Kommunen zwischen Autonomie und Überforderung: Deutschlands Kommunen geraten an ihre Grenzen – mit gravierenden Folgen auch für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wie kann man trotz Krise handlungsfähig bleiben?
English summary: German municipalities are under severe financial strain, with rising deficits threatening culture, public services, and local autonomy. The article calls for “radical hope”: acting now through cooperation, experimentation, and stronger local self-government rather than waiting for perfect reforms.
Ein Gastbeitrag von Marc Grandmontagne und Ayad Al-Ani
Heute findet der bundesweite Aktionstag »Kommunen am Limit« statt. Anlass sind die dramatisch gestiegenen Defizite der kommunalen Haushalte. Während die Kommunen bundesweit im Jahr 2022 noch einen Überschuss von 4,5 Milliarden Euro erwirtschafteten, lag das Defizit 2025 bereits bei rund 30 Milliarden Euro. Auch Ingolstadt nimmt am Aktionstag teil, aus gutem Grund: Der Haushalt weist 2026 bei einem Gesamtvolumen von rund 920 Millionen Euro ein Defizit von etwa 66 Millionen Euro auf. Er ist nicht genehmigungsfähig. Die Stadt befindet sich in der vorläufigen Haushaltsführung, mit erheblichen Folgen für ihre Handlungsfähigkeit.
Ingolstadt ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom. Die Krise der fünftgrößten Stadt in Bayern verweist auf ein strukturelles Problem, das Kommunen in ganz Deutschland betrifft. Und gerade deshalb braucht es mehr als eine Diagnose. Es braucht eine Haltung, die wir Radikale Hoffnung nennen: die Fähigkeit, unter unzureichenden Bedingungen handlungsfähig zu bleiben, ohne auf die eine große Lösung von oben zu warten. Was das konkret bedeutet, zeigt sich am Schluss dieses Textes. Zunächst jedoch zur Lage.
Na und? – von wegen!
Neue Projekte können grundsätzlich nicht begonnen werden. Investitionen sind nur noch dort möglich, wo sie rechtlich oder sachlich zwingend erforderlich sind und über Kredite finanziert werden können. Viele Vorhaben werden verschoben oder ganz aufgegeben. Die Kommune verliert damit einen wesentlichen Teil ihrer finanziellen Autonomie und unterliegt der Aufsicht der Bezirksregierung. Investitionen müssen genehmigt werden, politische Gestaltungsspielräume schrumpfen.
Na und?, könnte man einwenden. Alle müssen derzeit den Gürtel enger schnallen. Warum sollten Kommunen eine Ausnahme bilden? Die Antwort lautet: Weil Kürzungen und das Zurückfahren von Ausgaben allein das Problem nicht lösen.
Seit Jahren lässt sich in Deutschland ein strukturelles Ungleichgewicht beobachten. Kommunen übernehmen immer mehr Aufgaben, während ihre finanziellen Spielräume gleichzeitig schrumpfen. Betroffen sind zentrale Bereiche der Daseinsvorsorge – von sozialer Infrastruktur über Integration, Kultur und Gesundheit bis zur Klimaanpassung. Von der digitalen Transformation der kommunalen Einrichtungen ganz zu schweigen. Sichtbar wird die Schieflage besonders dort, wo Einschnitte politisch am leichtesten durchsetzbar sind: bei den sogenannten freiwilligen Leistungen.
Theater, Museen, Bibliotheken, Volkshochschulen (zumindest teilweise), Jugendzentren, Musikschulen, Schwimmbäder, Sportstätten und Vereine geraten unter Druck – nicht, weil sie unwichtig wären, sondern weil sie institutionell am schwächsten abgesichert sind. Was gekürzt wird, sind oft genau jene Projekte und Orte, an denen gesellschaftlicher Zusammenhalt, Reflexion und Initiative entstehen.
Strukturelle Schieflage
Die eigentliche Krise reicht tiefer als die Frage einzelner Haushalte. Es handelt sich um eine strukturelle Schieflage unseres Staatsaufbaus. Aufgaben werden dezentralisiert, finanzielle Ressourcen und Entscheidungsmacht bleiben dagegen weitgehend zentralisiert. Die kommunale Ebene übernimmt inzwischen rund ein Viertel der staatlichen Aufgaben, verfügt jedoch nur über einen Bruchteil (schätzungsweise ein Siebtel) der entsprechenden Einnahmen.
