Umarme mich, Tod! 

Januar 30, 2025
3 mins read
Das kaiserRequiem an der Volksoper Wien (Foto: Volksoper, Wagner)

Ein Abend, der uns verändert: Andreas Heise und Omer Meir Wellber verbinden Mozart und Viktor Ullmanns »Kaiser von Atlantis«

English summary: At Vienna’s Volksoper, choreographer Andreas Heise and conductor Omer Meir Wellber merge Mozart’s Requiem with Viktor Ullmann’s The Emperor of Atlantis, composed in the Theresienstadt ghetto. Both works, shaped by their creators deaths, explore mortality‘s meaning. Through hypnotic choreography and seamless musical transitions, the production transforms the opera into a psychological journey, stripping power and routine of significance. The dark, endless dance underscores life’s fragility, revealing that death is not just an end but a reconciliation. With a striking ensemble and an aesthetic of surrealism, the evening redefines our relationship with mortality, offering comfort in its inevitability.

Am Ende verlässt man das Opernhaus tatsächlich ein wenig anders als man gekommen ist. Der Blick hat sich verschoben, eine Perspektive sich hinzugefügt – unser Umgang mit dem Tod, er hat sich vielleicht ein bisschen verändert. Plötzlich erscheint es nicht mehr unwahrscheinlich, dass wir ihn irgendwann umarmen und Hand in Hand mit ihm abtreten werden. Dieser überaus sinnliche Abend an der Volksoper in Wien lässt uns als Menschen ein wenig schrumpfen – und das ist ein durchaus tröstlicher Prozess.

Der Choreograph und Regisseur Andreas Heise und der Dirigent Omer Meir Wellber bringen zwei Meisterwerke zusammen: Mozarts Requiem und die Oper Der Kaiser von Atlantis, die Viktor Ullmann im KZ Theresienstadt komponiert hat. Zwei Schöpfungen, die vom Tod ihrer Schöpfer geprägt sind: Mozart starb vor Vollendung seines Requiems in Wien, und Ullmann wurde mit 46 Jahren im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet.

Der Kaiser von Atlantis war in den letzten Jahren öfter zu sehen, meist als gesellschaftlich und politische Parabel um den Kaiser Overall, dessen Macht schwindet, und in dessen Reich der Tod in den Streik getreten ist: Soldaten sterben nicht mehr, die Macht des Kaisers wird bedeutungslos. Es gibt nur einen Ausweg: Der Kaiser muss dem Tod das eigene Leben anvertrauen, damit der Sensenmann seine Arbeit wieder aufnimmt und durch das Sterben das Leben auf Erden wieder mit Sinn erfüllt. In Ullmanns Musik ist viel über Macht zu lernen, über das Militär und die Liebe, vor allen Dingen aber: über das Verschwinden. 

An der Volksoper rückt das Konkrete in den Hintergrund: Die dunklen Menschen auf der dunklen Bühne (Sascha Thomson) tanzen wahrhaftig um ihr Leben. Kreaturen, denen bewusst wird, dass eine endlose Existenz der Inbegriff von Sinnlosigkeit ist: die immer gleichen Routinen, das immer gleiche Zucken, die exaltierte Macht, die schleichende Ohnmacht. Jeder Bewegung wird durch die Schleife ihrer Endlosigkeit der Sinn genommen. Heises Choreographie und die Tänzerinnen und Tänzer des Wiener Staatsballetts schaffen einen wahrlich endlosen Bewegungsrausch. Vor allen Dingen aber entzaubern sie die Mühle des alltäglichen Daseins und lassen uns erkennen, dass es Größeres gibt als uns, das Individuum – egal, ob wir Kaiser sind oder Trommler.

Es ist erstaunlich, wie sehr die originalen Teile aus Mozarts Requiem – energisch gesungen vom Chor der Volksoper Wien – sich in Ullmanns Musik einweben. Es kommt zu keinem musikalischen Sprung, sondern zu einer Art innerlicher Vertiefung des äußerlichen Problems der Unsterblichkeit. Und so gräbt Omer Meir Wellbers Arrangement immer tiefer von der Oberfläche der Macht in die Abgründe der Menschlichkeit. Der Zorn Gottes ist der Tanz der Untoten.

