Rachmaninow in der Hölle der Gefühle

November 4, 2026
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Rachmaninow in Zürich (Foto: Rittershaus)

Drei selten gespielte Einakter von Sergej Rachmaninow, ein Bühnenbild, ein Bariton: Dmitri Tcherniakov verbindet am Opernhaus Zürich »Aleko«, »Der geizige Ritter« und »Francesca da Rimini« zu einem großen Musiktheaterabend.

Eigentlich haben die drei selten gespielten Einakter von Sergej Rachmaninow wenig miteinander zu tun und waren nie als Trilogie geplant. Jetzt hat das Opernhaus Zürich »Aleko«, »Skupoi Rytsar« (»Der geizige Ritter«) und »Francesca da Rimini« an einem Abend auf die Bühne gebracht – und triumphiert.

Zusammengehalten wird der große Musiktheaterabend nicht nur durch die hochexpressive Interpretation von Chor und Orchester der Oper Zürich unter der Leitung des Rachmaninow-Experten Gianandrea Noseda, sondern auch durch ein einheitliches Bühnenbild und den großartigen Vladislav Sulimsky, der alle drei zentralen Baritonpartien verkörpert und das Publikum mitnimmt in die erzählten Geschichten, aber auch in extreme emotionale Zustände.

»Aleko« – Eifersucht im Seniorenheim

»Aleko« nach einer Erzählung von Puschkin hat Rachmaninow im Jahr 1893 als Abschlussarbeit seines Studiums am Moskauer Konservatorium komponiert. Ein Eifersuchtsdrama, das am Ende zwei Tote fordert.

In Zürich hört man bei der Ouvertüre Dirigent Gianandrea Noseda im Orchestergraben stöhnen – so vehement geht der Generalmusikdirektor den Abend an, so stark klingen die Akzente im Orchester, so aufgeraut ist der Streicherklang. Dass der Chor im zweiten Rang postiert ist – die Frauen links, die Männer rechts –, sorgt zu Beginn noch für Koordinationsschwierigkeiten. Aber je länger der intensive Abend andauert, desto präziser agieren die Choristen. Die Wirkung mit dem Stereoeffekt und dem Klang von oben ist von Beginn an enorm.

Rachmaninow in Zürich (Foto: Rittershaus)

Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov hat für die Drehbühne eine aus verschiedenen Räumen und Fluchten bestehende Seniorenresidenz gebaut, die auch mal Gefängnis oder Labyrinth sein kann und am Ende sogar zur Hölle wird.

Bei »Aleko« werden die Seniorinnen und Senioren von Sulimsky im fies gemusterten Jackett durch die Türen und Gänge geführt, erhalten ihre Rollen wie die des alten Mannes (mit großem Vibrato und schwarzer Tiefe: Ain Anger) und tanzen mal ausgelassen, mal innig zu Rachmaninows Musik.

Die Kostüme von Elena Zaytseva haben Charme und Authentizität. Auch die Maske hat hervorragende Arbeit geleistet, um mit künstlichen Falten und ein paar Kilos mehr auf den Rippen das Ensemble glaubwürdig altern zu lassen.

Sulimsky wird aber auch als Aleko Teil des Spiels, schwärmt von seiner Frau Zemfira (hochexpressiv und mit strahlender Höhe: Elena Stikhina), während sich diese über die plötzliche Gefühlsaufwallung des Ehemannes lustig macht. Längst hat sie mit einem anderen angebandelt – vielleicht wegen der gleichen grauen Dauerwelle oder wegen seines leuchtenden Tenors (stark: Bekhzod Davronov).

Hier wird die Geschichte noch ironisch gebrochen, was auch die mitunter folkloristisch getönte Musik Rachmaninows hergibt.

»Der geizige Ritter« – Ein Narzisst erstickt an seinem Reichtum

In der dreizehn Jahre später komponierten Oper »Der geizige Ritter« ist der Orchesterklang symphonischer und noch expressiver. Bassklarinette, Tuba und Englischhorn kündigen schon an, dass der Geldverleiher (präsent: Alexey Dolgov) einen Mordplan vorschlägt. So weit geht die Wut des mittellosen Albert (mit hellem Tenor: Dmytro Popov) auf seinen Vater, den reichen Baron, aber doch nicht.

Den halbstündigen Monolog über seinen Besitz hält Vladislav Sulimsky als dement werdender Narzisst, der sich mit Papiermütze und Lichterkette zum Herrscher krönt. Ein einsamer Mann, der an seinem Reichtum erstickt.

Schon hier wird der Abend beklemmend, auch wenn der Baron nochmals grinsend ins Leben zurückkehrt, das Ärzteteam im Freeze zurücklässt und über die sich drehende Bühne in die letzte Oper hüpft.

»Francesca da Rimini« – Kein Entkommen aus der Hölle

»Francesca da Rimini« nach Dantes »Inferno«, ebenfalls 1906 komponiert und gemeinsam mit »Der geizige Ritter« uraufgeführt, spielt in der Hölle.

Das digitale Feuer auf den LED-Wänden ist in Zürich auch zu hören, wenn der Summchor und das Orchester immer höher steigen und Noseda die Dissonanzen auskosten lässt – dazu zerfällt die Bühne in ihre Einzelteile. Wie überhaupt bei dieser Produktion die Verbindung zwischen Musik und Szene geradezu beglückend gelingt. Auch die Übergänge zwischen den drei Opern sind meisterhaft konzipiert.

In diesem letzten Teil greift Regisseur Dmitri Tcherniakov die Geschichte aus »Aleko« nochmals auf. Vladislav Sulimsky ist der rasend eifersüchtige Lanciotto Malatesta, der seine Frau Francesca (auch hier überragend: Elena Stikhina) und seinen Bruder Paolo (glänzend: Bekhzod Davronov), den sie in ihrer Jugend eigentlich begehrte, regelrecht vorführt.

Nun dreht sich die Bühne nicht mehr. Ein Raum, kein Entkommen. Die Wut kippt in Schmerz, die Überlegenheit in ein Minderwertigkeitsgefühl. Sulimsky spielt und singt diesen tief verletzten Mann mit einer Intensität, die den Atem nimmt.

Ein Lachen, das zum Weinen wird. Noch ein letzter emotionaler Ausbruch im Orchestergraben – dann wird es dunkel.

Georg Rudiger

Georg Rudiger hat Musikwissenschaft, Geschichte und Germanistik in Freiburg und Wien studiert. Er beobachtet von Freiburg aus das Musikleben im Südwesten Deutschlands, der Schweiz und dem Elsass - als fester Freier für die Badische Zeitung, überregional u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, neue musikzeitung und Der Tagesspiegel. Er ist bei wichtigen Musikfestivals und Opernpremieren (Jurymitglied der Opernwelt), gelegentlich auch Rock- und Jazzkonzerten.

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