»Deutschland, relax!«

Dezember 3, 2025
3 mins read
Omer Meir Wellber (Foto: Palazzo)

Omer Meir Wellber verteidigt den Opernneubau in Hamburg, hofft auf Bewegung im Nahostkonflikt und sieht die künstlerische Kreativität in den USA in Gefahr. Ein Gespräch über Kunst in einer neuen Weltordnung. 

English summary: In this podcast, Hamburg State Opera’s Omer Meir Wellber calls for artistic honesty and a shift from a “theater of answers” to a “theater of search.” He critiques US mediocrity and defends Kühne’s funding. On the Middle East, he’s 60% pessimistic, 40% optimistic, urging new solutions while respecting both artists’ speech and silence.

Der Podcast bei apple Podcast und für alle Player

Der Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper, Omer Meir Wellber, legt im Podcast mit BackstageClassical seine Vision für die Kunst in einer sich radikal wandelnden Welt dar. Wellber betont die Pflicht des Künstlers zur Ehrlichkeit und fordert eine Abkehr vom »Theater der Antwort« hin zu einem »Theater der Suche«. Er äußert sich zudem kritisch zur neuen Mediokrität in der US-Kultur und verteidigt die Annahme von Spendengeldern für den Hamburger Opernneubau durch den umstrittenen Mäzen Klaus-Michael Kühne.

Positionierung im Nahostkonflikt

Wellber bezeichnet die Entwicklungen der vergangenen zwei Jahre als »extrem groß« und ist heute »zu 60 Prozent pessimistisch, aber zu 40 Prozent optimistisch«. Sein Optimismus speist sich aus der Erkenntnis, dass eine Rückkehr zum früheren, desolaten Zustand unmöglich sei. Es muss weiter gehen – in neue Richtungen. Und das sei erst einmal ein guter Weg: »Es ist eine extrem große Überraschung, was in den letzten zwei Jahren passiert ist. Mein Optimismus rührt daher, dass wir nicht zu dem Status quo zwischen der Hamas und Netanyahu zurückkehren können. Die Zeiten, in denen man irgendwie weitergemacht hat, sind vorbei. Es braucht nun neue Lösungen.« Wellber findet es für Künstler legitim, sich zur aktuellen Situation in Nahost zu äußern – respektiert aber auch das Schweigen.

Legitimation des Opernneubaus in Hamburg

Der Dirigent kritisiert die aktuelle Debatte um die Herkunft der Gelder von Klaus-Michael Kühne für den Opernneubau. Er rät Deutschland zu »relaxen« und kritisiert Bigotterie: »Diese Diskussion ist komplett verrückt und unfair. Es ist bigott, nur hier die Herkunft des Geldes zu hinterfragen, denn wenn wir ehrlich sein wollen, ist nach dem Krieg sehr viel mit Nazi-Geldern aufgebaut worden. Vom gesamten Staat bis zu Unternehmen wie Volkswagen. Aber eine der besten Investitionen für‚unsauberes Geld‘ ist die Kultur an sich, sind Theater und Bildung – nicht Bomben und Panzer.«

Wellber verweist darauf, dass Hamburg nach dem Bau der Elbphilharmonie »eine völlig andere Stadt« geworden sei, was zeige, welche positive Kraft ein neues Gebäude entwickeln könne. Er sieht auch den geplanten Opernneubau als ein Zeichen der Hoffnung.

Erfahrungen in den USA

Wellber beobachtet, dass die Kunstfreiheit und die Kreativität in den USA langsam sterben. Er führt dies auf eine Kultur zurück, in der die Angst vor Konflikten und Anschuldigungen die künstlerische Entwicklung lähmt: »In den USA stirbt langsam jede Form von Kreativität und Kunstfreiheit. Ich habe erlebt, dass ich aus Angst vor Missverständnissen und Anschuldigungen darauf verzichtet habe, einer Flötistin konstruktive Kritik zu geben. Das Ergebnis dieser Politik ist Mediokrität.«

Die Rolle von Kunst und Musik in der Gegenwart

Für Wellber verlagert sich der Fokus künstlerischer Inspiration vom Visionären hin zum aktuellen Geschehen. Angesichts einer Gesellschaft, die in Parallelwelten lebt, sieht er die Aufgabe der Kunst darin, heutige Erzählungen zu schaffen, die wieder Gemeinschaft schaffen können. »Ich persönlich finde meine Inspiration nicht mehr in der Frage nach dem Wohin, sondern nach dem Wo. Unsere Botschaft liegt in der Suche; das Theater der Antwort ist passé.

Wellber sieht die höchste Aufgabe des Künstlers darin, »sich stets im Raum der Wahrheit zu bewegen, ohne die Wahrheit selbst zu finden.« Der Dirigent verweist auf seinen jüdischen Glauben, in dem der Messias – ähnlich wie in seinem Kunstideal – unerreichbar bleiben muss.

Perspektive für die Musik

Der Dirigent plädiert dafür, dass die musikalische Tradition aktiv gepflegt werden muss: »Wir müssen für die Tradition kämpfen, die wir haben, und diese Tradition muss essen. Wenn sie nur trinkt, ist das sehr gefährlich. Der Text und die Partituren sind nicht heilig; nur die Interpretation ist heilig, da sie der Kompromiss zwischen Text und Menschlichkeit ist.«

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Marathonlaufen und Konzert spielen

Laufen und musizieren: Die Wiener Symphoniker und der Vienna City Marathon veranstalten 2027 erneut ihr »Konzert zum Marathon«. Läuferinnen und Läufer können sich ab sofort um einen Platz im Orchester bewerben.

Aus dem Archiv ins Leben

Vergessen, verschollen, nie aufgeführt: Die Ruhrtriennale holt mit Charles Tournemire und Roman Padlewski zwei fast ausgelöschte Komponisten zurück ins Licht – und macht daraus einen der musikalisch stärksten Abende des Festivals.

Ds Ende einer Ära

Peter de Caluwe soll Intendant der Salzburger Festspiele werden. Das ist mehr als ein Personenwechsel: Es ist das Ende eines Systems der alten Salzburger Seilschaften. Ein Kommentar von BackstageClassical-Herausgeber Axel Brüggemann

Liebe Findungskommission,

Gehen wir einmal davon aus, dass Peter de Caluwe neuer Festspielintendant in Salzburg wird. Dann zeigt das allerhand. Erst einmal: dass die Findungskommission sehr gut gearbeitet hat. Denn der Name stand – außer

Salzburg habet Papam

Die Salzburger Festspiele stehen offenbar vor einer überraschenden Entscheidung: Peter de Caluwe soll neuer Intendant und damit Nachfolger von Markus Hinterhäuser werden.

Mehr Geld für Berliner Philharmoniker

Mehr Geld für die Berliner Philharmoniker: Der Bund erhöht seine Förderung und beteiligt sich mit 225 Millionen Euro an der Generalsanierung der Philharmonie. Das soll Planungssicherheit schaffen.

Chopin gehört Sony… 

... das jedenfalls behauptet die KI von Instagram. Dumm nur: Die Aufnahme, die sie wegen einer angeblichen Urheberrechtsverletzung sperrt, gehörte unserem Autoren: Werner Dabringhaus vom Label MDG.

Verpassen Sie nicht ...