
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
es gibt Wochen, in denen man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Dieser Newsletter ist pickepackevoll und beginnt mit dem Rückzug zweier Klassik-Macher vom Wiener Opera-Lab, ordnet die Ernennung von Peter de Caluwe in Salzburg ein und schaut hinter die intransparenten Kulissen des Klassik-Fernsehens.
Absagen für Wiener Opera Lab nach BackstageClassical-Recherche

1.099 Euro verlangt das Vienna Opera Lab von jungen Sängerinnen und Sängern, um – unter anderem – die Türen zu einem internationalen Opern-Netzwerk zu öffnen. Wir sind der Sache nachgegangen: Veranstalterin Samantha Farber, Gründerin der Künstleragentur Sono Artists, sieht nichts Verwerfliches daran und weist den Vorwurf zurück, sich an den Hoffnungen junger Menschen zu bereichern. Verwunderlich ist: Keiner der von uns angeschriebenen Player aus der Opernwelt kannte die hohen Kosten für die Teilnehmer, weder Evamaria Wieser von den Salzburger Festspielen, noch Boris Ignatov von der Staatsoper Stuttgart noch Dominik Licht von den Osterfestspielen Salzburg. Peter Heilker, designierter Intendant in Leipzig, zog seine geplante Teilnahme inzwischen zurück, und auch Malte Puls, Betriebsdirektor der Volksoper Wien, sagte seine Teilnahme nach unserer Anfrage ab. Er will deutlich machen, »dass weder ich noch die Volksoper irgendeine Art von Zugang zu Engagements oder Möglichkeiten zu Vorsingen über externe oder gewerbliche Kanäle gewähren oder den Anschein dazu erwecken wollen«. In unserer Recherche geht es um die grundsätzliche Frage: Wie lauter ist es, aus den Hoffnungen junger Sänger ein Geschäftsmodell zu machen? Und warum spielen Vertreter von staatlich geförderten Häusern da überhaupt mit? Den ganzen Text und alle Antworten auf unsere Recherche lesen Sie hier.
Game over
Die Entscheidung für Peter de Caluwe als neuer Intendant der Salzburger Festspiele war ein guter Schritt, um die alten Seilschaften der Mozart-Stadt zu kappen. Während der Name des Mannes aus Belgien für viele eine Überraschung war, war er den Leserinnen und Lesern dieses Newsletters längst bekannt: Seit zwei Wochen haben wir immer wieder berichtet, dass de Caluwe gute Chancen hat, sich gegen Barrie Kosky und Sophie de Lint durchzusetzen. Und tatsächlich er ein Name, der vollkommen ohne Rücksicht auf alte Seilschaften sein Amt antreten kann. Klug, wie er bei der Pressekonferenz vor allen Dingen Respekt und Anstand betonte: Ein neuer, freundlicher Wind an der Salzach! An seiner Seite wird Kristina Hammer Präsidentin bleiben, was dazu führen könnte, dass auch der letzte Hinterhäuser-Intimus, Geschäftsführer Lukas Crepaz, die Festspiele verlassen könnte (wird ihn Christian Kircher ersetzen?). Während die meisten Feuilletons die Entscheidung feiern und selbst die alte Hinterhäuser-Lobby inzwischen einlenkt, dröselt der Spiegel noch mal Hinterhäusers Amtsführung auf, und BR Klassik erschreckt durch einen merkwürdigen Endlos-Indifferenz-Text wie aus der Feder von ChatGPT. Bei BackstageClassical versuchen wir noch einmal zu erklären, warum de Caluwe das endgültige Ende der Ära Hinterhäuser und Helga Rabl-Stadler ist. Hoffentlich wird Hinterhäuser nicht zum nächsten Ioan Holender, der schlecht gelaunt herumläuft und wartet, dass ihm jemand sagt, dass früher – mit ihm – doch alles besser gewesen ist.

