in seiner Karriere.

12 Wurstfinger und ein König

Der KI-Ring in Bayreuth ist ein anstrengendes Unterfangen. Die von Marcus Lobbes kuratierten Bilder erinnern an die Pionierzeit der künstlichen Intelligenz. All das scheint nicht nur das Publikum abzulenken, sondern auch das

Diktator sind wir alle

150 Jahre Bayreuth: Zwischen Festakt und Rienzi drehen die Festspiele ihre eigene Geschichte durch den Necker-Würfel. Ein Essay über Erinnerung, Macht, Populismus – und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Lieber Igor Levit,

Igor Levit und Danger Dan dürfen beim ZDF nicht auftreten – nun stilisieren sie sich zum Opfer. So geht PR.

Verpassen Sie nicht ...