Kommunen geraten dadurch in eine paradoxe Rolle. Sie sollen grundlegende Aufgaben erfüllen und darüber hinaus gesellschaftliche Probleme lösen, ohne über die notwendigen Mittel zu verfügen. Verantwortung ist in Deutschland lokalisiert, Ressourcen bleiben zentralisiert.
Dabei galt die Stärkung kommunaler Ebenen lange als demokratisches Versprechen. Demokratische Denker von John Dewey bis Benjamin Barber sahen in Kommunen und lokalen Netzwerken Orte politischer Erneuerung. Der Sozialphilosoph Michael Sandel sieht in den regionalen Ebenen gar die zentralen Funktionen der Gesellschaft abgebildet. Entscheidungen sollten näher an den Lebensrealitäten der Menschen getroffen werden: flexibler, pragmatischer und demokratischer.
Die deutsche Realität sieht vielerorts anders aus. Die Verantwortung und Aufgaben wandern nach unten, die Handlungsmöglichkeiten bleiben begrenzt. Aus Autonomie wird Überforderung.
Kultureinrichtungen müssen Schließen
Die Folgen zeigen sich überall. Werden Straßen nicht instandgesetzt, Schulen nicht saniert oder öffentliche Gebäude nicht modernisiert, schließen Kultureinrichtungen oder werden Integrationskurse nicht mehr gefördert, wachsen die Probleme – und mit ihnen die Kosten ihrer späteren Behebung. Ingolstadt steht exemplarisch für viele Städte und Gemeinden, in denen Eltern über marode Schulen klagen, Kitaplätze fehlen und Feuerwehren mit veralteter Technik arbeiten.
Wenn der öffentliche Nahverkehr außerhalb der Ballungsräume aus Kostengründen reduziert werden muss, kann auch eine gepriesene Mobilitätswende nicht gelingen. Kultur- und Sporteinrichtungen leben vielerorts von ihrer Substanz. Manchmal nicht einmal mehr davon. In Ingolstadt wurde mit der letzten Vorstellung Ende Mai das Schauspielhaus geschlossen. Das Gebäude ist baulich am Ende, die Mittel für eine Sanierung fehlen.
Und es geht nicht nur um Gebäude. Kommunale Gestaltungsmöglichkeiten reichen weit über Beton und Infrastruktur hinaus. Sie betreffen die Qualität frühkindlicher Bildung, die Unterstützung von Kindern mit Sprachdefiziten, die Unterbringung und Integration von Geflüchteten, die Förderung von Vereinen, die soziale Aufgaben übernehmen, oder die Schaffung von Begegnungsorten für jüngere oder ältere Menschen und unterschiedliche Generationen. Deshalb garantiert Artikel 28 Absatz 2 des Grundgesetzes den Kommunen das Recht auf Selbstverwaltung. Demokratie bewährt sich nicht zuerst in Berlin oder Brüssel. Sie bewährt sich dort, wo Menschen leben, arbeiten, zur Schule gehen und ihren Alltag gestalten.
Freiwillige Leistungen
Haushaltsrechtlich gelten viele dieser Leistungen als freiwillig. Wenn kommunale Haushalte ins Wanken geraten, muss mangels Alternativen oft genau dort gestrichen werden. Gesellschaftspolitisch sind genau diese Aufgaben oft unverzichtbar.
Ohne Investitionen und „freiwillige Angebote“ verlieren Städte und Gemeinden schrittweise ihre Attraktivität und ihre Handlungsfähigkeit. Aus einzelnen Defiziten wird eine Abwärtsspirale. Die gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Kosten sind erheblich. Zugleich untergräbt die Erfahrung politischer Ohnmacht das Vertrauen in demokratische Institutionen. Wer die Zukunftsfähigkeit und Demokratie Deutschlands stärken will, muss deshalb die Kommunen stärken.

Ein Blick ins Ausland zeigt, dass die gegenwärtige Situation keineswegs naturgegeben ist. In Schweden verfügen Kommunen über eigene, stabile Steuerquellen und können langfristiger planen. In Dänemark gelten Kultur- und Bildungsangebote selbstverständlich als Teil der sozialen Infrastruktur und werden entsprechend gefördert. Die deutsche Situation ist politisch gestaltet – und damit auch politisch veränderbar.
