Warum Kunst und Kultur fördern? 

März 26, 2026
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Den Kommunen fehlen Gelder für Kultur. Weil diese keine Pflichtaufgabe ist. Dabei ist Kultur der Grund, warum eine Gesellschaft überhaupt Gründe hat – für alles! Ein kleiner Argumentationstanz von Steven Walter.

English summary: Cities lack funds for culture because it’s not mandatory. Yet culture creates the very reasons for society: it brings people together, enables shared experiences, and underpins democracy. Without it, communities lose meaning—so funding culture isn’t optional, it’s essential.

Uns allen, die wir davon und dafür leben, ist zwar klar: allein der Selbstwert der Kunst macht sie förderungswürdig. Wir denken, das sollte bitteschön reichen. Nun sind Argumente aber dafür da, andere zu überzeugen und nicht den Applaus der Gleichgläubigen zu suchen. Wir sehen allenthalben, dass der möglicherweise noch restweise vorhandene bildungsbürgerliche Konsens, dass all das »einfach sein soll«, schmerzlich inplodiert. Besonders, wenn die Gegenrechnung zu Freibädern, Kitaplätzen und anderen öffentlichen Aufträgen angestellt wird.

Wenn Kunst und Kultur um der Kunst und Kultur Willen also nicht reicht – warum dann dieses öffentlich geförderte Gut? Und kommt mir jetzt nicht damit, dass sie uns als Menschen »besser« (die Nazis liebten klassische Musik) oder »intelligenter« (es gibt genug falsifizierende Gegenbeispiele) macht. Warum also sollen wir Musik fördern? 

Der Grund sind Gründe

Für mich nur aus einem einfachen Grund: weil sie Gründe schafft. Kultur schafft Gründe, dass Menschen einander absichtslos begegnen. Sie ist eben kein kompetitives Nullsummenspiel wie sonst das meiste in unserem durchkommerzialisiertem Leben, sondern es gewinnen im kulturellen (Zusammen)Spiel immer alle. Sie schafft Gründe für Gesellschaft – durch kulturelle Teilhabe. Und die Künste sind nur perlenhaft verdichtete, veredelte, unvernünftige Ausdrucke der Kulturen, dieser menschlichen Urgründe. 

Welchen Grund für gesellschaftliches Leben – für Gesellschaft überhaupt – gibt es ohne Kultur? Worin ergründet sich unsere Persönlichkeit oder irgendeine Gemeinschaft ohne diese Lebendigkeit, die ja nur kulturell begründet werden kann? 

Ohne Kultur ist alles nix?

So weit, so humanistisch. Aber die Sache ist: wir können alles andere auch aufgeben, wenn wir die Kultur aufgeben. Was ist jede wirklich gesellschaftlich zukunftsträchtige Idee jemals anderes gewesen als Ausdruck von Kultur? Wofür sollen Länder oder Städte im Wettbewerb stehen, wenn nicht für das, was dort gemeinsam zu erleben ist? Oder noch profaner: Wer braucht eine Autoindustrie, wenn es keine Gründe gibt, irgendwohin zu fahren, um etwas gemeinsam zu erleben? 

Kultur schafft Gründe: sich zu lieben, sich im Spiel zu reiben, zu streiten, sich witzig oder lächerlich oder tiefgründig zu finden, sein Geld auszugeben, Gast zu geben, einzuladen. Sie ist auch das Betriebssystem, auf dem so Programme wie »Demokratie« überhaupt erst laufen können. Leidet die Kultur, dann passiert das, was Roger Willemsen so treffend beklagte: »Es ist eine andere Welt, in der man zwischen Freiheit und Freizeit nicht unterscheiden kann, Gesellschaft sagt und Zielgruppe meint, von einem Konzept spricht und nicht einmal eine Idee besitzt, von einer Idee spricht und nicht einmal einen Einfall hat.»

Kultur verteidigen

Es wird immer bessere Argumente für andere öffentliche Aufgaben geben. Aber es sind eben nur Argumente. Sie reichen nicht an die Gründe von Kultur heran. Für Kultur gibt es viele schlechte Argumente, aber noch viel mehr sehr gute Gründe. 

Denn ohne diese kulturellen Gründe ergeben Gesellschaften keinen Sinn. Es heißt, Winston Churchill habe als Antwort auf den Vorschlag, während des Krieges Mittel für Kunst und Kultur zu kürzen, um den Militärhaushalt aufzustocken, gesagt: »Wenn wir keine Kultur haben, was verteidigen wir dann eigentlich?« Realpolitischer geht es wohl kaum.

Reibung fördern

Kultur ist nicht additiv, sondern konstitutiv für eine Gesellschaft. Dieser Kulturbegriff erschöpft sich nun wahrlich nicht bei Beethoven oder sonstigen Klassikern – auch wenn wir natürlich glauben, damit einen wertvollen Beitrag leisten zu können. Fördert alles, das Menschen aneinander reiben lässt, in den lebendigen Austausch bringt, die Möglichkeit von Kunst zeitigt – Gründe schafft für das Teilen von Räume und Ideen, Dinge und Lieder, die wir lieben!

Denn gerade heute müssen wir – davon bin ich überzeugt, mehr denn je – die Kunst und Kultur zu rate ziehen, wenn wir ein gutes Leben in Gesellschaft wollen. Denn wie sagte es Peter Handke:: »Spiele das Spiel. Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegenüberstellung. Aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts. Sei weich und stark. Laß dich ein und verachte den Sieg. Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen. Sei erschütterbar. Zeig deine Augen, wink die andern in die Tiefe, sorge für den Raum und betrachte einen jeden in seinem Bild. Entscheide nur begeistert. Scheitere ruhig. Vor allem hab Zeit und nimm Umwege. Überhör keinen Baum und kein Wasser. Kehr ein, wo du Lust hast, und gönn dir die Sonne. Vergiß die Angehörigen, bestärke die Unbekannten, bück dich nach Nebensachen, weich aus in die Menschenleere, pfeif auf das Schicksalsdrama, zerlach den Konflikt. Beweg dich in deinen Eigenfarben, bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird. Geh über die Dörfer.«

Steven Walter

Steven Walter ist Kurator, Konzertgestalter und seit November 2021 Intendant der Beethovenfeste Bonn.

Als Initiator, künstlerischer Leiter und Geschäftsführer von PODIUM Esslingen wurde er für zahlreiche Innovationen ausgezeichnet, u. a. mit dem Opus Klassik, classical:NEXT Innovation Award und der Auszeichnung »Kulturmanager des Jahres«. Zudem war Steven Walter Kurator des Fellowship-Programms #bebeethoven anlässlich des Beethoven-Jubiläumsjahres 2020.

Steven Walter studierte Violoncello in Oslo und Detmold, konzertierte in verschiedenen Formationen als Kammermusiker regelmäßig im In- und Ausland und war Gründungsmitglied verschiedener Ensembles. Er ist außerdem Dozent an mehreren Hochschulen und publiziert regelmäßig zu kuratorischen und das Kulturmanagement betreffenden Themen.

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