Benjamin Bernheim kritisiert den Klassik-Betrieb: Willkürliche Produktionsbedingungen und die Angst vor dem Bedeutungsverlust führen zu absurden Panikreaktionen. Der Tenor plädiert für mehr Qualität, Mut zur Authentizität und dafür, das Schrumpfen des Marktes zu akzeptieren.
English summary: Benjamin Bernheim criticizes the classical music industry: arbitrary production conditions and the fear of losing relevance are leading to absurd panic reactions. The tenor calls for greater quality, the courage to embrace authenticity, and an acceptance that the market is shrinking.
Der französische Tenor Benjamin Bernheim fordert eine grundlegende Reform der Arbeitsweisen im internationalen Opernbetrieb und übt scharfe Kritik an den Bedingungen, unter denen heute Neuproduktionen entstehen. Die Zusammenarbeit zwischen Intendanten, Regisseuren und Sängern müsse neu organisiert werden, sagt Bernheim in einem ausführlichen Gespräch mit BackstageClassical. Vor allem die langfristige Verpflichtung von Sängern ohne Kenntnis des späteren Regiekonzepts hält der Tenor für ein strukturelles Problem.
Klassik ist kein Pop
Zugleich warnt Bernheim davor, die gesellschaftliche Bedeutung der Oper künstlich zu überhöhen und die Kunstform nach den Regeln der Popkultur vermarkten zu wollen. Die Oper müsse ihren tatsächlichen Platz in der Gesellschaft anerkennen – als wertvolle, aber begrenzte Nischenkunst. Angesichts sinkender öffentlicher Mittel und wachsender ökologischer Anforderungen plädiert der Sänger zudem für kleinere Strukturen, effizientere Arbeitsweisen und eine stärkere Konzentration auf künstlerische Qualität.
Der Tenor, der an führenden Opernhäusern von der Metropolitan Opera in New York bis zur Mailänder Scala auftritt, beschreibt insbesondere die Entstehung von Neuproduktionen als riskanten Prozess. »Meine Kämpfe in den letzten fünf Jahren bestanden darin, keine Neuproduktionen zu machen, weil ich diesem Prozess nicht mehr vertraue«, sagt Bernheim.
Das Problem beginnt nach seiner Darstellung bereits bei der langfristigen Planung. Sänger unterschreiben Verträge häufig vier oder fünf Jahre vor einer Premiere. Zu diesem Zeitpunkt steht jedoch vielfach weder das endgültige Regieteam fest, noch ist bekannt, welche künstlerische Idee eine Produktion bestimmen wird. Die Sänger verpflichten sich damit für ein Projekt, dessen ästhetische und szenische Voraussetzungen sie nicht kennen können.
Zu viele Blinddates in der Oper
Bernheim spricht in diesem Zusammenhang von einem »Blind Date in der Industrie«. Erst beim Probenbeginn – häufig sechs Wochen vor der Premiere – treffen Sänger und Regisseure tatsächlich aufeinander. Dann kann sich herausstellen, dass das Konzept »völlig verrückt« ist oder mit der künstlerischen Persönlichkeit eines Sängers kaum vereinbar ist.
Für Bernheim ist dies kein Randproblem einzelner misslungener Produktionen, sondern Ausdruck einer grundsätzlichen Verschiebung der Machtverhältnisse im Opernbetrieb. Die Branche befindet sich im »goldenen Zeitalter der Regisseure«, sagt der Sänger. Nachdem frühere Jahrzehnte von großen Sängern und später von mächtigen Dirigenten geprägt wurden, überträgt die Oper die künstlerische Deutungshoheit zunehmend den Regisseuren.
Miteinander reden
Nach Bernheims Ansicht entsteht dabei ein Ungleichgewicht. Sänger werden für Produktionen verpflichtet, ohne ausreichend Einfluss auf jene Konzepte zu haben, in denen sie später ihre Stimme, ihren Körper und ihre öffentliche künstlerische Identität einsetzen müssen. Das kann die Integrität eines Künstlers gefährden.
