Der Tod des Erneuerers

März 24, 2024
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Peter Eötvös (Foto: Schott, Szilvia-Csibi)

Reaktionen auf den Tod des ungarischen Komponisten Peter Eötvös. Und ein altes Interview mit ihm über Angels in America.

Peter Eötvös  ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Er revolutionierte die Oper als modernes Multimedium. Eötvös setzte sich auch als Dirigent für die Sinnlichkeit der Musik seiner lebenden Kolleginnen und Kollegen ein. Hier einige Reaktionen auf seinen Tod – und danach ein Interview aus dem Jahre 2004, als er aus dem Maschinenraum berichtete und über seine Oper Angles in America sprach.

Schon als Jugendlicher wurde Eötvös von Zoltán Kodály an der Budapester Musikakademie aufgenommen. Mit 22 Jahren kam er nach Köln und wurde Teil der dortigen Neue-Musikszene. Er spielte im Ensemble von Karlheinz Stockhausen und arbeitete bei ihm als Tontechniker im Elektronischen Studio des WDR. Pierre Boulez war es schließlich, der Eötvös nach Paris holte. Fankreich liebte den Dirigenten, und Eötvös übernahm die musikalische Leitung des Ensemble Intercontemporain. Seine Opern wie Drei Schwestern, oder Angels in America sind musikalisch innovativ und fanden gleichzeitig ein großes Publikum. Sie gehören zu jenen Gegenwartskompositionen, die an vielen Häusern neu in Szene gesetzt wurden. 

Die Dirigentin und Sängerin Barbara Hannigan: »I am eternally grateful to Peter Eötvös for the wonderful experiences of performing together over the years, for his kindness and support whether in his own music or when he was conducting and championing the music of other composers.«

Der Komponist und Jazz-Pianist Frank Dupre: »Eine Größe auf der Bühne, ein fantastischer Dirigent, ein brillanter Komponist, ein fürs Leben prägender Lehrer und Vermittler und ein wunderbarer Mensch! Das letzte Mal habe ich ihn vor einem Jahr beim Heidelberger Frühling getroffen. Er war voller Energie als er ein komplettes Programm Ligeti dirigiert hat. Diese herzliche Umarmung nach dem Konzert bleibt unvergessen …Danke für alles, lieber Peter!«

Das Ensemble intercontemporain: »Immense tristesse d’apprendre la disparition de Péter Eötvös, directeur musical de l’EIC de 1979 à 1991, puis indéfectible compagnon de route de l’Ensemble durant les décennies suivantes. Nos pensées vont aujourd’hui à sa famille et à ses proches.«

»Oper muß wie Kino sein und eigene Wahrheiten suchen«

Vor der Uraufführung in Paris sprach ich mit Peter Eötvös über seine Oper »Angels in America«. Mit der Pulitzer-Preis-Vorlage des Autors Tony Kushner will der in Karlsruhe lehrende Komponist die Oper revolutionieren. Der in Hollywood verfilmte Stoff erzählt die Geschichte menschlicher Irrungen und überirdischer Hoffnungen in der McCarthy-Ära.

Herr Eötvös, Sie haben fünf Jahre an „Angles in America“ gearbeitet – wie hat sich der „Sound“ der USA in dieser Zeit verändert?

Peter Eötvös: Die Grundkonstanten sind selbst nach den Terroranschlägen vom 11. September die gleichen geblieben: Politik ist nach wie vor eine Sache von allzu menschlichen Menschen. Mir geht es nicht darum, die Machenschaften der McCarthy-Ära mit dem Homeland-Security-Act zu vergleichen. Ich schreibe Opern, weil ich hoffe, daß sie mindestens 100 Jahre überstehen – da kann ich mich nicht bei der Tagespolitik aufhalten.

In „Angels in America“ geht es um Macht, Sehnsucht und Sex …

Eötvös: Es geht um Beziehungsnetze, die ständig komplexer werden. Nur ein Beispiel: In der Liebe ist heute fast alles möglich, alle Spielformen, alle Konstellationen – auch Heterosexualität ist kein gesellschaftliches Muß mehr. Das schafft neue Sehnsüchte und Vernetzungsmöglichkeiten. Kushners Personen verlassen regelmäßig den Boden der realen Tatsachen und fliehen in Halluzinationen. Hier bekommen wir Informationen über das menschliche Handeln, die wirklicher sind als die Wirklichkeit. Die politische Welt ist verlogen, weil sie die Wirklichkeit als gegeben behauptet – die Oper muß in diesen Realitäten eine Art Über-Wahrheit suchen.

Die Oper ist also eine Form, in der wir der Vielfältigkeit des Lebens am nächsten kommen?

Eötvös: Sie ist ein sehr modernes Medium. Sie kann das Ungleichzeitige gleichzeitig erzählen, kann verschiedene Handlungen parallel debattieren. Das kann kein Schauspiel, kein Kinofilm und kein Buch. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, daß ein neues Publikum die Sehgewohnheiten im Kino und im Fernsehen gelernt hat. Darauf versuche ich, mit meiner Musik zu reagieren.

Ihre Oper wird von 16 Instrumentalisten und acht Sängern gespielt. Alle sind mit Mikrofon ausgestattet. Warum?

Eötvös: Heute könnte die Oper durch die Projektion der Stimme unglaubwürdig erscheinen. Früher mußte man laut singen, um ein Opernhaus zu füllen. Schönberg hat immer an der Normalität des Singens gearbeitet, und der Pop hat sie für sich entdeckt. Bei mir wird der Text im Sprechrhythmus gehalten, und die Musik kann sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren: die emotionalen Illustration der Ereignisse.

Angles in America am Theater Freiburg (Foto: Theater Freiburg, Rainer Muranyi)

Sie spielen dafür Original-Geräusche von Band ein.

Eötvös: Ja, ich benutze den Klang von Donner, Straßenlärm und Autos. Die Hupe zum Beispiel, eine große Terz, signalisiert den Auftritt des Engels. Man könnte auch sagen: Durch ein Geräusch der realen Welt wird die Flucht in das Unterbewußte angekündigt.

Welche Rolle spielen die Engel in Ihrer Opern-Welt?

Eötvös: Die Grundidee ist, daß Gott uns mit der Schöpfung die Welt gegeben hat, um uns dann zu verlassen. Die Engel sind seine Bürokraten, die verzweifelt versuchen, für ihn zu werben.

Kushner selbst spricht über die „Neurose des Jahrtausends“ – haben wir sie überwunden?

Eötvös: Natürlich nicht. Es ist noch immer wie am Ende von Tschechows „Drei Schwestern“, meiner vorletzten Oper. Es bleibt die Hoffnung, daß irgendwann alles besser wird. Diese Hoffnung wird täglich desillusioniert. Trotzdem verlieren wir sie nicht.

Dieses Interview von Axel Brüggemann wurde erstmals in der Welt veröffentlicht

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