Lyniv kritisiert Currentzis scharf

März 7, 2024
3 mins read
Die Dirigentin Oksana Lyniv (Foto: Oleg Pavlyuchenkiy)

Lange hat die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv über den griechischrussischen Dirigenten Teodor Currentzis geschwiegen, nun kritisiert sie ihn scharf aufgrund seines Schweigens zum Angriffskrieg auf ihre Heimat. Auslöser sind die Wiener Festwochen.

Der neue Intendant Milo Rau hatte geplant, Lyniv und das Kyiv Symphony Orchestra im Juni mit dem Kaddish Requiem „Babyn Jar“ des Ukrainers Jevhen Stankovych auftreten zu lassen, zudem soll das SWR-Orchester unter seinem Chefdirigenten Teodor Currentzis Benjamin Brittens „War Requiem“interpretieren.

Das Festival wolle „die Frage nach der Verantwortung und nach den Grenzen der Kunst als utopischem Raum in aller Schärfe thematisieren. “Diese Idee war mit Lyniv wohl nicht abgesprochen. Deshalb stellte die Dirigentin nun ihre Teilnahme infrage: „Ich kann es gegenüber den fast 150 Musikerinnen und Musikern, die aus dem Krieg in der Ukraine nach Wien reisen, nicht verantworten, in einem Kontext mit Teodor Currentzis gestellt zu werden und eventuell sogar an einem Whitewashing teilzunehmen“, erklärte Lyniv.

Lyniv ist derzeit Chefdirigentin in Bologna und war die erste Frau, die bei den Bayreuther Festspielen dirigiert hat. Ihre CurrentzisKritik bezieht sich auf die Russland-Beziehungen des griechischen Dirigenten, der noch nach der Annexion der Krim die russische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Currentzis’ russisches Orchester „MusicAeterna“wird von der sanktionierten VTB-Bank unterstützt, er tritt in Konzerten auf, die von Gazprom unterstützt werden und hat sich bis heute nicht davon distanziert, dass Musiker seines Orchesters deutsche Journalisten auf einer Deutschland-Tournee als „Nazis“beschimpft haben.

Zum Angriffskrieg Russlands schweigt Currentzis. Ein ähnliches Vorhaben scheiterte 2023 in Wiesbaden. Hier hatte Intendant Uwe Eric Laufenberg ohne Absprache mit den Künstlerinnen gehofft, dass der Chor der Nationaloper Kiew in einem Kontext mit Anna Netrebko auftreten würde. Als der Chor erfuhr, dass er zum Whitewashing nach Deutschland kommen sollte, sagte er ab. Später gab auch die russische Oppositions-Punk-Band Pussy Riot dem Intendanten einen Korb.

Milo Rau zeigt Verständnis für Lynivs Bedenken. Bereits vor der Absage der Dirigentin hatte er erklärt, dass er einen Auftritt von Currentzis und dem SWR-Orchester ohne ukrainischen Gegenpol für „fragwürdig“halte. An dieser Einschätzung hält er noch immer fest.

Kritik an dem von den Wiener Festwochen effektvoll inszenierten Showdown zwischen einem in Russland gefeierten Künstler mit einer ukrainischen Dirigentin wurde im Netz schnell laut. Auf Facebook wurde der Vergleich angestellt, dass es wirke, „als wollen die Festwochen Vergewaltiger und Opfer unter einem Dach präsentieren“. Andere Stimmen kommentierten: „Dachten die sich, man könnte Lyniv und Teodor Currentzis quasi wie im Hahnenkampf gegeneinander antreten lassen?“

»Ich kann es gegenüber den fast 150 Musikerinnen und Musikern, die aus dem Krieg in der Ukraine nach Wien reisen, nicht verantworten, in einen Kontext mit Teodor Currentzis gestellt zu werden.«

Oksana Lyniv (Dirigentin)

Milo Rau zeigt sich erstaunt über die heftigen Reaktionen und sagt, er sei offensichtlich nicht gänzlich über Currentzis’ Arbeit in Russland informiert gewesen. Als Regisseur des Filmes „Die Moskauer Prozesse“hatte Rau gezeigt, dass er durchaus Sympathie mit Putin-Gegnern wie der Band Pussy Riot hat. Nun will der Festwochen-Intendant unbedingt am Konzert des Kaddish Requiems mit der ukrainischen Dirigentin festhalten. „An allem anderen halte ich nicht krampfhaft fest, da befinden wir uns nun in einem Prozess der Abstimmung mit allen Beteiligten“, sagt er.

Oksana Lyniv zeigt sich zuversichtlich, dass „wir in den nächsten Wochen eine gemeinsame Lösung mit den Wiener Festwochen finden.“Sie bleibt allerdings bei ihrer ursprünglichen Forderung, nicht im Kontext mit Teodor Currentzis aufzutreten.

