Bye Joe!

Mai 2, 2025
3 mins read
Joe Chialo (Foto: Heidrich)

Das Ende einer Ego-Show. Joe Chialo hat als Kultursenator in Berlin viel Porzellan zerschlagen. Ein Kommentar von Axel Brüggemann

English summary: Joe Chialo resigns as Berlin’s Culture Senator after damaging trust in CDU’s cultural policy. Marked by ego, poor dialogue, and failed leadership, he leaves behind a fractured legacy and few allies.

Berlins Kultursenator Joe Chialo will zurücktreten. Das hat er dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, mitgeteilt. Seine Entscheidung kommt sehr spät. Chialo hat in seiner Amtszeit viel zerstört: Besonders das Vertrauen in die Kulturpolitik der CDU. Und das lag nicht nur am existenziellen Spar-Rahmen, mit dem er in Berlin umgehen musste, sondern in ersterer Linie an Joe Chialo selber und an seinem etwas zu großen Ego.

Chialos Unbeliebtheit und Erfolgslosigkeit liegen auch daran, dass er die dringenden Dialoge mit den Kulturschaffenden nicht angenommen hat, dass er seine Respektlosigkeit andauernd dadurch offenbarte, dass er unvorbereitet zu Treffen kam, dass er seine eigene Karriere (am liebsten im medialen Schatten von Friedrich Merz) zu oft vor die Interessen der Kulturschaffenden in Berlin stellte. Über all das ist Joe Chialo nun gestolpert. Dabei führte die Hybris des Karrieristen dazu, dass er nun mit leeren Händen dasteht. Friedrich Merz hat Golf-Kumpel Wolfram Weimer zum Kulturstaatsminister ernannt, und in Berlin ist für ihn nun wohl auch Schicht im Schacht.

Lesen Sie hier den Kommentar zum designierten Kulturstaatsminister Wolfgang Weimer

Wir bei BackstageClassical wurden zum ersten Mal durch ehemalige und aktuelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kultursenators darauf aufmerksam gemacht, dass sein Stil bei der Personalführung viele Fragen aufwirft – nicht zuletzt die hohe Fluktuation in seiner Behörde war ist ein Indiz dafür. Wir haben viele Beispiele gesammelt, mit vielen Menschen gesprochen und natürlich auch Joe Chialo angeschrieben.

Aber auch in der öffentlichen Kommunikation machten Chialo und sein Büro viele Fehler, übten sich lieber in Rechthaberei als auf konkrete Fragen einzugehen und schoben dringende Interviews hinaus. Auch hier ging es nie um einen Dialog oder um die öffentliche Vermittlung der für alle sichtbaren Probleme. Es ging meistens nur: um Joe Chialo. Um seine Inszenierung. Um seine Rechthaberei. Um seine Karriere.

Viele Kulturschaffende beklagten sich ebenfalls über mangelnden Respekt. Intendantinnen und Intendanten, die eigentlich bereit waren, mit Chialo gemeinsam nach Lösungen zu suchen, berichteten, dass er nicht ansprechbar sei, sich nicht melde und die Institutionen am liebsten kalt vor vollendete Tatsachen stelle. Dialog? Fehlanzeige! Es war diese Respektlosigkeit, die auch Michel Friedman im BackstageClassical Podcast kritisierte.

Und nein, es darf nicht vergessen werden, dass Joe Chialo Opfer von Angriffen wurde, die unentschuldbar sind: Das erschreckende Farb-Attentat auf sein Haus und vielleicht auch der »Hofnarren«-Sager von Olaf Scholz. Aber es ist auch interessant, welche Fortsetzungen diese Vorfälle gefunden haben. Bei Volker Beck klang es zuweilen so, als sei jede politische Kritik an Joe Chialo antisemitisch, und als die deutsch-israelische Gesellschaft postete »Wer Antisemitismus bekämpft, darf nicht zum Feinbild werden«, wurden in sozialen Medien auch jene Journalisten attackiert, die einfach nur Chialos Kulturpolitik kritisiert haben.

