Er war immer schon da

November 4, 2026
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Herbert Blomstedt (Foto: Stöhr)

Zum Tod von Herbert Blomstedt: Erinnerungen an einen außergewöhnlichen Dirigenten, seine Jahre bei der Staatskapelle Dresden und seine Begegnungen mit den Wiener Symphonikern.

Von Jan Nast

Herbert Blomstedt war für mich so etwas wie der Igel aus dem Märchen. Er war immer schon da, wenn ich irgendwo hingekommen bin. 1997 habe ich die Staatskapelle Dresden als Orchesterdirektor übernommen. Zwölf Jahre war es da her, dass Herbert Blomstedt hier als Chefdirigent gewirkt hatte – sein Geist aber blieb allgegenwärtig und wehte durch das Orchester, ebenso wie durch seinen Klang. Auch als ich 2019 als Intendant zu den Wiener Symphonikern ging, war Herbert Blomstedt bereits da: als regelmäßiger Gast des Orchesters. Vor allen Dingen aber als Dirigent, von dessen Arbeitsweise die Musikerinnen und Musiker schwärmten.

Der Igel ist ein Sinnbild in deutschen Märchen. Er nimmt sich viel Zeit, um am Ende besonders schnell zu sein. Er ist stets ausgeglichen und grüßt freundlich, wenn der abgehetzte und angeberische Hase das Ziel erreicht. Der Igel steht für Klugheit, Besonnenheit und Bescheidenheit. Tugenden, die ich persönlich an Herbert Blomstedt besonders geschätzt habe. Ich kenne nur wenige Dirigenten, die ihre Erfahrungen so unprätentiös teilten wie er. Bei seinen Ratschlägen stand stets die Musik im Zentrum – und nicht seine Person. Ich habe viel gelernt, wenn ich Herbert Blomstedt zuhörte, seinen Ratschlägen und seinen Fragen.

Die Wurzel seiner natürlichen Autorität war die Geschichte seiner Erfahrung. Am Beginn einer Karriere eifere man seinen Idolen nach, sagte er einmal, später werde man immer freier. Der Weg von Herbert Blomstedt führte fast 100 Jahre lang immer tiefer in die musikalische Freiheit. Er hat in ganz unterschiedlichen Kontexten musiziert, in verschiedenen Konstellationen und in vollkommen konträren politischen Systemen.

Herbert Blomstedt ist der Musik ein Leben lang treu geblieben, hat sie nie verraten – und so konnte er auch sich selber stets treu bleiben. Er war ein Diener im Weinberg des Klanges.

Die Musik als Versprechen von Freiheit

Wie viele Menschen in Deutschland hat Herbert Blomstedt beide Seiten des Eisernen Vorhangs erlebt. Dabei interessierte ihn niemals die Ideologie der Systeme. Sein Denken kreiste um Bach, Mozart und Beethoven. Die Musik war ihm – egal, wo er sich gerade aufhielt – stets ein Ort, der ihm das Versprechen von innerer Freiheit gab.

1932 war Herbert Blomstedt fünf Jahre alt. Damals war er zum ersten Mal in Wien. Er begleitete seine Mutter. Sie war Pianistin und nahm Unterricht bei der Wiener Klavierlegende Moritz Rosenthal. Dessen Klavierspiel hatte selbst der strenge Wiener Wagner-Kritiker Eduard Hanslick gelobt. Das Klavierspiel seiner Mutter muss Blomstedts Vater begeistert haben. So erzählte es der Sohn jedenfalls gern. Für den strenggläubigen Siebenten-Tags-Adventisten gab es – so erklärte es Blomstedt einmal – nur zwei Welten: das Reich Gottes auf der einen Seite und auf der anderen unsere Welt, die es zu missionieren galt. Allein die Musik schien einen eigenen Kosmos irgendwo dazwischen zu beanspruchen, eine Art Übergang zwischen Himmelreich und Erde.

Als Erwachsener konnte Blomstedt sich nur schwach an seinen ersten Wien-Aufenthalt erinnern. Er erzählte von einer »dunklen Wohnung«, in der seine Familie damals übernachtete, von den roten Gondeln des Riesenrades im Prater und von einem furchterregenden Totenschädel, den er in den Katakomben des Stephansdoms gesehen hatte.

