
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
heute mit deprimierenden Zahlen und allerhand Hoffnung. Kultur und Klassik sind keine Selbstläufer – wir müssen sie behaupten: Von Paris über Berlin bis nach Ingolstadt.
Anpacken oder sterben

Man kann es gar nicht dramatisch genug ausdrücken: Die Kultur in unseren Kommunen liegt im Sterben – Theater, Bibliotheken und Orchester schließen, viele Städte sind schlichtweg handlungsunfähig! Das Problem ist strukturell, sagen der Kulturreferent von Ingolstadt, Marc Grandmontagne, und der Organisationsforscher Dr. Ayad Al-Ani in einem XXL-Gastbeitrag bei BackstageClassical. Die beiden entwickeln Gedanken für grundlegende Reformen: Die Erteilung von Aufgaben und ihre Finanzierung von Bund, Land und Kommunen müssen wieder zusammengeführt, kommunale Kooperation erleichtert und bürokratische Hürden abgebaut werden. Die beiden werben trotz (oder gerade wegen) der aktuellen Krise für ein Primat der »radikalen Hoffnung« – also dafür, trotz knapper Mittel umso kooperativer und experimenteller zu handeln. Der Aufsatz hat es in sich und ist unbedingt lesenswert, weil er Vorschläge zum nötigen Handeln entwickelt.

Kein »Rumdöbeln« in der Kultur!
Was mehr schockiert als fehlendes Geld, ist fehlendes Verständnis für die Kultur. Vor allen Dingen, wenn sie plötzlich ganz ungeniert von Menschen angegriffen wird, die an prominenten Positionen den Diskurs ihrer Städte prägen. Einer von ihnen war diese Woche der Chefredakteur der Rheinischen Post, Moritz Döbler. Für ihn ist eine Oper in der Landeshauptstadt Düsseldorf verzichtbar, ließ er seine Leserinnen und Leser wissen. Was soll die designierte Intendantin Ina Karr darüber denken? Ich habe ihm geschrieben und gestaunt: Mein Brief von Brüggi wurde in den sozialen Medien unglaublich oft geteilt und debattiert – aber zur Wahrheit gehört leider auch, dass die Döblers dieser Welt immer mehr werden: Kulturlose Menschen, für die Zahlen und Selbstdarstellung die wichtigeren Kategorien sind. Wir brauchen in Zukunft mehr als polemische Briefe, um zu überzeugen. Es darf in der Kultur kein »Rumdöbeln« geben! Den Kommunen fehlt offenbar nicht nur Kohle, sondern auch die Kompetenz für Kultur – eine gefährliche Situation.
Der Andersdenker
Erstaunt hat mich auch die Reaktion in den sozialen Medien auf den Podcast mit dem Dirigenten Yoel Gamzou, den ich diese Woche aufgenommen habe. Der Dirigent berichtet aus seiner neuen Wirkungsstätte, der Oper in Warschau. Ein neuer Intendant, Boris Kudlička, sorgt hier für ausreichend Kohle und neue Konzepte. Gamzou ist das musikalische Gesicht dieses Aufbruchs. Ich kenne ihn schon lange – als GMD in Bremen und durchaus auch als Freund, mit dem sich trefflich streiten lässt (nein, wir sind nicht immer einer Meinung!). Wie streitbar Gamzous radikale Forderung nach Risiko, Neudenken und Andersmachen ist, war in den Kommentaren zum Podcast zu lesen: Jemand wie Gamzou verärgert einen Teil der Klassik-Welt im Mark, so wie er den anderen Teil durch sein Denken inspiriert. Ich genieße die Gespräche mit ihm auf jeden Fall und werde mir die neue Opernintendanz in Warschau anschauen.
Kein Skandal!
Dass diese Nachricht in diesem Newsletter so weit nach unten gerutscht ist, liegt vielleicht auch daran, dass der Skandal, den die Süddeutsche Zeitung diese Woche zu inszenieren versucht hat, in Wahrheit gar keiner ist: Eine Veranstaltung zum Faschismus bei den Bayreuther Festspielen mit Michel Friedman wurde erst angedacht, dann nicht weiter verfolgt und ging auch nie in den Verkauf. Etwas (zu) spät wurde Friedman dann erklärt, dass man das Konzert verschieben wolle. Plötzlich tobte es aus der Polit-Ecke der Feuilletons: Friedman beschuldigte Katharina Wagner und dann schien jeder – auch vollkommen ohne Wissen – seinen Senf dazu geben zu müssen. Ich habe versucht zu erklären, dass die Festspiele sehr wohl ein vorbildlicher Ort sind, der seine eigene Vergangenheit inzwischen andauernd kontextualisiert (ganz zu schweigen von Sven Friedrichs Haus Wahnfried). Inzwischen soll die Veranstaltung doch stattfinden, und Wagner entschuldigte sich für ihre Kommunikation bei Friedman. Der akzeptierte. War was? Für mich ist all das vor allen Dingen eine weitere Bankrotterklärung für ein Feuilleton, dessen Zeitung sich vielleicht erst einmal seinem eigenen Antisemitismus stellen sollte.

