»Wo ist das Problem, München?«

April 25, 2024
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Der Regisseur Barrie Kosky über München, Kassel und den Rest der Welt (Foto: Salzburger Festspiele, Windszus)

Barrie Kosky im BackstageClassical-Podcast über die Zukunft von Serge Dorny und Vladimir Jurowski, über Regisseure als Intendanten und seinen Anspruch an Dirigenten.

Barrie Kosky ist erster Gast im neuen Format »Guten Morgen, …« von BackstageClassical. Und es geht gleich zur Sache: Barrie Kosky versteht den aktuellen Opern-Zoff in München nicht (in der bayerischen Hauptstadt wird um die Verlängerung von Intendant und GMD gerungen) und erklärt, warum er an Serge Dorny und Vladimir Jurowski festhalten würde. Mit Blick auf Kassel sagt er, es sei »Bullshit«, wenn man behaupte, dass Regisseure, die als Intendanten arbeiten, die Musik vernachlässigen würden. Kosky warnt: »Oft sind die Minderheiten in einem Haus besonders laut.«  Außerdem erklärt er, warum Katharina Wagner zielsicher Regisseure für Bayreuth eingeladen hat, die jetzt als Intendanten Karriere machen.

Der neue BackstageClassical-Podcast »Guten Morgen, …«

Hier die wichtigsten Themen und Zitate aus dem Podcast: 

Was ist denn da los, in München?

»Ich habe keine Ahnung, was da plötzlich los ist! Ich kenne das Haus noch von Nikolaus Bachler, der das sehr gut gemacht hat! Und ich erlebe nun den Wandel unter Serge Dorny. Das ist natürlich ein gewaltiger Bruch. Aber ein Bruch ist ja auch nötig. Serge Dorny mit seiner Erfahrung aus Lyon ist für mich ein Intendant, der natürlich aneckt, der Haltung hat, der eine starke Meinung vertritt. Gerade in München ist doch klar, dass das Haus (das in seiner Struktur mit der Wiener Staatsoper vergleichbar ist) sich ändern muss. Es verändert sich derzeit ja die ganze Definition von Opernstars: Die Zeit nach Jonas Kaufmann und Anna Netrebko wird das Ende dieser alten Definition von »großen Opernstars« sein. Und jeder Intendant muss deshalb immer auch große Fragen stellen und Antworten für eine Weiterentwicklung finden. Das ist die Definition eines Intendanten. Dass ein Teil des Hauses da manchmal nicht mitzieht, ist doch klar. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es oft eine Minderheit ist, die eine sehr laute Stimme hat. 

Und was halten Sie von Vladimir Jurowski?

Für Vladimir Jurowski gilt das Gleiche. Wer sollte denn nach Kirill Petrenko kommen? Ich halte Vladimir für den perfekten Nachfolger! Weil er eben nicht Petrenko ist, sondern ein ganz eigener Musiker. Er gehört zu einer Hand voll Dirigenten, die Oper wirklich dirigieren können – und das zeigt er in der ganzen Welt. Da sollte man in München doch glücklich sein! Was ich in der aktuellen Situation nicht verstehe: Das Haus in München beginnt zu brodeln, es gewinnt Preise und die Auslastung kommt zurück. Wo ist das Problem?«

Ist die Politik mit dem Kultur-Management überfordert?

»Das hängt von den jeweiligen Städten ab, oft von einzelnen Personen. Auf der einen Seite will Politik sich nicht in die Kunst einmischen – und das ist ja auch richtig. Auf der anderen Seite muss sie Verantwortung übernehmen. Was ich wichtig finde, ist, dass Politiker aus Überzeugung handeln und sagen: »Das ist unser Kandidat! Den oder die will ich!« Dann muss man allerdings auch in schwierigen Zeiten zu dieser Person stehen. Mit Klaus Wowereit hatte ich in Berlin einen paradiesischen Partner: Er hat mich zum Essen eingeladen und mir in seiner Küche das Angebot gemacht, die Komische Oper zu leiten. Nach einer Woche hatte ich einen fertigen Vertrag – und alle Freiheiten, die ich mir gewünscht habe.«

Warum werden eigentlich so viele Bayreuth-Regisseure Intendanten?

Barrie Kosky und Axel Brüggemann beim Carpool Karaoke in Bayreuth

»Stefan Herheim, Tobias Kratzer, Valentin Schwarz – und ich! Ist doch klar: Man muss den Katharina Wagner-Stempel haben, um ein großes deutsches Haus leiten zu dürfen! Man muss sich erst einmal im Feuer von Bayreuth durchsetzen! Nein, im Ernst: Es ist schon lustig, dass ein paar Bayreuth-Regisseure heute als Intendanten arbeiten. Früher waren Jossi Wieler, Andreas Homoki und ich allein. Ich finde es toll, dass zunächst mit Stefan Herheim und nun mit Tobias Kratzer oder Valentin Schwarz immer mehr Regisseure Intendanten werden. Das ist ein frischer Wind! Das deutsche Subventionssystem erlaubt uns zu experimentieren, ja auch Flops zu landen – und vielleicht sind Regisseure zu diesem Risiko mehr bereit als reine Manager.«

Sind Regisseure die besseren Intendanten? 

»Ein Regisseur kommt vielleicht mit einer anderen Haltung in ein Opernhaus. Jossi Wieler und ich waren damals die einzigen Regie-Intendanten bei der Opernkonferenz – und wir haben immer gesagt: »Schade, dass hier nicht 50 Prozent Regisseure oder Dirigenten sind.« Klar, es gibt wunderbare Manager, ich finde auch, dass Bernd Loebe, Nikolaus Bachler oder Gerard Mortier tolle Jobs gemacht haben. Ein Regisseur sieht das Haus mehr als eine Vorstellung an sich, die Oper als eigentliche Bühne – und die Menschen in der Stadt als ein Teil der ganzen, gesellschaftlichen Inszenierung.«

In Kassel wird Florian Lutz vorgeworfen, sich nicht um die Musik zu kümmern …

»Das ist doch absoluter Bullshit! Ich kenne die Situation in Kassel nicht genau. Ich kann das aber für Kratzer, Herheim und mich sagen: Wir haben super Beziehungen zu unseren Dirigenten. Wir sind alle musikalisch und respektieren die Musik. Die Idee, von Orchestern, dass Regisseure die Musik grundsätzlich gefährden, ist absoluter Bullshit! Klar gibt es manchmal persönliche Probleme, und ich will mich in Kassel auch nicht einmischen, aber: Ich erwarte auch von Musikdirektoren mehr Interesse an der Bühne. Es gibt da leider einige, die ihre Position nur so verstehen, dass sie verantwortlich für das Orchester sind – aber das ist eben nicht alles.«

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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