Dann begann Deutschland den Zweiten Weltkrieg. Moritz Rosenthal musste in die USA auswandern. Die Familie Blomstedt überdauerte den Krieg in einem Pfarrhaus in Stockholm. Jeden Sonntag setzte der Sohn sich an das Telefunken-Radio und hörte einen deutschen Sender. Um 10 Uhr brachte »Das Schatzkästelchen« Kammermusik, um 11 Uhr wurden große Orchesterwerke gesendet. Der musikbegeisterte Blomstedt versuchte, die Noten zu notieren, und hörte begeistert zu.

Eines dieser Konzerte berührte ihn ganz besonders. Als die Mozart-Variationen von Max Reger erklangen, war er wie elektrisiert. Nicht allein von der Komposition, sondern auch vom Klang des Orchesters. Karl Böhm dirigierte damals die Sächsische Staatskapelle Dresden. »Diese Musik«, schwärmte Blomstedt noch Jahrzehnte später, »hat sich in meinem Kopf eingebrannt. Damals war es unvorstellbar, dass ich dieses wunderbare Orchester irgendwann einmal selber dirigieren würde.« Da war es wieder: der Klang der Musik als Licht der Hoffnung in dunkler Zeit, als Versprechen einer Zukunft in Freiheit.

Eine Liebesbeziehung beginnt in Dresden

1969 war es durchaus spektakulär, dass ein Dirigent aus dem Westen ein Orchester in der DDR dirigierte – zumal seine Eltern Amerikaner waren und nach Schweden ausgewandert waren. Politisch brisant war auch, dass der tschechische Dirigent Martin Turnovský nach dem Prager Frühling aus Protest gegen den gewaltsamen sowjetischen Einmarsch nach Österreich ausgewandert war und plötzlich Blomstedt als Ersatz angefragt wurde. Er sagte damals zu und dirigierte ein eigenes Programm mit Werken von Paul Hindemith, Johannes Brahms und Carl Nielsen. Für viele Musikerinnen und Musiker in Dresden war das der Beginn einer neuen Liebesbeziehung.

Im Orchester wurde Blomstedts Dirigat nie politisch verstanden. Es entstand vielmehr eine gemeinsame menschlich-musikalische Ebene, die beide Seiten unbedingt fortsetzen wollten. Seine Art zu musizieren passte perfekt zu dem Orchester, das Richard Wagner einst seine »Wunderharfe« genannt hatte.

Axel Brüggemann im Gespräch mit Herbert Blomstedt

Blomstedt dirigierte sowohl das Kernrepertoire der »Kapelle« (Richard Strauss, Richard Wagner, Ludwig van Beethoven), achtete aber gleichzeitig auch auf die Fortsetzung ihres klassischen und besonders ihres barocken Erbes.

Die Unterlagen im Archiv der Staatskapelle Dresden zeigen, wie engagiert Herbert Blomstedt sich um die musikalische Entwicklung des Orchesters gekümmert hatte, wie genau er seine Geschichte kannte und wie klar ihm war, welchen Weg er mit der Kapelle gehen wollte. Herbert Blomstedt hat an den sogenannten »Aufführungsabenden« teilgenommen, an denen die Kammermusik gepflegt wurde. Natürlich hat er auch Opernpremieren an der Semperoper dirigiert, von »Eugen Onegin« über »Die Entführung aus dem Serail« bis zu »Pelléas et Mélisande«.

Das wahre Archiv eines Orchesters sind bekanntlich seine Musikerinnen und Musiker – und ihre Anekdoten. Ich kenne kein Orchester, in dem nicht unendlich viele liebenswerte Geschichten über Herbert Blomstedt kursieren. Egal, mit welchem Mitglied der Staatskapelle ich gesprochen habe: Herbert Blomstedt war einer jener Dirigenten, den alle mochten. Weil er vormachte, dass niemand sich über die Musik erheben kann, wenn man die Musik ernst nimmt. Weil sein Musizieren ein Akt der selbstbewussten Demut vor der Kunst war. Weil das Musikmachen für ihn ein gemeinschaftlicher Prozess war. Und weil Herbert Blomstedt in seiner Arbeit lehrte, dass Wahrhaftigkeit nur dann entsteht, wenn jeder Ton ernst genommen wird.