Das andauernde Dirigentenkarussell
Der Dirigent John Axelrod schaut regelmäßig aus der Vogelperspektive auf die Arbeit seiner Kolleginnen und Kollegen. In einem Beitrag bei BackstageClassical dröselt er noch einmal ausführlich das aktuelle Personalkarussell auf (von Petr Popelka über Jakob Hrůša, Daniel Harding, Tugan Sokhiev, Marie Jacquot oder Elim Chan) und erkennt einen Trend: Jüngere Namen in Spitzenpositionen und mehr Diversität an vielen Orten! Dahinter verbirgt sich seiner Meinung nach auf der einen Seite die Hoffnung auf mehr Sichtbarkeit, auf der anderen eine neue Offenheit der Musik. Ist jung, dynamisch und Quote immer schlecht? »Nein«, schreibt Axelrod, in der Klassik formiert sich ein neues Selbstverständnis. Beobachtungen des Dirigenten John Axelrod: »Ich freue mich, die musikalischen Ergebnisse dieser Entwicklung zu hören.«
Ein neuer Rainbow Waltz
Der Komponist Alexander Strauch gehörte zu den Kritikern des Wiener Arrangements von Florence Prices Rainbow Waltz. Nun hat der Präsident des Deutschen Komponistenverbandes das Stück für sein Rainbow Orchestra neu vertont. Wir haben ihn gebeten, uns zu erklären, was bei ihm anders ist. Hier geht es zum Original, zur Version der Wiener Philharmoniker und zum neuen Arrangement.

Personalien der Woche
Ein bisschen lustig, diese Woche hatten die Wiener Philharmoniker ihren Vorstand Michael Bladerer und Daniel Froschauer bestätigt – letzterer hatte dann Schwierigkeiten zum eigenen Open-Air-Konzert in Schönbrunn zu kommen. Die Security wollte seinen Backstage-Pass nicht akzeptieren und wies ihn ab. Nächstes Mal stellen wir Ihnen einen BackstageClassical-Pass aus, Herr Froschauer! +++ Zoff in Hong Kong? Der neue Chef in Hong Kong, Tarmo Peltokoski, und der Konzertmeister des Hong Kong Philharmonic Orchestra, Jig Wang, haben sich einen öffentlichen Streit geliefert. Wang verlässt seine alte Stellung nun im Krach, und Peltokowski holt stattdessen die koranische Geigerin Kim Jae-won, die auch schon mit ihm in Toulouse spielte.
Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier? Um an die Themen von oben anzuknüpfen: Nur Städte, die ihre Kultur pflegen, haben Zukunft. Ich war die ganze letzte Woche in Paris und muss sagen, diese Stadt entwickelt sich wirklich zu einer immer lebenswerteren Metropole. So viele Fahrradfahrer und Fahrradfahrerinnen, so viel entspanntes Dasein, und vor allen Dingen – so viel begeisterte Kultur! Unter anderem habe ich in Notre Dame gedreht (eine Doku über die Stadt und ihre Musik für ZDF/arte) – wie großartig diese Kirche restauriert wurde, wie wunderbar die alte Orgel hier noch dröhnt! Investitionen in Kultur rechnen sich eben. Nimm das, Berlin! Ach ja, und dann gab es noch zwei Notenfunde diese Woche: Eine bislang unbekannte Komposition von Béla Bartók ist im Musikantiquariat Ádám Bősze aufgetaucht, wie das ungarische Magazin Papageno berichtete. Außerdem entpuppte sich ein unscheinbares Notenheft als Mozart-Manuskript: Kompositionsübungen, die Mozart 1778 einer französischen Harfenistin notierte.
In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif.
Ihr
Axel Brüggemann