Der Tenor fordert deshalb einen Paradigmenwechsel. »In einer perfekten Welt kontaktiert der Regisseur zwei Jahre vor einer Premiere die Hauptsänger«, sagt Bernheim. Konzepte sollten nicht erst präsentiert werden, wenn Verträge längst unterschrieben und die wesentlichen Entscheidungen gefallen sind. Regisseure und Sänger müssten frühzeitig miteinander sprechen und gemeinsam herausfinden, unter welchen Bedingungen eine Produktion künstlerisch funktionieren kann.
Dabei geht es nicht darum, Regisseuren ihre Freiheit zu nehmen oder Sängern ein Vetorecht gegen jede unbequeme Idee einzuräumen. Entscheidend sei vielmehr, die spezifische künstlerische Persönlichkeit eines Sängers als Teil einer Produktion ernst zu nehmen. Ein Sänger müsse unter den bestmöglichen Bedingungen auf die Bühne gestellt werden, um der Institution, dem Werk und dem Publikum dienen zu können.
Bernheim verbindet diese Kritik mit einem ungewöhnlich nüchternen Blick auf die eigene Karriere. Der Tenor spricht offen von sich selbst als einem »Produkt« auf einem internationalen Markt.
Sänger sind Unternehmer
Er versteht sich zugleich als »CEO meiner eigenen Firma«. Hinter dieser Formulierung steht ein Karriereverständnis, das künstlerischen Anspruch mit strategischer Planung verbindet. Ein international erfolgreicher Sänger müsse nicht nur musikalische Entscheidungen treffen, sondern auch seine körperlichen Ressourcen, sein Repertoire, seine Termine und seine öffentliche Position langfristig steuern.
Bernheim betont, dass er sich die Freiheit, Rollen auswählen und Angebote ablehnen zu können, erst erarbeiten muss. Diese Freiheit ist für ihn ein wesentlicher Bestandteil einer nachhaltigen Karriere. Wer ausschließlich auf kurzfristige Erfolge und möglichst viele Engagements setzt, riskiert, die eigene künstlerische und stimmliche Entwicklung aus der Hand zu geben.
Entsprechend streng organisiert der Sänger nach eigenen Angaben seinen Alltag. Er achtet auf seine stimmliche Gesundheit, trainiert regelmäßig im Fitnessstudio, baut gezielt Muskulatur auf und versucht, Alkohol und Umweltbelastungen zu vermeiden. Ziel ist es, die Stimme »schlank« und leistungsfähig zu halten.
Wir dürfen uns nicht selbst belügen
Auch bei der Auswahl seines Repertoires folgt Bernheim einer langfristigen Strategie. So entscheidet er sich, die Partie des Alfredo in Giuseppe Verdis La Traviata trotz großer Erfolge nicht dauerhaft weiterzusingen. Die Gefahr ist aus seiner Sicht zu groß, in Routine zu geraten. Stattdessen sucht er neue Aufgaben und größere Herausforderungen, darunter die Rolle des Cavaradossi in Giacomo Puccinis Tosca.
»Ich möchte auf die Bühne gehen und wissen, dass ich für eine Herausforderung kämpfe, um meine Gage, mein Gehalt und meinen Ruf zu verdienen«, sagt Bernheim. Künstlerische Sicherheit allein sei für ihn kein ausreichendes Ziel. Eine Karriere müsse sich weiterentwickeln, auch wenn dies bedeutet, erfolgreiche und vertraute Rollen hinter sich zu lassen.
Mit derselben Nüchternheit blickt der Tenor auf die gesellschaftliche Stellung der Oper. Er warnt davor, die Kunstform mit den Maßstäben der Popmusik zu messen oder sie als Massenphänomen zu vermarkten. »Wenn wir versuchen, Oper als Popmusik zu verkaufen, lügen wir uns selbst an, bevor wir das Publikum anlügen«, sagt Bernheim.