Wenn eine Oboe eine Seele bekommt

So intensiv die Beziehung zwischen Herbert Blomstedt und der Staatskapelle im ersten Moment gewesen sein mag, so lange dauerte es, bis er endlich zusagte, das Orchester auch als Chefdirigent zu übernehmen. »Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht«, erzählte er immer wieder. Über zwei Jahre wälzte er das Angebot aus der DDR hin und her. Er wusste um die politische Situation, hatte Bedenken gegenüber dem totalitären System. Für ihn war klar, dass er seine Wohnung in Stockholm behalten und seine Kinder niemals in eine sozialistische Schule schicken würde.

Am Ende waren es wieder die Menschen, die seine Entscheidung beeinflusst haben. »Die Musikerinnen und Musiker der Staatskapelle haben alles getan, damit ich mich in Dresden zu Hause fühle«, verriet Blomstedt mir einmal. Er war kein Mensch, den man unter Druck setzen konnte, das wussten alle. Also gingen die Musikerinnen und Musiker der Kapelle klüger vor. Einige haben ihn am Wochenende kurzerhand in einen Trabbi gesteckt und sind mit ihm nach Freiberg gefahren, wo sie Blomstedt die große Silbermann-Orgel gezeigt haben. Andere unternahmen einen spontanen Ausflug mit ihrem Dirigenten in die Sächsische Schweiz und zeigten ihm beim Wandern, welche Natur Carl Maria von Weber zu seinem »Freischütz« und Richard Wagner zu seinen frühen Opern inspiriert hatte.

»Vor allen Dingen aber«, erinnerte sich Blomstedt, »war es der Klang des Orchesters, der mich lockte. Wenn ein Oboist wie Kurt Mahn die Oboe ansetzte – dann hörte man eine Seele. Dann konnte ich weinen.«

Als Orchesterdirektor hörte ich immer wieder, wie dankbar die Musikerinnen und Musiker Blomstedt dafür waren, dass er den typischen Klang der Kapelle erkannt und gepflegt hatte. Dass er verstanden hatte, wie das Orchester »tickt«. Er hat in der Vielfalt des Repertoires die Einmaligkeit des Klanges gepflegt. Und er nahm Traditionen stets ernst, etwa die Konzerte zu Palmsonntag, die Hofkapellmeister Francesco Morlacchi 1829 ins Leben gerufen hatte. Immer wenn ich Blomstedt wiedertraf, sprach er mit einer Wärme und Zuneigung über den Klang der Kapelle, die mich berührte. Für ihn war die Schönheit des Tones das A und O des Dresdner Klanges.

Freiheit hinter dem Eisernen Vorhang

Noch immer ist die Selbstverständlichkeit bemerkenswert, mit der Blomstedt ein Orchester in der DDR geleitet hat. Ich wurde in Ostberlin geboren und bin vor dem Mauerfall in den Westen gegangen. Er ging den entgegengesetzten Weg. »Die DDR war bekannt für ihre Mangelware«, scherzte Blomstedt einmal, »besonders groß war der Mangel an Freiheit.« Doch die Freiheit lag für ihn am Grunde der musikalischen Tiefe. »Im Klang ist die Freiheit unbegrenzt«, sagte er immer wieder, »die Musik ist ein Versprechen dieser inneren Freiheit.«

Natürlich musste ein Chefdirigent sich aber immer auch mit der politischen Führung arrangieren. Dabei haben die DDR-Oberen Blomstedt weitgehend in Ruhe gelassen. Gern erinnerte er sich, wie der ostdeutsche Komponist Paul Dessau gewitzelt hatte: »Der beste DDR-Komponist war eben doch Johann Sebastian Bach.« Diese Art von Humor gefiel Herbert Blomstedt.

130 Schallplatten hat er mit der Kapelle aufgenommen und über 250 Gastkonzerte absolviert – in der ganzen Welt, natürlich auch im damals so genannten »westlichen Ausland«.

