Die Geigerin Sophie Heinrich und die Pianistin Maria Radutu kritisieren Rollenklischees und Sexismus in der Klassikbranche und sprechen im BackstageClassical-Podcast über ihre Abenteuer als musikalische Unternehmerinnen.
Die Pianistin Maria Radutu stellt bis heute alte Geschechter-Klischees in der Musikwelt fest. Im aktuellen Podcast von »BackstageClassical« redet sie über gängige Vorurteilen, mit denen sie bereits während ihres Studiums konfrontiert wurde. Ein Dozent legte ihr nahe, ihre Instrumentenwahl zu überdenken. »Du musst dir das schon zweimal überlegen, weil du ein wirklich sehr großes Instrument spielst«, sagte er, »das erwartet man eher von einen Mann.« Derartige Ressentiments seien Ausdruck tief verwurzelter Rollenbilder im Klassikbetrieb.
Auch die Geigerin Sophie Heinrich, die viele Jahre als Konzertmeisterin in Orchestern tätig ist, berichtet von sexistischen Erfahrungen. Ein älterer Konzertbesucher fragt sie einmal im Orchestergraben der Deutschen Oper, ob sie »zu Hause auch die erste Geige« spiele. Ihre Antwort: »Nein, weil ich das ja hier mache.«
Bei internationalen Wettbewerben erlebt sie zudem immer wieder, dass Jurymitglieder in Beratungsgesprächen oft erst über die Kleidung von Frauen und über ihr Erscheinungsbild sprächen als über die musikalische Leistung.
Kritik an konservativen Strukturen
Die beiden Musikerinnen sehen die Ursachen auch in den traditionellen Strukturen des Klassikbetriebs. Das Repertoire sei über Jahrhunderte vor allem von männlichen Komponisten geprägt. An Musikhochschulen wird diese Tradition vielfach fortgeschrieben. Fragen nach neuen Konzertformaten, Selbstmanagement oder einer zeitgemäßen Programmgestaltung kämen in der Ausbildung dagegen häufig zu kurz.
Auch in den Führungsetagen von Orchestern und anderen Musikinstitutionen seien Frauen noch immer viel zu selten vertreten. Heinrich verweist allerdings auf regionale Unterschiede in Europa. Besonders in Skandinavien, etwa in Norwegen, Schweden oder Finnland, erleben sie einen offeneren Umgang mit weiblichen Führungskräften und weniger starre Rollenbilder.
Radutu betont, dass sie sich selbst nicht in erster Linie über ihr Geschlecht definiert. »Ich sehe mich zuerst als Musikliebhaberin, dann als Musikerin und als Pianistin. Die Frau kommt, glaube ich, viel später.«
Neues Album mit Werken von Komponistinnen
Mit ihrem Album »All About Eve« wollen Heinrich und Radutu den Blick auf bislang vernachlässigte Musik lenken. Zu hören sind Werke von Komponistinnen verschiedener Epochen, darunter Nadia Boulanger, Lera Auerbach, Florence Price und Eleonora Alberga. Die Idee zur Zusammenarbeit geht auf Elke Hesse, die Intendantin des Wiener Konzertsaals MuTh, zurück.
Anfangs haben beide Musikerinnen durchaus Vorbehalte gegenüber einem Programm, das ausschließlich Werke von Frauen versammelt. Sie wollen vermeiden, auf eine feministische Nische reduziert zu werden. Entscheidend sei für sie die musikalische Qualität der Kompositionen und die Entdeckung eines Repertoires, das im regulären Konzertbetrieb bislang zu wenig Beachtung findet.
Radutu vergleicht die traditionelle Klassikwelt mit einem prachtvollen Schloss, das von männlichen Komponisten errichtet wurde. Über Generationen bewegt man sich fast ausschließlich innerhalb dieser Mauern. Nun aber öffnen sich die Türen zu einem großen Garten, in dem es zahlreiche bislang unbekannte Werke zu entdecken gäbe.
Dabei ginge es nicht darum, die Musik von Bach, Beethoven oder Brahms zu verdrängen. Vielmehr soll das bestehende Repertoire erweitert werden.
Warnung vor kurzfristigem Trend
Beide Musikerinnen warnen davor, die verstärkte Beschäftigung mit Komponistinnen als vorübergehende Modeerscheinung zu behandeln. Einzelne Konzertprogramme oder CD-Veröffentlichungen reichen nicht aus, um die jahrhundertelange Vernachlässigung weiblicher Komponisten dauerhaft zu überwinden.
»Solange wir überhaupt darüber sprechen, ob ein Musikstück von einer Frau oder einem Mann komponiert wurde, braucht es diese Projekte und diese Bühne«, sagt Radutu.
Heinrich verweist auf ein Gespräch mit der Komponistin Eleonora Alberga, die auf die Frage nach ihrem wichtigsten Rat an junge Komponistinnen mit einem einzigen Wort antwortet: »Beharrlichkeit.«
Genau diese Beharrlichkeit sei notwendig, um die Werke von Frauen dauerhaft im Konzertleben zu etablieren. Entscheidend sei, dass ihre Musik nicht nur im Rahmen besonderer Themenabende aufgeführt würde, sondern sich selbstverständlich als Repertoire etabliere.
Musik von Komponistinnen sei schließlich keine Musik ausschließlich für Frauen, betonen Heinrich und Radutu. Langfristig muss es darum gehen, dass das Geschlecht bei der Beurteilung künstlerischer Leistungen keine Rolle mehr spielt.

