Auweh-Deh-Er

Mai 10, 2024
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Ausschnitt aus der aktuellen WDR-Programmbroschüre

Verschwurbelt, verquer und irgendwie divers. Holger Noltze bespricht die Programmbroschüre des WDR Sinfonieorchesters. Und findet allerhand »Diversity-Töröö«.

Wie wunderbar entspannt konnte man am letzten Wochenende in einem Gesprächskonzert bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik den amerikanischen Komponisten, Posaunisten und Professor für amerikanische Musik an der Columbia George Lewis über das Thema Dekolonisierung und Diversität in der Neuen Musik und überhaupt sprechen hören. Dass Diversität sich schnell auf Frauen und People of Colour als benachteiligte Gruppen reduziere, die Sache aber doch komplizierter sei, weshalb er lieber von New Complexity spreche und den Begriff von der Neuen Musik aufs größere Ganze übertrage. Danach spielte der famose Marco Blaauw Buzzing für Trompete und Elektronik, zehn Minuten atmender Schönheit.

Dass das Programm des Wittener Festivals viel vom »Anderen« spricht, was das (männlich-weiße-alte) »Eine« ja als Norm voraussetze, vermerkte Lewis keineswegs übellaunig; wir befänden uns eben in der Transformation, immerhin sei die Sensibilität für koloniale Strukturen gewachsen, er sei da prospektiv optimistisch, und übrigens seien wir in dieser beschädigten Welt ja irgendwie alle Entwurzelte. Die Afro-Diaspora also nur die Avantgarde einer Polyaspora.

Guter Gedanke, lässig vorgetragen. In solchen Momenten freut man sich am öffentlich-rechtlichen WDR, der so ein Frühlingsfest der Neuen Musik in einem kleinen Ort bei Bochum veranstaltet, und dass neben den üblichen Verdächtigen der Neuen Musik immer auch ein paar offenohrige mutmaßliche Normal-Wittener im Raum sind, sieht man gerührt.

Hochtönendendes Diversity-Töröö

Den klugen Professor Lewis im Ohr, blättert man eher fassungslos durch die neue Programmbroschüre des WDR Sinfonieorchesters. Erst eine vor lauter ausgestellter Lockerheit ganz verkrampfte Bildstrecke, die die Damen und Herren Sinfoniker ordentlich befrackt open air im wirklichen Leben da draußen, zumindest ca. hundert Meter vor der Philharmonie, an der Kölner Hohenzollernbrücke zeigen: verrückt, die gehen raus! Dabei raunt der Intendant, in einem arg verschwurbelten Grußwort, von der »Musik als Rückzugsort«.  Es ist der gleiche »Tom« Buhrow, der vor anderthalb Jahren als »Privatmann« mal Gedankenspiele zur prekären Zukunft der Rundfunkorchester öffentlich machte. Dass ein Intendantengrußwort was anderes ist, weiß Buhrow auch, deshalb sind jedenfalls die WDR-Sinfoniker jetzt wieder unverzichtbar, für Heimat und Identität und »immer das tiefst Menschliche« und so. Das geht ihm alles glatt von der Hand, und dass die Sache mit der Identität zumal im Zusammenhang mit klassischer Musik vielleicht eher ein Fall von new complexity ist, beschwert ihn nicht. 
 
Während der Intendant von Identität spricht, übernimmt der Orchestermanager und postet das »wichtige Thema« Diversität. Hätte George Lewis ein Anschauungsbeispiel für seine These, es gehe da doch etwas kurzsichtig meist um Frauen und poc, gesucht: voilà. Auf einer Seite haben die Diversitätsstrategen mal alle eingeladenen artists of colour zum Foto-Quartett montiert, da haben wir gar kein Problem mit dem Kriterium. Der Cellist Sheku Kanneh-Mason wird zitiert, wieviel Glück er hatte, dass seine Eltern dafür sorgten, »dass er die Werte der klassischen Musik erleben und erfahren durfte«. Damit ist er »Vorbild« und »inspiriert auch eine neue Generation von Musiker:innen – unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe und ihrem Hintergrund –, die Bühne der klassischen Musik zu betreten.« – Geht doch! Wir teilen gern!

Es folgt dann nach dem hochtönenden Diversity-Töröö ein übrigens eher unterdurchschnittlich wagemutiges Programm des symphonischen business as usual. Brahms, Bruckner, Schostakowitsch, Tschaikowsky usw. Die zeitgenössische Musik der Zeit-Reihe wird als Extrakapitel ausgelagert. So richtig querschnittsmäßig wichtig kommt das Diverse da auch nicht rüber. 
 
Auweh-Deh-Er: Er ist so groß, dass er noch die knalligsten Widersprüche unter dem eigenen Dach unterkriegt. Aber wer liest schon Grußworte.

Holger Noltze

Holger Noltze leitete die Studiengänge »Musikjournalismus« an der TU Dortmund. Als Musikjournalist und Literaturkritiker ist er u. a. für Opernwelt und DIE ZEIT tätig. Von 2001 bis 2015 Moderator der sonntäglichen Gesprächsrunde West.art im WDR-Fernsehen. 2000–2005 Ressortleiter für Aktuelle Kultur beim Deutschlandfunk. Seit 2005 Professor am Institut für Musik und Musikwissenschaft der TU Dortmund. 2013–2017 Sprecher des Rats für Kulturelle Bildung deutscher Stiftungen.
Veröffentlichungen: Die Leichtigkeitslüge. Über Musik, Medien und Komplexität (Edition Körber Stiftung), Musikland Deutschland? Eine Verteidigung (Bertelsmann Stiftung), Liebestod. Wagner, Verdi, wir (Hoffmann und Campe). Menahem Pressler/Holger Noltze: Dieses Verlangen nach Schönheit. Gespräche über Musik (Edition Körber Stiftung). Mitgründer und Editor-in-chief der online-Plattform takt1.com für klassische Musik.

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