Die kulturpolitische Schande der CDU

April 9, 2025
2 mins read
Joe Chialo (Foto: Heidrich)

Joe Chialo soll vermutlich Bundesbeauftragter für Kultur im Kabinett Merz werden. Eine fatale Fehlentscheidung. Ein Kommentar.

English summary: Joe Chialo may become Federal Commissioner for Culture under Merz—a disastrous choice. Once a reliable cultural ally, the CDU risks its integrity by promoting a man seen as arrogant, unprepared, and disrespectful.

Ich bin Wechselwähler mit (das gebe ich gern zu) einer Tendenz zu grünen Themen. In der Kulturpolitik stand ich allerdings seit jeher eher auf der konservativen Seite. Für mich schien die CDU – sowohl in den Ländern als auch im Bund – stets ein verlässlicher Partner der Kulturschaffenden. Eine Partei, der bürgerliche Werte und traditionelle Bildung wichtig sind. Während die Grünen Ende der 1990er Jahre als erste Partei die Kulturbürgermeister in des Städten abgeschafft und Leuchtturm-Kultur gegen (sicherlich auch wichtige) Sozialprojekte ausgespielt haben, blieb die CDU weitgehend stabil: Sie glaubte weiterhin an die Werte, die in Theatern, Orchestern und Opernhäusern verhandelt werden. Vor allen Dingen aber pflegte sie einen kultivierten Umgangston innerhalb der Kultur.

Und dann kam Joe Chialo!

Seit er zum Kultursenator der Hauptstadt wurde, lässt er keine Situation aus, um zu zeigen, wie geringschätzig Kulturpolitik gegenüber kulturellen Institutionen und ihren Menschen agieren kann. Chialo (einst ebenfalls ein Grüner) ist zur kulturellen Schande der CDU geworden. Zu Recht hat Michel Friedman seine Arbeit bei BackstageClassical als »respektlos« kritisiert

Wer sich mit Chialos ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterhält, hört wenig Gutes. In seiner Abteilung soll schlechte Stimmung herrschen, kaum ein Kulturschaffender in Berlin würde Chialo gute Vorbereitung und intensives Aktenstudium attestieren. Von »Beratungsresistenz« ist die Rede und von einem »aufbrausenden« Charakter. Aus dem Kulturbetrieb hört man, dass Chialo bei Sachfragen schlecht zuhöre, angesprochene Probleme ignoriere und mangelnde Sachkenntnis immer wieder durch ein Lächeln oder durch eine aggressive Diskussionsführung an die Seite dränge. Der trotzige Satz »Als Senator kann ich das machen« ist in seinem Büro zu einem geflügelten Wort geworden.

Ich nehme Joe Chialo seither als rücksichtslosen politischen Karrieristen wahr, dem es weniger um die Sache geht, die er vertreten sollte, als um seinen eigenen Aufstieg. Als jemanden, der lieber bei Wahlkampfauftritten neben Friedrich Merz posiert als sich ins Klein-Klein der Berliner Sparpolitik zu vertiefen. Joe Chialo hat den Zorn eines Großteils der Berliner Kulturschaffenden auf sich gezogen und das Amt von Thomas Flierl und Klaus Lederer zu einer Ego-Show geschrumpft. Seine Freunde sind Ulf Poschardt und vielleicht auch Spin Doctor Axel Walrabenstein. Das ist vielsagend. Für mich ist Joe Chialo der kulturloseste Kultursenator, den ich erlebt habe. Und noch schlimmer: Ein Politiker, der die Anstandskultur verloren zu haben scheint! Besonders im Umgang mit Kulturschaffenden in einer Krisensituation.

Dass er nun Claudia Roth beerben soll, zeigt, dass die CDU unter Friedrich Merz (neben vielen anderen Werten) nun auch ihre kulturelle Expertise verspielt. Ist der Posten des Kulturbeauftragten der Bundesregierung für die CDU wirklich ein Schacher-Posten? Der Job am Kabinettstisch nur die Belohnung für opportunistische Karriere-Politiker? Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) hätte der Bundeskultur eine neue Vision geben können, Joe Chialo (so viel wage ich vorauszusagen) wird die Empfänge und Auftritte in erste Line als gigantische Inszenierung in eigener Sache verstehen.

Trotzdem ist das Aufatmen in Berlin unüberhörbar: »Endlich ist er weg!« Wohl selten wurde ein Kulturpolitiker so sehr aus dem Senat gewünscht wie Joe Chialo. Nun ist sein Job frei für Sarah Wedl-Wilson. Die ehemalige Direktorin der Hanns Eisler Musikhochschule ist bestens in der Klassik vernetzt, genießt das Vertrauen der Kulturschaffenden und ist bereit, die großen Herausforderungen anzunehmen, die der Berliner Haushalt an die Kultur stellt.

Das ist die gute Nachricht am »Aufstieg« von Joe Chialo: Als Bundesbeauftragter für Kultur kann er weniger kaputt machen als in Berlin. Aber ich ahne schon jetzt, wenn ich ihn dann irgendwo auf einem roten Kultur-Teppich sehe, wird es mir schwer fallen, das Gefühl zu unterdrücken, dass hier ein Mann lächelt, der die kulturpolitische Tradition seiner Partei brutal zerstört hat.  

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Regeln für Bogenholz verschärft

Die CITES-Vertragsstaatenkonferenz hat die Schutzbestimmungen für Fernambukholz (Pernambuk) deutlich verschärft, zugleich aber eine weitgehende Entwarnung für reisende Musikerinnen und Musiker gegeben.

Lieber Lang Lang,

Brief an Lang Lang, der gerade Rolf Zuckowskis »Weihnachstbäckerei« zu Grunde gerichtet hat.

»Wir sind underwhelmed«

Podcast: In »Takt & taktlos« debattieren Hannah Schmidt und Axel Brüggemann die Performance von Wolfram Weimer, die Oper in Hamburg, Kürzungen in Stuttgart, Wien und Berlin und die Frage nach Resozialisation in

Liebe Anne-Sophie Mutter,

so wie Sie hört sich Würde an! Fast 50 Jahre stehen Sie nun auf der Bühne. Ihre Begegnung mit Herbert von Karajan ist bundesdeutsche Klassik-Geschichte. Danach haben Sie allen gezeigt, was langer

Lieber Markus Hinterhäuser,

Brief an Markus Hinterhäuser, der das Programm der Salzburger Festspiele 2026 herausgegeben hat. Alte Bekannte und wenig Überraschungen.

Verpassen Sie nicht ...