Lieber Igor Levit,

Oktober 15, 2025
1 min read
Der Pianist Igor Levit (Foto: Sony Classical)

es ist kein Geheimnis, dass wir noch nie wirklich Freunde waren. Dabei würde ich vieles, was Sie sagen sofort unterschreiben: Kampf dem Antisemitismus. Jawoll! Kampf den Diktaturen. Na logo! Und mehr Ökologie will ich auch wagen – so wie Sie. 

Aber ich habe Angst vor Ihrem Superlativismus! Wenn Sie Brahms spielen, ist er der einzige Gott, wenn Sie Nick Cave lesen, hat er» das Beste, was je ein Musiker über die Musik gesagt« hat, formuliert, und wenn sie das alte Twitter im Zorn auf Elon Musk verlassen, tun Sie das radikal, unwiderruflich – für immer …

… bis Sie einige Monate später ganz selbstverständlich auf X zurückkehren. Sie sind ein Propagandist des Augenblicks, Igor Levit, eine Eintagsfliege für Feuilleton-Sprechblasen. Ihre Postionen sind wie die Tasten Ihres Klaviers: schwarz oder weiß.

Aber Superlativismus ist der Bruder des Egoismus. Leute wie Donald Trump leiden auch darunter. Sie sind stets persönlich vom Lauf der Welt betroffen. Und wenn nicht, schreiben Sie sich selber in die Weltgeschichte ein. Sie sind wie ein Forrest Gump der Musik: Zufällig immer und überall mittendrin, wo gerade Geschichte geschrieben wird!

Sie haben angekündigt, dass Sie mit Alon Ohel, der gerade als Geisel aus der Hamas-Hölle zurückgekehrt ist, vierhändig spielen wollen. Als gäbe es gerade nichts Wichtigeres für ihn, für uns – für die Welt. 

Was ist eigentlich aus Ihrer Mutterliebe zu Claudia Roth geworden? Aus Ihrer Freundschaft zu Karl Lauterbach? Wirft sich Ihnen Carsten Brosda noch immer an den Hals – und wie stehen Sie zur seiner Kühne-Oper in Hamburg? Was sagen Sie zu Currentzis in Salzburg? Schweigen Sie etwa, wenn Ihre Meinung Ihre Auftritte gefährden könnte? 

Leider wird es auch musikalisch immer unaufregender bei Ihnen. Gerade habe ich die goldenen Plakate des Wiener Musikvereins gesehen, dass Sie inzwischen ausgerechnet Günter Groissböck begleiten. Mensch, lieber Igor Levit, da hatte ich fast ein bisschen Mitleid mit Ihnen. Na, vielleicht kommt Karl Lauterbach ja zum Konzert.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Was Sachsens Theatern blüht

Sachsens Kulturszene läuft Sturm gegen den geplanten Doppelhaushalt 2027/28. Der Gesamthaushalt wächst auf rund 53,5 Milliarden Euro, bei der Kultur sind dennoch Einschnitte geplant. Wir zeigen, wen es besonders hart trifft.

Verflacht jetzt auch der Deutschlandfunk?

Die letzte Bastion des Kulturauftrags verändert ihren Kurs. Ein internes »Stylebook« des Deutschlandfunks zeigt, wohin die Reise geht: breiter, zugänglicher, gesellschaftlicher. Was als Öffnung gedacht ist, könnte zu einer massiven Verflachung führen

Sony Classical verliert seine Eigenständigkeit

Per Hauber geht, einen Nachfolger gibt es offenbar nicht. Schon 2024 hatte sich Michael Brüggemann zurückgezogen. Sony Classical bleibt – aber seine Eigenständigkeit schwindet. Dahinter steht eine größere Frage: Wie viel ist

Empathietheater statt Regietheater

Unsere Zeit ist brutal. Und an unseren Bühnen wird die Sehnsucht nach Sanftheit immer lauter. Ein neues Theater entsteht: Es will nicht mehr belehren und entlarven, sondern zuhören und berühren und Menschen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Eine Kritik der Kritik: Alles blöde, nur das Orchester ist gut? Die Kritik will gern was gutes finden. Aber es geht nicht um Lobhudelei, sondern auch um Fakten.

Meisterliches Minden

Mit den »Meistersingern von Nürnberg« endet nach 24 Jahren ein einzigartiges Wagner-Projekt. Philipp v. Studnitz erlebt in dem kleinen Stadttheater große Oper – mit Frank Beermann, einem brillanten Ensemble und einem Minimalismus,

Verpassen Sie nicht ...