In diesem Sinne erstaunt auch der Grund, den Chialo nun für seinen Antritt angibt: »Im vergangenen Jahr habe ich die geforderten Einschnitte im Kulturhaushalt schweren Herzens mitgetragen – im Bewusstsein der gemeinsamen Verantwortung für die Stadt«, sagte Chialo. »Die nun geplanten weiteren Kürzungen greifen jedoch zu tief in bestehende Planungen und Zielsetzungen ein, verändern zentrale fachliche Voraussetzungen und führen so zur drohenden Schließung von bundesweit bekannten Kultureinrichtungen.« Abgesehen davon, dass Chialo längst von diesen Einsparungen wusste (und sie auch vertreten hat!) und mit seinem Abgang nun anderen die Drecksarbeit überlässt, glaubt er offensichtlich wirklich, sich noch als Opfer stilisieren zu können. Genau das ist der menschliche Makel, dem ihm so viele vorgeworfen haben. Es wäre eine Ehrenrettung gewesen, hätte Chialo einfach eingestanden, dass er den Problemen nicht gewachsen war.

Die eigentliche und dringliche Arbeit in der Berliner Kulturpolitik haben in den letzten Monaten längst andere übernommen: der Regierende Bürgermeister Kai Wegner musste die Scherben zusammenkehren, die Chialo hinterlassen hatte, und Staatssekretärin Sarah Wedl-Wilson muss sie nun mühsam wieder zusammensetzen – im Dialog mit den Kunstschaffenden. Berlin wäre gut beraten, diese Macherin und Kulturkennerin nun als Nachfolgerin von Chialo einzusetzen und nicht erneut auf irgendeine Bekanntschaft vom Golfplatz Ausschau zu halten. Joe Chialo findet hoffentlich Trost bei jenen Freunden, die sich auf jeden Fall so nannten, als er noch ein mächtiger Politiker war – aber bei Ulf Poschardt steht ja immer eine Hühnersuppe bereit.

Transparenzhinweis: Nachdem Chialo seine Beweggründe offengelegt hat, wurde dieser Kommentar um einen Absatz erweitert.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

BackstageClassical ist in den Sommerferien

Die Klassik-Welt dreht weiter, aber wir machen Ferien. Am 1. September sind wir wieder für Sie da – mit täglichen News aus der Welt der Klassik. Bis dahin hier ein wenig Lektüre und

Publikumsbeschimpfug ist auch keine Lösung, Herr Mondtag

Ersan Mondtag nennt das Salzburger Publikum nach den Buh-Rufen für seine „Ariadne auf Naxos“ provinziell. Doch wer Kritik als Unfähigkeit abtut, verwechselt künstlerischen Anspruch mit Überheblichkeit – und verliert den Respekt vor

Friedman, Rienzi, Ring und Co. – eine Bayreuth-Bilanz

Peter Huth, ehemaliger Chefredakteur der Welt am Sonntag und Kommunikationschef von Axel Springer, bespricht mit Axel Brüggemann die erste Festspielwoche im Podcast von BackstageClassical. Auch Nathalie Stutzmann, Michel Friedman oder Katharina Wagner

Warum fällt Hinterhäuser der Abschied so schwer?

Markus Hinterhäuser ist nicht mehr Intendant der Salzburger Festspiele. Dennoch ist er allgegenwärtig. Der Streit um seine Trennung wirft Fragen nach Transparenz auf – und nach der Fähigkeit, ein Amt auch wirklich

Rienzi ist Wagners Monster

Die Dirigentin Natalie Stutzmann und die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka haben in Bayreuth mit ihrer Lesart von Wagners Rienzi begeistert – hier blicken sie hinter die Kulissen und erklären Ihre Ansätze.

Neuer Blick auf Karajan

Karajans Rolle im Nationalsozialismus muss historisch genau betrachtet werden, sagt Biograf Wolfgang Rathert und fordert wissenschaftliche Sachlichkeit in der Karajan-Debatte. Dabei attestiert er dem Dirigenten Skrupellosigkeit in seiner Karriere.

12 Wurstfinger und ein König

Der KI-Ring in Bayreuth ist ein anstrengendes Unterfangen. Die von Marcus Lobbes kuratierten Bilder erinnern an die Pionierzeit der künstlichen Intelligenz. All das scheint nicht nur das Publikum abzulenken, sondern auch das

Diktator sind wir alle

150 Jahre Bayreuth: Zwischen Festakt und Rienzi drehen die Festspiele ihre eigene Geschichte durch den Necker-Würfel. Ein Essay über Erinnerung, Macht, Populismus – und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Lieber Igor Levit,

Igor Levit und Danger Dan dürfen beim ZDF nicht auftreten – nun stilisieren sie sich zum Opfer. So geht PR.

Verpassen Sie nicht ...