Reformen statt Reparaturbetrieb
Zwar wird regelmäßig über Reformen gesprochen, doch aus kommunaler Sicht gehen viele Vorschläge am Kern des Problems vorbei. Mitunter drohen sie die Belastungen sogar zu verschärfen. So könnten etwa die derzeit diskutierten Reformen in den Bereichen Gesundheit und Pflege die kommunalen Haushalte zusätzlich unter Druck setzen. Das verweist auf ein grundlegendes Problem: Die Ebene der Städte und Gemeinden wird politisch als Vollzugsorgan betrachtet, nicht als eigenständiger Gestaltungsraum.
Statt weiter am System herumzureparieren, braucht es deshalb grundlegende Veränderungen.
Erstens: Investitionen müssen auch in Zeiten knapper Kassen möglich bleiben.
Wer sagt, Geld könne nur ausgegeben werden, wenn es bereits vorhanden sei, übersieht einen einfachen Zusammenhang: Wohlstand entsteht durch Investitionen. Werden Schulen, Infrastruktur, Kultur- und Bildungseinrichtungen oder kommunale Innovationsprojekte vernachlässigt, sinken langfristig die Entwicklungschancen einer Region – und damit auch ihre Einnahmen.
Sparen kann sinnvoll sein, wenn überholte Standards überprüft werden. Es kann aber keine Antwort auf strukturelle Unterfinanzierung sein. Das kommunale Haushaltsrecht muss Wege vorhalten, genau solche Zukunftsinvestitionen in die Daseinsvorsorge auch in schwierigen Zeiten zu ermöglichen. Langfristige negative Effekte durch mangelnde Bildungsstrukturen oder fehlende Integration müssen eingerechnet werden. Eine Kommune ist keine Insel, sie schafft Strukturen, von denen die gesamte Gesellschaft profitiert.
Zweitens: Aufgaben und Finanzierung müssen wieder zusammengeführt werden.
Wer Verantwortung überträgt, muss auch die notwendigen Mittel bereitstellen. Seit Jahren wächst die Zahl der Aufgaben, die Bund und Länder an die kommunale Ebene delegieren. Die finanzielle Ausstattung hält damit jedoch nicht Schritt. Entweder muss das Steueraufkommen neu verteilt werden oder Kommunen benötigen zusätzliche eigene Einnahmemöglichkeiten. Dauerhafte Verantwortung ohne entsprechende Ressourcen untergräbt die kommunale Selbstverwaltung. Die derzeitigen Verhandlungen in Berlin haben diesen Punkt im Blick, allerdings beziehen sich die Lösungsansätze auf zusätzliche Beschlüsse; den Kommunen laufen die Kosten aber jetzt schon davon.
Drittens: Körperschaftsgrenzen dürfen sinnvolle Kooperationen nicht behindern.
Lebensrealitäten enden nicht an Stadt- oder Landkreisgrenzen. Schülerinnen und Schüler, Theaterbesucher, Patienten oder Pendler bewegen sich täglich über kommunale Grenzen hinweg. Planung, Finanzierung und Verantwortung sollten dieser Realität stärker Rechnung tragen. Wo regionale Räume längst zusammengewachsen sind, müssen auch politische und administrative Strukturen beweglicher werden. Im Zuge der digitalen Transformation relativieren sich überdies geografische und zeitliche Grenzen. Das Internet hält nicht an der Stadtgrenze an. Zusammenarbeit schafft auch hier Synergien, und zwar einfacher als bisher.
Viertens: Kommunen brauchen mehr Freiheit und weniger Bürokratie.
Die Vielzahl übergeordneter Vorschriften erschwert kommunales Handeln. Bauvorschriften, Vergaberecht, Dokumentationspflichten, Steuerrecht und immer komplexere Standards führen dazu, dass Entscheidungen in den Verwaltungen langsamer, teurer und risikoscheuer werden. Wer kommunale Handlungsfähigkeit stärken will, muss deshalb auch den Mut haben, Regelwerke kritisch zu überprüfen.
Kommunale Selbstverwaltung bedeutet schließlich mehr als die Verwaltung von Mangel. Sie braucht Gestaltungsräume.
