ARD gibt sich die Mozart-Kugel – und andere Merkwürdigkeiten

Dezember 15, 2025
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»Mozart/Mozart«(Foto: WDR/Story House)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche, 

Heute gibt sich die ARD die Mozartkugel, Kassel legt seine AIDA aufs Trockendock, wir nehmen die Klassik-PR-Maschinen unter die Lupe, und die gute Nachricht ist: Maria Kolesnikowa ist frei! 

Die Geschichte von den Klassik-Märchen

Der Musikjournalismus kriselt seit Jahren; das hat auch Auswirkungen auf die Öffentlichkeitsarbeit von Künstlerinnen und Künstlern. Auf immer weniger Raum müssen immer wahnsinnigere Geschichten erzählt werden: Von Lang Lang in der Weihnachtsbäckerei bis zum Staatspianisten Igor Levit. Dabei gehen die zwei großen deutschen Agenturen in ihrer »Markenbildung« ganz unterschiedlich vor – und manchmal kann ein One-Woman-Unternehmen durchaus zielführender sein. Wie glaubhaft ist »gekaufter« Journalismus? Und wie innovativ ist die aktuelle PR wirklich? Erfindet sie neue Erzählungen für die Klassik oder bedient sie lediglich die Schemata einer längst sterbenden Welt? Ich habe mir den Markt, seine Merkwürdigkeiten und sein Spannungsfeld zwischen Innovation und Altbackenheit einmal ausführlich  angeschaut.

ARD gibt sich die Mozartkugel

Die Autorin der Süddeutschen Zeitung, Johanna Adorján, hat sich die Mozart/Mozart-Serie über Nannerl und Wolfgang der ARD angeschaut – und ganz tief in die Verriss-Kiste gegriffen. Man spürt beim Lesen, wie ihr das Zusehen wehgetan hat: »Die Serie zeigt in nahezu sensationellem Ausmaß total miserables Fernsehen.« Und: »Die ARD bringt das womöglich Schlechteste, was das deutsche Fernsehen jemals hervorgebracht hat.« Dem ist nichts hinzuzufügen, außer: Dass die ARD ihre Regionalsender gleichzeitig über diesen Mist hemmungslos jubeln lässt. So verspielt das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das wir doch gerade so dringend brauchen, sein journalistisch-kritisches Ansehen. Ich habe der ARD einen Brief dazu geschrieben.

Weitere Briefe von Brüggi in dieser Woche:

Klassik statt Karstadt

Ist das die Lösung für unsere Innenstädte? Die Stadt Braunschweig erwirbt das Grundstück des ehemaligen Karstadt-Hauses und stellt es einer neuen Stiftung zur Verfügung. Diese Stiftung soll im ehemaligen Shopping-Haus nun ein Haus der Musik planen, bauen, unterhalten und betreiben. In dem Komplex am Gewandhaus sind ein großer Konzertsaal mit rund 1.200 Plätzen sowie Räume für die städtische Musikschule vorgesehen. Ergänzend ist ein »Dritter Ort« mit weiteren öffentlich zugänglichen Angeboten als Treffpunkt für Kultur und Begegnung geplant. Wow! So geht Strukturwandel. Sag mal, Bremen – wie weit seid Ihr eigentlich mit Eurer neuen Glocke?

Kassels Aida im Trockendock

Die Oper Kassel zeigt ihre umstrittene Neuproduktion von Giuseppe Verdis Aida vorerst ohne die ursprünglich vorgesehenen Videoprojektionen, nachdem Orchestermusiker über gesundheitliche Beschwerden geklagt hatten. Intendant Florian Lutz will das Stück vor Weihnachten nur noch konzertant aufführen, dann sein Konzept in Ruhe überarbeiten. Der hessische Operndampfer kommt so wohl kaum zur Ruhe. Die Hessische Allgemeine vermutet bereits, dass die Intendanz das Orchester zum Sündenbock machen will. 

Was für die Ohren

Die letzte Ausgabe des BackstageClassical-Podcasts Takt & taktlos für dieses Jahr ist erschienen. Ich unterhalte mich in der Vorweihnachts-Folge mit Hannah Schmidt über die anhaltende Kritik an Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und über das Hamburger Opernprojekt von Klaus-Michael Kühne. Außerdem geht es um die Kürzungen in den Kulturetats von Städten wie Berlin, Stuttgart und Wien. Ich fordere Strukturveränderungen, während Hannah Bestehendes erst einmal bewahren will. Außerdem können Hannah und ich uns vorstellen, dass der perfekt kommunizierende Stuttgart-Intendant Viktor Schoner die Frage nach Moral und Resozialisation noch einmal öffentlich in Szene setzt. 

Personalien der Woche

Riccardo Chailly dirigiert wieder. Er brach am Mittwochabend während einer Aufführung von Dmitri Schostakowitschs Oper Lady Macbeth von Mzensk an der Mailänder Scala zusammen. Rettungskräfte brachten ihn mit einem Notarztwagen in ein spezialisiertes Herzzentrum, wo weitere Untersuchungen vorgenommen wurden. Inzwischen hat er angekündigt, wieder zu dirigieren. +++ Die CITES-Vertragsstaatenkonferenz hat die Schutzbestimmungen für Fernambukholz (Pernambuk), das zur Herstellung von Bögen geeignet ist, deutlich verschärft, zugleich aber eine weitgehende Entwarnung für reisende Musikerinnen und Musiker gegeben: Ausnahmen wurden beschlossen. +++ Das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) ist mit dem »Best Of Live Award 2025« des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) ausgezeichnet worden. Das Festival erhielt den Preis in der Kategorie Meisterwerk für sein 40. Jubiläum, das laut Jury in der Klassik neue Maßstäbe gesetzt habe. +++ Bayerns Kunst- und Wissenschaftsminister Markus Blume hat eine neue Idee in der Debatte um den künftigen Konzertsaal in München vorgestellt. Beim Podiumsgespräch der Initiative »Kulturzukunft Bayern« schlug Blume vor, den geplanten Neubau mit einem Orchestergraben auszustatten. Damit könne das Haus auch als Ausweichspielstätte für die Bayerische Staatsoper dienen, wenn das Nationaltheater in etwa zehn Jahren generalsaniert werden müsse. +++ Der Richard-Wagner-Verband Bayreuth ruft einen neuen Wettbewerb ins Leben: Beim Internationalen Gesangswettbewerb für Wagner-Stimmen können sich Sängerinnen und Sänger mit Wagner-Repertoire bewerben: Der Gewinner bekommt 15.000 Euro.  

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier! In Belarus ist die prominente Oppositionspolitikerin und Musikerin Maria Kolesnikowa nach mehr als vier Jahren Haft freigelassen worden. Bei BackstageClassical haben wir immer wieder um ihre Inhaftierung berichtet. Ich lege Ihnen diesen Podcast ans Herz, in dem ich mit Kolesnikowas Schwester,  Tatsiana Khomich, über die Haftbedingungen spreche, mit dem deutschen Dirigenten Wilhelm Keitel, der ein Orchester in Minsk gegründet hat und die Ausländerfeindlichkeit des Belarussischen Systems am eigenen Leib erfahren hat und dem Journalisten und Belarus-Experten Ingo Petz, der über den Einfluss der Subkultur in der Protestbewegung redet und über die Bedeutung von Punk und Rock in Belarus. Keine Frage: Diktator Lukaschenko wird keine Ruhe geben. 

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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