Publikum bleibt skeptisch bei François-Xavier Roth 

Mai 6, 2025
2 mins read
Verkauft François-Xavier Roth noch Karten? (Grafik: KI)

Die ersten Konzerte des SWR mit seinem designierten Chefdirigenten François-Xavier Roth waren mäßig verkauft. Nun wurde eines abgesagt – aus gesundheitlichen Gründen. Die SWR-Führung muss sich dennoch kritische Fragen gefallen lassen.

English summary: The SWR’s concerts with designated chief conductor François-Xavier Roth see improvable ticket sales. One concert was canceled due to his shoulder injury, but criticism persists.

Machen die Verantwortlichen beim SWR mit ihrem designierten Chefdirigenten François-Xavier Roth einen ähnlichen Fehler wie mit ihrem ehemaligen Chefdirigenten Teodor Currentzis? Versucht Orchester-Gesamtleiterin Sabrina Haane auch jetzt wieder, ihren Kandidaten mit aller Gewalt durchzuboxen – und Unterschätzt dabei sowohl die interne Kritik als auch die Proteste im Publikum? 

An Currentzis hielt der SWR trotz seines Schweigens zum Krieg Russlands gegen die Ukraine fest und obwohl sein russisches Ensemble MusicAeterna Gelder von der VTB Bank und Gazprom erhielt. Haane stellte sich – trotz aller Kritik – immer wieder hinter den Dirigenten und hielt bis zum offiziellen Vertragsende an ihm fest. Gerade erst fragte Currentzis im Spiegel: »Wie kann es sein, dass es in Europa keine Redefreiheit mehr gibt?« Ob ein Medienunternehmen wie der SWR sich inzwischen fragt, ob es klug war an seinem Dirigenten festzuhalten?  

Auch an Francois-Xavier Roth soll offensichtlich mit aller Macht festgehalten werden. Das Gürzenich Orchester hatte sich gemeinsam mit Roth auf eine vorzeitige Vertragsauflösung geeinigt, nachdem übergriffige Text- und Bildnachrichten des Dirigenten an Musiker publik wurden. Bei einigen Mitgliedern des SWR-Orchesters regte sich daraufhin Protest gegen den designierten Chef. Manche Ensemblemitglieder hatten außerdem den Eindruck, dass Orchester Gesamtleiterin Haane und Programmchefin Anke Mai die interne Kritik nicht klar nach außen kommuniziert hätten. Inzwischen haben auch Teile des Publikums  Proteste und Buh-Konzerte angekündigt, wenn Roth das Orchester am 31. Mai in Baden-Baden dirigieren wird.

Saalpläne für die das 100. Boulez-Jubiläum und das Boulez- und Bruckner-Programm in Baden Baden und das SWR Konzert in der Elbphilharmonie (v.l., Stand 5.5.2025)

Ein Blick auf die Verkaufszahlen zeigt, dass das Interesse an Auftritten mit dem SWR Orchester und François-Xavier Roth derzeit eher überschaubar ist. Am Montag waren für das Programm zum 100. Boulez Geburtstag in Baden-Baden am 31. Mai noch zahlreiche Plätze frei (einige wurden gar nicht zum Verkauf angeboten, siehe Grafik), noch schlechter verkauft war das Folgekonzert am 9. Juni mit einem Programm aus Boulez und Bruckner, das auch in der Elbphilharmonie stattfinden sollte.

Montag Abend kursierten erste Gerüchte, dass der SWR plant, zumindest eines der Konzerte ganz abzusagen. Kurz nachdem BackstageClassical in dieser Sache beim SWR Pressesprecher angefragt hatte, ist das Jubiläumskonzert in Baden-Baden tatsächlich als »abgesagt« gelistet worden. Eine Antwort erhielt die Redaktion schließlich nicht vom SWR, sondern vom Festspielhaus Baden-Baden: Das Jubiläumskonzert sei auf Grund eines Schulterbruchs bei Roth abgesagt worden – für das zweite Konzert am 9. Juni werde nach einer Alternative gesucht.

Ein Schulterbruch wird verheilen (wir wünschen gute Besserung!), aber ob die Nachfrage an Roth-Konzerten mit dem SWR steigen wird, bleibt offen. Könnte es sein, dass die Skepsis des Publikums nicht nur dem Dirigenten gilt, sondern auch dem SWR? Hat Sabrina Haane nicht aus der Vergangenheit gelernt, dass gerade ein öffentlich-rechtliches Medienunternehmen auf eine klare und eindeutige Krisenkommunikation angewiesen ist? Das Wirklich schlimme ist, dass die »Augen zu und durch«-Mentalität der Orchester Gesamtleiterin am Ende in erster Linie ihrem designierten Chefdirigenten schaden könnte.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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