Wenn das Dach einer Schule undicht ist, wenn ein Sportplatz verfällt oder wenn Bürger und Bürgerinnen wochenlang auf eine Urkunde warten müssen, erwarten Menschen zu Recht funktionierende Lösungen. Ebenso wichtig sind jedoch jene Bereiche, die häufig erst in Krisenzeiten vermisst werden: kulturelle Einrichtungen, soziale Begegnungsorte, Bildungsangebote oder Integrationsprojekte.
Laboratorien der Erneuerung
Kommunen könnten weit mehr sein als die letzte Verwaltungsstufe des Staates. Sie könnten zu Laboratorien gesellschaftlicher Erneuerung werden – zu Orten, an denen neue Formen des Zusammenlebens, des Wirtschaftens und der demokratischen Beteiligung erprobt werden. Strukturelle Reformen sollten daher nicht nur auf finanzielle Stabilität zielen, sondern auch auf mehr Beweglichkeit, Experimentierfreude und Autonomie. Derzeitige Förderprogramme lassen kein Scheitern zu. Aber wer für die Zukunft entwickeln will, muss ausprobieren können. Das nennt man Agilität.
Doch selbst wenn all diese Reformen notwendig sind, werden sie Zeit brauchen.
Verfassungsänderungen, Finanzreformen oder eine neue Aufgabenverteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen entstehen nicht innerhalb weniger Monate. Die Probleme vor Ort warten jedoch nicht. Das Schauspielhaus in Ingolstadt ist bereits geschlossen. Schulen verfallen weiter, während über Zuständigkeiten gestritten wird.
Radikale Hoffnung
Genau an diesem Punkt beginnt die Frage, wie unter unzureichenden Bedingungen gehandelt werden kann.Denn selbst die besten Reformen lösen kein unmittelbares Problem. Sie brauchen Zeit. Die Krise der Kommunen hingegen ist gegenwärtig. Deshalb stellt sich neben der Frage nach den notwendigen Veränderungen auch die Frage nach der Handlungsfähigkeit im Hier und Jetzt.
Radikale Hoffnung setzt genau dort an. Sie beruht nicht auf der Erwartung, dass sich die bestehenden Probleme bald von selbst lösen werden. Sie ist auch kein Optimismus wider besseres Wissen. Radikale Hoffnung bedeutet vielmehr, unter schwierigen und unvollkommenen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben – ohne die langfristige Perspektive aus dem Blick zu verlieren. Den Blick also auf eine Zukunft zu richten, die man sich noch nicht ganz beschreiben kann. Und wohl im Vertrauen darauf, dass „etwas Gutes“ kommen wird, auch wenn man (noch) nicht alle Konzepte, Verhaltensweisen und Rahmenbedingungen bereit hat, um diese Zukunft zu erreichen.
Verschiebung der Verantwortung
In diesem Sinne verschiebt sich der Fokus politischer Verantwortung. Nicht weg von Reformen, sondern weg von der Vorstellung, dass Veränderung erst beginnen kann, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind. Die Suche nach der einen großen Lösung tritt hinter eine Praxis zurück, die bereits im Unfertigen handelt.
Eine solche Haltung setzt auf das, was man als imperfekte Solidarität bezeichnen könnte. Gemeint ist eine Form der Zusammenarbeit, die nicht auf ideale Rahmenbedingungen wartet. Städte, Gemeinden, Landkreise, Vereine, kulturelle Einrichtungen, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Akteure müssen Wege finden, Ressourcen zu teilen, Verantwortung gemeinsam zu tragen und neue Formen der Kooperation zu entwickeln. Beispiele wie gemeinsame Anschaffungen oder der gemeinsame Betrieb von Einrichtungen finden sich bereits vielfach in der deutschen Kommunallandschaft.
Gemeinsames Handeln – jetzt
Das kann strukturelle Defizite nicht aufheben. Es kann aber Handlungsspielräume eröffnen. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür war die RUHR.2010. Keine einzelne Stadt des Ruhrgebiets hätte allein die kulturelle Strahlkraft und die organisatorischen Ressourcen für ein solches Projekt aufbringen können. Erst die Zusammenarbeit zahlreicher Kommunen, Kultureinrichtungen und zivilgesellschaftlicher Akteure ermöglichte einen gemeinsamen Zukunftsentwurf für eine Region im Strukturwandel. Die sozialen und wirtschaftlichen Probleme des Ruhrgebiets wurden dadurch nicht gelöst. Wohl aber entstanden neue Handlungsspielräume und ein neues Selbstverständnis. Genau darin zeigt sich radikale Hoffnung: nicht im Warten auf perfekte Bedingungen, sondern im gemeinsamen Handeln trotz unvollkommener Voraussetzungen.