Auch der SWR schweigt. Man wolle den Fall nicht kommentieren, heißt es aus der Pressestelle des Senders. Dabei geraten das SWR-Orchester, seine Gesamtverantwortliche, Sabrina Haane, und Intendant Kai Gniffke weiter unter Druck. Es ist wohl einzigartig, dass der Chefdirigent eines von Gebühren finanzierten deutschen Radioorchesters nach dem Krieg sowohl im In- als auch im Ausland aufgrund seiner politischen Haltung gemieden wird.

Während die Salzburger Festspiele noch eine Art Sommerresidenz für Currentzis sind, haben die Philharmonie Köln und das Konzerthaus in Wien bereits vor einiger Zeit angekündigt, ihn vorerst nicht mehr zu engagieren. In Köln wurde ein bereits geplantes Konzert mit dem SWR Orchester deshalb abgesagt.

Kölns Intendant Louwrens Langevoort erklärte damals, dass die Aktivitäten und die Finanzierung von Currentzis’ eigenen Ensembles vermuten ließen, dass der Dirigent „dem russischen Regime sehr nahesteht“. Und auch beim Lucerne Festival steht der Chefdirigent des SWR derzeit nicht mehr auf dem Programm. Die Stiftung der Berliner Philharmoniker teilte mit, dass es kein Vertragsverhältnis der Stiftung mit Currentzis oder dessen Orchester „Utopia“für den kommenden Auftritt in der Philharmonie im Mai gebe.

Eine Pressesprecherin der Philharmonie erklärt: „Wir vermieten Termine, die dann von den Gastveranstaltern mit Programmen gefüllt werden. In diese Programme reden wir den Gastveranstaltern nicht hinein, und wir kennen sie zum Zeitpunkt der Vergabe auch nicht. Unterbinden können wir nur Veranstaltungen, die die öffentliche Ordnung gefährden.“

Es dürfte für den SWR eine Gretchenfrage werden, wie die Situation bei den Wiener Festwochen gelöst wird. Denkbar sind verschiedene Szenarien: Das Orchester tritt ohne seinen Chef an oder zieht sich komplett vom Auftritt in Österreich zurück. Ebenfalls nicht ausgeschlossen, dass Currentzis durch einen anderen Dirigenten aus Russland ersetzt wird, etwa durch Kirill Petrenko oder Vladimir Jurowski, die in der Vergangenheit durchaus Gespür und Haltung gegenüber den Opfern des russischen Angriffskrieges gezeigt haben.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Vorwürfe gegen François-Xavier Roth

Das französische Magazin Le Canard enchaîné erhebt schwere Vorwürfe gegen den Dirigenten. Sieben Musikerinnen und Musiker berichten von Übergriffen. Auch das VAN Magazin hat berichtet.

Milo Raus Sozialkitsch-Mozart

Milo Rau bringt bei den Wiener Festwochen seine La Clemenza di Tito mit und zeigt unfreiwillig, dass verkitschte Sozialromantik in diesen Zeiten eine ziemlich zahnlose Kunst ist.

Puccini schrieb keinen Pasolini

Viel Kritik für Kornél Mundruczós Tosca-Premiere an der Bayerischen Staatsoper in München. Begeistert hat das Sängerensemble. Eine Rezensions-Rundschau.

Das Ende der Kultur, wie die AfD es plant

Das Kulturprogramm der AfD ist eindeutig: Staatliche Förderungen sollen radikal gekürzt werden. Kultur nur unterstützt, wenn sie den Menschen auch gefällt - und: wenn sie die Heimat stärkt. Eine Spurensuche.

Dirigenten im Schatten der Intendanz?

Heute mit einem Blick in die Verhandlungen von Joe Chialo, einer Debatte über unsere Klassik-Museen, über einen Aufschrei der Musikdirektoren und der großen Frage: Was trinken wir eigentlich in der Konzertpause?  

Musik in Zeiten des Krieges

Der Pianist Kirill Gerstein führt in diesem Text durch sein neues Album, das Musik von Komitas, dem Begründer der armenischen nationalen Musikschule, neben die von Claude Debussy stellt. Der eine verarbeitet den
Der Dirigent Marcus Bosch mit Stab im Mund

»Dirigenten haben das Gefühl großer Ohnmacht« 

Der Vorsitzende der Konferenz der Generalmusikdirektoren, Marcus Bosch, fordert mehr Rücksicht von Intendanten und beklagt die derzeitigen Strukturen an deutschen Theatern: Oft würden die GMD nicht an Entscheidungen beteiligt.

Ab heute: Zürich streamt »Ring« für alle

Die Zürcher Oper bietet in den kommenden Tagen den gesamten Ring des Nibelungen von Richard Wagner als Live-Stream an. Alle Teile stehen dann zwei Wochen lang kostenlos zur Verfügung. Mit dabei: Tomasz

Don't Miss