Mit Verweis auf Streaming-Daten argumentiert er, klassische Musik und Oper machen lediglich drei bis fünf Prozent des Marktes aus. Für Bernheim ist das kein Grund zur Resignation. Problematisch wird es vielmehr, wenn Institutionen diese Realität nicht akzeptieren und aus Angst vor Bedeutungsverlust versuchen, die Oper als etwas darzustellen, was sie nicht ist.
Bloß keine Panik
Statt in einen »Panikmodus« zu verfallen, weil Budgets schrumpfen und sich die gesellschaftlichen Bedingungen verändern, brauche der Opernbetrieb nach Ansicht des Sängers »Ehrlichkeit und Demut«. Die Kunstform müsse ihren tatsächlichen und legitimen Platz in der Gesellschaft finden.
Bernheim beschreibt die Oper in diesem Zusammenhang als eine Art »Museum«. Sie bewahrt ein Repertoire, das zum Teil mehrere Jahrhunderte alt ist. Gerade deshalb müsse sie sich auch mit den problematischen Seiten dieser Werke auseinandersetzen. Historische Darstellungen von Rassismus oder Misogynie dürften nicht einfach aus den Werken gelöscht werden, sagt der Tenor. Die Oper müsse ein »Spiegel unserer Geschichte« bleiben und diese Dinge kontextualisieren. Oper könne und müsse zeigen, wie frühere Gesellschaften mit Frauen, Fremden oder gesellschaftlichen Außenseitern umgehen.
Keine Angst vor dem Museum
Die Auseinandersetzung mit problematischen Inhalten versteht Bernheim damit nicht als Argument gegen historische Werke, sondern als Teil ihrer heutigen Bedeutung. Ein altes Repertoire kann gerade dann relevant bleiben, wenn es nicht von seinen Widersprüchen gereinigt wird, sondern diese sichtbar macht und zur Diskussion stellt.
Für die Zukunft des Opernbetriebs zieht Bernheim daraus auch organisatorische Konsequenzen. Angesichts sinkender öffentlicher Gelder, steigender Kosten und ökologischer Anforderungen könne die Branche nicht so weitermachen wie bisher.
»Ich denke, wir müssen schrumpfen. Wir müssen akzeptieren, dass ein Teil der Spielzeiten schrumpft, aber wir können es vielleicht auf eine andere Weise besser machen«, sagt Bernheim.
Weniger Produktionen oder kleinere Strukturen bedeuten aus seiner Sicht nicht zwangsläufig einen künstlerischen Verlust. Entscheidend ist, die vorhandenen Ressourcen effizienter einzusetzen und die Qualität der Arbeit zu sichern. Die Opernwelt ist vielfach noch in alten Denkweisen und Organisationsformen verhaftet, obwohl moderne Kommunikation und eine bessere Planung neue Möglichkeiten eröffnen.
Die neue Glaubwürdigkeit
Auch die Arbeitsbedingungen der Sänger verschärfen sich. Tourneen und internationale Engagements werden mit immer weniger freien Tagen zwischen den Auftritten geplant. Der Druck auf die Künstler wächst, während zugleich erwartet wird, dass sie an jedem Abend höchste Qualität liefern.
Bernheim fordert deshalb von Künstlern und Institutionen gleichermaßen größere Anpassungsfähigkeit. »Wir müssen neue Beispiele setzen, wie man effizient ist, aber das gleiche Qualitätsniveau hält«, sagt er.
Am Ende muss trotz aller wirtschaftlichen, organisatorischen und gesellschaftlichen Veränderungen die künstlerische Glaubwürdigkeit im Zentrum stehen. Bernheim spricht von der »Wahrhaftigkeit auf der Bühne« als entscheidendem Maßstab. Unabhängig davon, wie schwierig die äußeren Bedingungen sind, müsse das Ziel bleiben, dem Publikum die bestmögliche Leistung zu bieten.