Ebenso wichtig ist die Bereitschaft zum Experiment.
Große Veränderungen entstehen selten durch perfekte Masterpläne. Häufig beginnen sie mit kleinen Versuchen, deren Erfolg zunächst ungewiss ist. Viele Kommunen experimentieren bereits heute mit temporären Nutzungen leerstehender Gebäude, neuen Formen der Bürgerbeteiligung, autofreien Stadträumen oder lokalen Innovationslaboren. Solche sogenannten Reallabore lösen keine strukturellen Finanzprobleme. Sie schaffen jedoch Erfahrungswissen und eröffnen Möglichkeiten, die vorher nicht sichtbar waren. Wie das konkret aussehen kann, zeigt das Reallabor Mannheim: Im Forschungsprojekt SMARTilience entwickeln kommunale Vertreter, Wissenschaftler und Bürger gemeinsam einen Hitzeaktionsplan – fachübergreifend zwischen Klimaschutz, Gesundheit, Stadtplanung und Sozialem. Ähnliche Reallabore in Köln und Dortmund erproben seit Jahren, wie sich Quartiere klimaresilient weiterentwickeln lassen, ohne auf den großen, fertigen Plan zu warten.
Hinzu kommt eine Dimension, die in politischen Debatten oft unterschätzt wird: die emotionale Seite von Krisen.
Bedenken aus Unsicherheit
Politische Blockaden entstehen nicht allein aus fehlenden Ressourcen. Sie entstehen auch aus Unsicherheit, Überforderung und dem Gefühl, Entwicklungen nicht mehr beeinflussen zu können. Wo diese Erfahrungen über längere Zeit dominieren, schwindet das Vertrauen in Institutionen und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Eine Politik der Radikalen Hoffnung muss Räume schaffen, in denen Unsicherheit nicht verdrängt, sondern produktiv verarbeitet werden kann.
Genau hier kommt der Kultur eine besondere Bedeutung zu.
Solange Kultur als verzichtbarer Luxus betrachtet wird, gerät sie in Krisenzeiten zwangsläufig unter Druck. Wird sie dagegen als Teil gesellschaftlicher Infrastruktur und existenzieller Teil der Daseinsvorsorge verstanden, verändert sich ihre Rolle grundlegend. Ein besonders interessantes, wenn auch kostenintensives Beispiel bietet die DOKK1 in Aarhus. Dort wurden Bibliothek, Bürgerservice, Veranstaltungsort und öffentlicher Begegnungsraum bewusst zusammengeführt.
Die Einrichtung fungiert nicht nur als Ort des Lesens, sondern als soziale Infrastruktur im eigentlichen Sinn: als Raum für Bildung, Austausch, Integration und demokratische Teilhabe, als sogenannter „Dritter Ort“. Dieser ist eingebettet in eine grundlegende Strategie der Stadt Aarhus – die, wie alle Kommunen im Zentralstaat Dänemark, große Beinfreiheit besitzt. Im Zentrum der Verwaltung steht nicht die Verwaltungslogik, sondern die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger. Die Fähigkeiten der Kultureinrichtungen können durch die digitale Transformation erweitert werden: Neue Zielgruppen und gemeinsame Produktionen werden einfacher erreichbar bzw. ermöglicht. Bayern und Schleswig-Holstein schaffen bereits digitale Plattformen, um Kultureinrichtungen zu vernetzen und zu unterstützen.
Kultur als Schlüssel
Dieses Beispiel zeigt, dass kulturelle Einrichtungen weit mehr sein können als freiwillige Leistungen. Sie können zu Knotenpunkten gesellschaftlicher Problemlösung werden. Wenn Kultur als Teil gesellschaftlicher Infrastruktur verstanden werden soll, müssen sich auch kulturelle Einrichtungen selbst weiterentwickeln. Viele Institutionen arbeiten in Strukturen, die aus einer Zeit stammen, in der ihre gesellschaftliche Legitimation weitgehend selbstverständlich war. Die Herausforderungen der Gegenwart verlangen jedoch mehr Offenheit für neue Zielgruppen, mehr Kooperation mit Schulen, Sozialträgern und Wissenschaft, mehr Beteiligung und eine stärkere Verankerung im Alltag der Menschen.