Das undurchsichtige Klassik-Geschäft im Fernsehen
Der österreichische Sender ORF III zeigt sehr viel Kultur, steht aber in der Kritik, weil er seine Programme durch jene Institutionen mitfinanzieren ließ, über die dann auch berichtet wurde. Auch in der Kultur: Österreichische Bühnen beteiligten sich an den Produktionen. Nun sieht es so aus, als würde der Sender abgewickelt. Und in Deutschland? Das ZDF schweigt über genaue Kosten und Geldströme bei seinen Klassik-Produktionen. Aber es ist schon merkwürdig, wenn der künstlerische Leiter der Konzerte in Neuschwanstein, Matthias Greving, gleichzeitig auch der Produzent eben dieser Konzerte für das ZDF ist. Einen Blick hinter die Fernsehkulissen gibt es in unserer großen Reportage. Da gehen wir auch der Frage nach, warum es wohl immer schlechtere und immer weniger Klassik-Konzerte im TV geben wird.
Auf unseren Bühnen

Ich habe Ihnen am Anfang dieser Saison versprochen, dass BackstageClassical sich vermehrt auch um das kümmern wird, was AUF den Bühnen zu sehen ist. Diese Woche berichtete Guido Krawinkel von der Ruhrtriennale und feierte den Abend »Erased Music« mit Werken von Charles Tournemire und Roman Padlewski in der Jahrhunderthalle Bochum. Carl Julius Reim hat am Wochenende an der Deutschen Oper Berlin die Premiere von Stockhausens »Mittwoch aus Licht« besucht und kommentiert: »Musikalisch präzise und von hoher Qualität, verliert sich Susanne Kennedys Inszenierung zwischen klugen Impulsen, Überladung und Inhaltslosigkeit»Musikalisch präzise und von hoher Qualität, verliert sich Susanne Kennedys Inszenierung zwischen klugen Impulsen, Überladung und Inhaltslosigkeit.«
Stuttgart erneut auf dem Prüfstand
Die seit Jahren geplante Sanierung der Stuttgarter Oper steht wieder grundsätzlich zur Debatte. Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) will angesichts möglicher Gesamtkosten von bis zu zwei Milliarden Euro prüfen lassen, ob ein Neubau die bessere und günstigere Alternative sein könnte. Das ganze Drama hier.

Personalien der Woche
Laufen und musizieren: Die Wiener Symphoniker und der Vienna City Marathon veranstalten 2027 erneut ihr »Konzert zum Marathon«. Läuferinnen und Läufer können sich ab sofort um einen Platz im Orchester bewerben. +++ Mehr Geld für die Berliner Philharmoniker: Der Bund erhöht seine Förderung und beteiligt sich mit 225 Millionen Euro an der Generalsanierung der Philharmonie. Das soll Planungssicherheit schaffen. +++ Die Agentur Raab & Böhm wird zu einem immer wichtigeren Player: Gerade hat das Unternehmen auch Yuja Wang und Pablo Heras Casado aufgenommen und wird zu einem der wichtigsten Player. +++ Der Bassbariton Hartmut Welker – regelmäßiger Gast bei den Bayreuther Festspielen – ist im Alter von 84 Jahren gestorben.
Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?
Ja, wo zum Teufel bleibt es nur. Vielleicht ja hier: Endlich ist es so weit: Die Oper Köln hat eröffnet, und kommendes Wochenende werden wir über die erste Premiere mit dem »Rosenkavalier« unter Andrés Orozco-Estrada berichten. Statt 250 Millionen hat das Haus am Ende über 800 Millionen Euro gekostet. Eine Fehlplanung, die auch Auswirkungen auf andere Kulturprojekte hat: In Stuttgart oder Düsseldorf haben Politikerinnen und Politiker jetzt besonders große Angst vor Renovierungen, blasen sie ab oder lassen bis zum St. Nimmerleinstag neu rechnen. Und auch in Köln ist die Stimmung ein wenig gedrückt. Im BackstageClassical-Podcast hofft Intendant Hein Mulders, dass das Geld für die laufenden Spielzeiten nach dem Eröffnungsjahr nicht gleich wieder massiv gekürzt wird. In Köln gehöre die Oper zur Stadtgesellschaft, sie sei eine Art »Volkskunst«, die sehr unterschiedliche Menschen anspreche. Die gestiegenen Abozahlen wertet er als Zeichen dafür, dass das Haus angenommen werde.
In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif
Ihr
Axel Brüggemann