Das Unkonkrete dieses Abends ist eine ästhetische Antwort auf die Absurdität des Stoffes. Wellber und Heise ziehen die Handlung in die Psyche, die – und das ist der Clou – allein durch die Körperlichkeit der Musik ausgestellt wird.

Bemerkenswert auch das Sängerensemble der Volksoper: Josef Wagner als düsterer Tod (getanzt von Martin Winter), Daniel Schmutzhard als verzweifelter, immer weicher werdender Kaiser (getanzt von Gabriele Aime), Seiyuong Kim als turbulenter Harlekin (getanzt von Kevin Hena), JunHo Yo als Soldat (getanzt von Keisuke Nejime), Wallis Giunta als Trommler (getanzt von Marta Schiumarini) und Rebecca Nelsen als liebender Bubikopf (getanzt von Mila Schmidt). 

Dieser Abend ist eine kongeniale Perspektivverschiebung, wenn der Tod am Ende ein Tänzchen mit dem Kaiser aufführt, und Mozart die Gewalt des Endes liebevoll umarmt – sowohl auf Ullmann als auch auf Mozart. Dieser Abend setzt unserer Welt des Hyperrealen die Ästhetik des Surrealen entgegen. Allein das tut anderthalb Stunden lang mehr als gut. Und am Ende liegt der Trost in der tiefen Erkenntnis, dass unser eigenes Ableben eine Umarmung sein kann – die man zuzulassen lernen kann.

★★★★☆

Transparenzhinweis: Axel Brüggemann ist in der kommenden Spielzeit des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg mit Omer Meir Wellber beteiligt und ist schon allerhand Kilometer mit Daniel Schmutzard gelaufen.  

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

12 Wurstfinger und ein Gott

Der KI-Ring in Bayreuth ist ein anstrengendes Unterfangen. Die von Marcus Lobbes kuratierten Bilder erinnern an die Pionierzeit der künstlichen Intelligenz. All das scheint nicht nur das Publikum abzulenken, sondern auch das

Führer gibt es immer wieder

Sommerzeit! Festspielzeit! Heute reisen wir nach Bayreuth und Salzburg, versachlichen die Debatte um die Vergangenheit von Herbert von Karajan und suchen noch schnell das neue Klassik-Publikum.

Diktatur – das sind wir alle

Mit Rienzi bringt Katharina Wagner ausgerechnet die politisch umstrittenste Oper ihres Urgroßvaters auf die Bayreuther Bühne. Die Inszenierung von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka macht daraus keinen Hitler-Abend, sondern eine verstörend aktuelle

»Ich will. Wollen Sie auch«

Mit einer bewegenden Rede bei den Bayreuther Festspielen mahnt Michel Fiedman dazu, die Freiheit zu verteidigen, indem wir uns der Vergangenheit stellen.

»Nein zu Verharmlosungen«

Katharina Wagner eröffnet das Jubiläum 150 Jahre Bayreuther Festspiele mit einer Klaren Absage an Antisemitismus und einem Bekenntnis zu historischer Verantwortung. BackstageClassical bringt ihre Rede im Wortlaut.

Die heilige Helga

Wie BackstageClassical exklusiv erfahren hat, werden die Salzburger Festspiele diesen Sommer kurzfristig die Uraufführung einer Operette ins Programm nehmen: »Die heilige Helga« ist eine fromme Täuschung über Macht, Eitelkeit und den Trost

Das Machtparadox der Klassik

Die Klassik versteht sich als humanistische Kraft, die Menschen verbindet. Doch je größer ihre gesellschaftliche Reichweite wird, desto stärker gerät sie in politische Machtverhältnisse. Der Fall Gustavo Dudamel zeigt exemplarisch, wie schmal

Glanz ohne Abgründe

Ein riesiger Spiegel aus 86 Scherben, ein Pool im Bodensee und eine herausragende Marjukka Tepponen als Violetta: Die neue „La Traviata“ bei den Bregenzer Festspielen setzt auf eindrucksvolle Bilder und große Emotionen.

Neef bleibt Paris treu

Der Deutsche Alexander Neef bleibt bis 2032 Generaldirektor der Pariser Nationaloper. Frankreichs Staatspräsident hat den 2020 angetretenen Opernmanager auf Vorschlag von Kulturministerin Catherine Pégard für eine zweite sechsjährige Amtszeit bestätigt. Das teilte

Verpassen Sie nicht ...