Bis heute werden in der Kapelle die Legenden über die ersten Tourneen in die USA wachgehalten. 1983 fand die erste Reise statt, die von New York bis in die kleinste Provinz des großen Landes des Westens führte. Herbert Blomstedt saß dabei – anders als westliche Dirigentenstars – ganz selbstverständlich mit dem Orchester im Bus. Standesgemäß in der ersten Reihe. Aber stets auf Tuchfühlung mit den Musikerinnen und Musikern. Gastspiele wie diese brachten der DDR wichtige Westdevisen. Blomstedt und seiner Kapelle brachten sie internationales Renommee.

Erst als die DDR-Bürokraten 1985 darauf bestanden, dass der Dirigent bei einem Gastspiel in Westberlin einige der Kapell-Bratschisten nicht mitnehmen dürfe und ihm stattdessen Musiker aus der Hauptstadt empfahlen, war er verstimmt. »Viele Jahre sind wir freundschaftlich miteinander ausgekommen«, soll ihm ein Kultursekretär zugeraunt haben, »aber wir können auch anders.«

So hört sich die Sprache der Macht an. Eine Sprache, die ein Freigeist wie Herbert Blomstedt nicht verstehen wollte. »Für mich klang das damals wie die Gestapo«, erinnerte er sich einmal, und sein Entschluss, Dresden zu verlassen, schien gereift zu sein.

Ein Abschied, der keiner war

Letztlich waren es wohl auch die begeisternden Gastspiele mit der Kapelle, die Blomstedt in den USA immer bekannter werden ließen. 1985 wechselte er schließlich zum San Francisco Symphony Orchestra. Aber – und das ist bemerkenswert – die Staatskapelle verlor er nie mehr aus dem Auge. Egal, wo in der Welt der Klassik wir uns trafen: Herbert Blomstedt erkundigte sich stets nach dem Wohl »seiner« Kapelle und blieb bis ins hohe Alter ein gern gesehener Gast »seines« Orchesters.

Im Archiv der Staatskapelle liegt ein Brief aus dem Jahre 2013. Damals setzte Blomstedt sich mit emotionalen Worten dafür ein, dass die Staatskapelle Dresden zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO ernannt wird – eine Petition, die bislang leider kein Gehör fand.

Gespräch mit Herbert Blomstedt Teil II

In Wien ist Herbert Blomstedt zum ersten Mal im Jahre 1974 aufgetreten, damals noch mit der Staatskapelle Dresden. Es sollte bis 1989 dauern, dass er hier dann endlich auch die Wiener Symphoniker im Wiener Konzerthaus dirigierte – mit Werken von Franz Berwald und Johannes Brahms. Er leitete das Orchester mit sieben verschiedenen Programmen, danach dirigierte er dann auch bei den Wiener Philharmonikern.

Warum das alles so lange dauerte? »Da müssen Sie das Orchester fragen«, hat er einmal gesagt. Wenn ich damals schon da gewesen wäre, hätte er nicht so lange warten müssen. Aber er war eben der Igel und war immer schon da, wenn ich irgendwo angekommen bin. Herbert Blomstedt war nämlich auch geduldig – er war stets an jenen Orten, wo die Zeit reif für ihn war.

Thank You For The Music

Seinen 90. Geburtstag haben wir in Dresden übrigens groß gefeiert: Das Konzert, das er mit András Schiff gegeben hatte, wurde auf den Vorplatz der Semperoper übertragen. Zigtausend Dresdnerinnen und Dresdner haben ihm danach unter freiem Himmel gratuliert. Die Kapelle hatte eigens »Thank You For The Music« von ABBA eingespielt, und alle Menschen auf dem Vorplatz stimmten ein. Als der Moderator Blomstedt dann interviewte, erklärte er, dass er die Musik nicht kenne und von ABBA nie etwas gehört habe – natürlich mit einem Augenzwinkern.

So war er, der Igel der klassischen Musik: immer schon da und immer mit einem Gespür für gutes Understatement.

Nun ist Herbert Blomstedt nicht mehr da. Aber sein Klang bleibt. In Dresden, in Wien und in all den Orchestern, deren Musikerinnen und Musiker von ihm gelernt haben, dass musikalische Freiheit nicht durch Macht entsteht, sondern durch Zuhören. Dass Autorität nichts mit Lautstärke zu tun hat. Und dass man der Musik ein Leben lang dienen kann, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.

»Thank You For The Music«, lieber Herbert Blomstedt.

Jan Nast ist Intendant der Wiener Symphoniker

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