»Die Menschen wollen gehört werden«

Mai 3, 2024
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Pro-Europa-Proteste in Georgien während der Konzerte der Berliner Philharmoniker (Foto: BPH, Stephan Rabold)

Die Berliner Philharmoniker haben das Europakonzert in Georgien gespielt. Dort demonstrieren gerade Tausende gegen die Regierung und für eine Hinwendung des Landes zu Europa. Ein Kurz-Interview mit dem Solocellisten Olaf Maninger am Flughafen. 

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Herr Maninger, Sie stehen gerade am Flughafen in Georgien. Was haben Sie von den Aufständen und der politischen Situation wahrgenommen?

Das Europakonzert war sehr speziell, es ist ja traditionell das Geburtstagskonzert der Berliner Philharmoniker, das seit 33 Jahren mit einer völkerverbindenden Botschaft verbunden ist. Wir spielen mit besonderen Künstlerinnen und Künstlern an kulturhistorisch herausragenden Orten. Jetzt in Georgien zu sein, war natürlich sehr besonders. Die Situation vor Ort hat uns drei Tage lang begleitet. Wir sind gestern mitten in die Demonstrationen in Tiflis geraten, sind durch die Kundgebungen in den Konzertsaal gefahren und nach dem Empfang nicht mehr zum Hotel gekommen, weil die ganze Stadt belagert war.

Wie haben Sie die Stimmung wahrgenommen?

Es ist offensichtlich ein Kampf für Europa. Und wir haben ja mit Lisa Batiashvili eine Solistin dabei, die als Person dieses Kampf ganz explizit unterstützt. Man spürt den Wunsch der Bevölkerung, der EU nahe zu sein. Und die Szenen in den Straßen sind sehr beklemmend. Die Menschen vor Ort wünschen sich nichts mehr, als gehört zu werden – und eine offene Diskussion über ihre Zukunft.  

Lisa Batiashvili hat auf verschiedenen Kanälen gepostet, dass dieses Konzert in ihrer Heimat besonders wichtig für sie sei…

Musik kann in dieser Situation natürlich ein sehr guter Botschafter sein. Lisa Batiashvili ist ihrer Heimat sehr verbunden und politisch sehr engagiert. Sie ist seit vielen Jahren sehr aktiv, und wir sind ihr sehr verbunden. Die Idee in Georgien zu spielen kam ja auch von ihr. Vor drei Jahren war Georgien noch ein frischer EU-Beitrittskandidat, und wir sind damals hergekommen, um diesen EU-Beitritt zu fördern. Jetzt kommen wir plötzlich in eine Situation, in der das Gegenteil zu passieren droht. Das ist natürlich eine spektakuläre Wendung. Um so wichtiger erscheint es mir, dass wir den Menschen mit der Musik eine Art Rückenstärkung geben können.

Lisa Batiashvili beim Europakonzert der Berliner Philharmoniker (Foto: Stephan Rabold)

Worüber wurde bei den Empfängen in Georgien nach den Konzerten gesprochen?

Natürlich ist die aktuelle Situation immer ein Thema gewesen. Der deutsche Botschafter war die ganzen drei Tage dabei. Es waren auch Menschen aus der Wirtschaft dabei, die das Konzert unterstützt haben. Alle waren dankbar, dass die hochemotionalen Konzertmomente etwas Aufrüttelndes hatten.

In der verrückten Welt, in der wir gerade leben, scheint das Spannungsfeld von Kultur und Politik immer größer zu werden. Wie wird das bei den Berliner Philharmonikern debattiert?

Wir reden natürlich darüber. Ich persönlich finde das auch wichtig, weil es in dieser Zeit  unvermeidbar ist, sich zu verorten. Wir verstehen uns als Berliner Philharmoniker dabei nicht als politisches Organ, auch nicht als Künstlerinnen und Künstler, die durch ein musikalisches Amt Position beziehen wollen. Aber man kommt als Kulturschaffender in dieser Situation ja gar nicht darum herum, einen Standpunkt einzunehmen. Wir haben das bereits in der Corona-Krise gesehen, dann im Krieg Russlands gegen die Ukraine, wir sehen das in Israel – man muss sich irgendwie positionieren. Und wir als Berliner Philharmoniker machen das tatsächlich auf Grund unserer Historie ganz automatisch.

Durch den emotionalen Effekt der Musik?

Ja, wir haben natürlich auch darüber gesprochen, was wir jenseits der Konzerte in Georgien machen können. Vor dem Europakonzert war die Rede davon, dass der Ministerpräsident, der ja Grund für die aktuellen Unruhen ist, vor dem Konzert sprechen will. Kann man einen Ministerpräsidenten ausladen? Ich finde: Nein. Muss man Stellung beziehen? Verbal reagieren? Sollte man die Europa-Hymne spielen? Wir haben uns natürlich gefragt: Wie soll man da reagieren? Für mich ist relativ klar, dass es in einer solchen Situation schon ein gutes Zeichen ist, wenn die Berliner Philharmoniker mit Lisa Batiashvili nach Georgien reisen und dieses Programm spielen. Wir haben eine Zugabe mit einer Version georgischer Volkslieder gegeben. Das ist ebenfalls ein subtiles Zeichen. Die Musik ist für derartige Statements ein ganz gutes Werkzeug.

Vielen Dank Herr Maninger, und guten Heimflug. 

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Das Konzert der Berliner Philharmoniker in Georgien hier nachschauen.

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