»Wir brauchen Orte für unterschiedliche Perspektiven«

Februar 6, 2026
1 min read
Alexander Liebreich (Foto: Barczyk/forartists)

Dirigent Alexander Liebreich über musikalische Bildung, zu lange Amtszeiten für Intendanten und seinen neuen Job als Chefdirigent in Taipeh.

Der Podcast bei applePodcast oder für alle Player

Der deutsche Dirigent Alexander Liebreich wird neuer Chefdirigent in Taipeh, in einer Stadt, die angesichts der Spannungen mit China politisch im Fokus steht. Im Podcast-Gespräch mit BackstageClassical äußert er sich kritisch zur deutschen Kultur- und Bildungspolitik sowie zur internationalen Lage im Musikbetrieb.

Liebreich bemängelt den geringen Stellenwert der Musikvermittlung in Deutschland. Im deutschen Bildungssystem fehle ein »Selbstverständnis« für klassische Kultur, sagt er. Während Musikunterricht in Ländern wie Polen oder in Asien selbstverständlich sei, fällt er hierzulande häufig aus. Als Beispiel nennt Liebreich ein Münchner Gymnasium, an dem Musik zugunsten von Mathematik gekürzt wird. Die geplante Einführung einer neuen Musikpädagogik-Kategorie beim Opus Klassik begrüßt er grundsätzlich, warnt aber vor oberflächlichem »Vermittlungsbranding«.

Zur Situation bei den Salzburger Festspielen, wo Intendant Markus Hinterhäuser zuletzt in die Kritik geriet, vermutet Liebreich Kommunikationsprobleme. Nach langer Zeit in Führungspositionen bestehe die Gefahr, Entscheidungen nicht mehr ausreichend zu erläutern. Nach seinen Erfahrungen ist eine Amtszeit von sieben bis acht Jahren oft eine kritische Grenze im Kulturbetrieb.

Mit Blick auf seine neue Aufgabe in Taiwan zeigt sich Liebreich optimistisch. Taipeh sei ein moderner Kulturstandort mit jungem Publikum und ehrgeizigen Projekten wie der geplanten neuen Concert Hall, die 2028 fertiggestellt werden soll. Zugleich spricht er über die unterschiedlichen kulturellen Rollen Chinas und Russlands: Während Auftritte russischer Künstler in Europa derzeit politisch heikel sind, treten westliche Spitzenorchester in China weiterhin selbstverständlich auf. Auftritte in Russland lehnt Liebreich derzeit ab, um keine falschen Signale zu senden.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Liebe Buhrufer,

ich war einer von Euch. Was habe ich gebuht, damals, in Stuttgart – beim Ring von vier Regisseuren. Ich habe die Inszenierungen persönlich genommen. Als Beleidigung meiner Wagner-Welt. Ach was: Meines Weltbildes!

Buhs zur »Todesfuge«?

Samstagabend im Stuttgarter Opernhaus: Es gibt Zwischenrufe in der »Meistersinger«-Premiere, ausgerechnet in der »Todesfuge«. Versuch einer Einordnung von Johannes Lachermeier.

Lieber Simon Strauß,

vollkommen legitim, dass Sie Ihre FAZ-Feder spitzen, um Intendant Hinterhäuser im Amt zu halten. Merkwürdig nur, wie Sie das tun: Sie wittern eine Intrige gegen den kongenialen »König« und schieben die Schuld

Der auf den Grenzen tanzt

Biografie eines genialen Exzentrikers: »Pianist – Musiker – Freigeist« heißt ein Buch, in dem sich der Musikwissenschaftler Rüdiger Albrecht den ganz unterschiedlichen Facetten von Friedrich Gulda widmet. Ein exklusiver Vorabdruck bei BackstageClassical.

Dear Yannick Nézet-Séguin,

The conductor defends the clumsy waltz version of Florence Price at the New Year’s Concert — and in doing so also reveals himself.

Tenor Aaron Pegram verstorben

Die Semperoper Dresden trauert um den Tenor Aaron Pegram. Wie das Opernhaus am Montag mitteilte, starb das langjährige Ensemblemitglied am Sonntag in Dresden völlig unerwartet. Pegram gehörte seit der Spielzeit 2009/10 zum

Schlittenfahren mit der Musik 

heute mit einem Neujahrsschwindel, weiteren Entlassungen in der Musikkritik, mit Blicken hinter die Salzburger Festspiel-Kulissen und einer sportlichen Enttäuschung.

Lieber Daniel Froschauer,

Der Vorstand der Wiener Philharmoniker weist Kritik am Arrangement von Florence Prices »Rainbow Waltz« zurück – und macht die Sache damit nur noch schlimmer.

Lieber Michael Andor Brodeur,

Sie sind die gewissenhafte Klassikstimme der Washington Post. Keiner, der große Themen ausgräbt, der Musik in die Mitte der Gesellschaft stellt – aber ein guter Kritiker. Einer der alten Schule.  Nun müssen Sie

Verpassen Sie nicht ...