Kultureinrichtungen schaffen Räume für Begegnung, Verständigung und gemeinsames Lernen. Sie ermöglichen Experimente ebenso wie Orientierung. Sie stiften Zukunftsbilder und bewahren zugleich stabile Erfahrungen, auf die Gesellschaften in Zeiten des Wandels angewiesen sind.
Verantwortung nicht länger »übertragen«
Radikale Hoffnung setzt darüber hinaus eine aktive Vorstellung von Bürgerschaft voraus. In modernen Demokratien hat sich vielerorts die Erwartung verfestigt, gesellschaftliche Probleme würden primär durch Politik und Verwaltung gelöst. Die kommunale Realität zeigt jedoch, dass öffentliche Handlungsfähigkeit immer auch auf gesellschaftliche Mitwirkung angewiesen bleibt. Vereine, Nachbarschaftsinitiativen, freiwillige Feuerwehren, Kulturvereine oder Bürgerstiftungen sind keine Ergänzung des Gemeinwesens, sondern Teil seiner Grundlage. Radikale Hoffnung beginnt dort, wo Bürgerinnen und Bürger sich nicht nur als Adressaten staatlichen Handelns verstehen, sondern als Mitgestalter ihres Gemeinwesens.
Zusammenfassend: Die Krise der Kommunen ist letztlich Ausdruck einer unvollständigen Dezentralisierung: Verantwortung wird übertragen, ohne die dafür notwendigen Mittel in gleichem Maße bereitzustellen. Ihre Lösung erfordert deshalb zweierlei. Einerseits langfristige institutionelle Reformen, die Aufgaben, Finanzierung und Entscheidungsbefugnisse wieder in ein ausgewogenes Verhältnis bringen. Andererseits die Bereitschaft, bereits heute innovative und mutige Formen des Handelns zu entwickeln.
Beides gehört zusammen.
Beispiel Ingolstadt
Radikale Hoffnung entsteht nicht aus günstigen Umständen. Sie entsteht dort, wo Menschen und Institutionen trotz widriger Bedingungen beginnen zu handeln – kooperativ, experimentell und mit dem Vertrauen darauf, dass Veränderung nicht erst am Ende einer Reform steht, sondern bereits mit dem ersten Schritt beginnt.
In Ingolstadt sitzt der Schreck nach Jahren hoher Gewerbesteuereinnahmen tief. Dass der Weg aus der Krise Jahre dauern wird, ist eine Einsicht, die sich nur langsam durchsetzt. Neben dem Gefühl eigener Ohnmacht gibt es jedoch auch ermutigende Anzeichen. Neue Akteure treten auf: Die Kammerphilharmonie wurde mit einer großzügigen Spende bedacht, die ihre künstlerischen Projekte für einige Monate stabilisiert. Service-Clubs wie Rotary oder Lions zeigen stärkere Präsenz und übernehmen zusätzliche Verantwortung. Künstlerinnen, Künstler und Kreative rücken enger zusammen und suchen gemeinsam mit Förderern der Kultur nach tragfähigen Wegen. Am 1. Oktober, dem europaweiten Tag der Stiftungen, kommen auch die Ingolstädter Stiftungen zusammen, um neue Ansätze zu entwickeln. Die Karten mischen sich neu, ganz im Sinne Radikaler Hoffnung: Der Wille, die Krise zu überwinden, und die Bereitschaft, anders zu denken und zu handeln, bilden den eigentlichen Kern jeder Veränderung. Der erste Schritt ist getan.
Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani ist außerordentlicher Professor an der School of Public Leadership der Universität Stellenbosch in Südafrika. Zudem ist er Lehrbeauftragter an der Universität Basel und Assoziiertes Mitglied des Einstein Center Digital Future in Berlin.
Marc Grandmontagne, Ass.Iur., M.A., ist seit 1. Juli 2024 berufsmäßiger Stadtrat und Referent für Kultur und Bildung in Ingolstadt.
Die Autoren danken Herrn Prof. Dr. Martin Lätzel, Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek, für wertvolle Hinweise und Anmerkungen.

