Über Wandel, Migration und die Zukunft der Klassik

Februar 12, 2025
2 mins read
Der Intendant Christoph Müller

Im BackstageClassical-Podcast spricht Gstaad-Intendant Christoph Müller über seine 24-jährige Amtszeit, das Spielzeitmotto »Migration« und die Zeit der Transformation in der Klassik.

English summary: Christoph Müller, Artistic Director of the Gstaad Menuhin Festival, reflects on his 24-year tenure, emphasizing the current era of transformation in classical music. He highlights the importance of privately funded events in driving innovation, noting that compelling concepts attract financial support. Müller discusses the festival’s 2025 theme, »Migration« aimed at fostering understanding of diverse cultures through music. He also mentions plans to revitalize the Settimane Musicali Ascona festival in 2026, focusing on accessibility to engage new audiences. Müller views the ongoing transformation as a significant challenge, emphasizing the need to make music an essential part of people’s lives.

Zum Podcast für alle Player oder bei applePodcast

Jetzt sei die Zeit des Wandels und der Transformation in der Welt der klassischen Musik, sagt Christoph Müller im BackstageClassical-Gespräch. Eine wesentliche Erneuerungsrolle komme dabei jenen Veranstaltungen zu, die sich privat finanzieren und deshalb gezwungen seien, innovative Konzepte zu entwickeln.

 »Wir sind grösstenteils ein Privatunternehmen«, sagt Müller über das Gstaad Menuhin Festival und betont, dass es in der Schweiz sehr gut möglich sei, Projekte durch private Förderungen zu realisieren. Müller warnt davor, das Publikum zu unterschätzen und erklärt sein Erfolgsgeheimnis so: »Wir haben sowohl die großen Rennpferde im Stall als auch innovative Formate in kleinerem Rahmen, in dem wir experimentieren können.« Selbst im touristischen Umfeld seien die Leute neugierig »und wollen auch etwas sehen, was sie vielleicht sonst in einem normalen Saisonbetrieb nicht erleben«. In seiner Amtszeit habe das Gstaad Festival ein Publikumswachstum von 100% verzeichnet. 

Patricia Kopatchinskaja in Gstaad (Foto: Gstaad Festival, Faux)

Müller betont, dass jedes Projekt, das er lanciert habe, auch deshalb finanziert werden konnte, da Inhalt und Alleinstellungsmerkmal für Geldgeber entscheidende Kriterien seien. »Wenn wir ein Konzept haben, das funktioniert und das künstlerisch inhaltlich überzeugt, dann findet man auch das Geld dafür«. Besonders stolz ist der Intendant auf die Conducting Academy, die in Europa einzigartig sei.

Bezüglich des diesjährigen Festivalmottos »Migration« erklärt Müller, dass die Themen des Wandelzyklus’ – Demut, Transformation und Migration – bereits 2019/2020 geplant wurden. Es gehe darum, gesellschaftlich relevante Themen musikalisch umzusetzen. »Wir wollen keine politische Haltung einnehmen«, stellt Müller klar, »sondern Verständnis für andere Welten wecken.« Künstler wie Patricia Kopatchinskaja, Avi Avital oder Fazil Say stehen für diese Thematik. Programmatisch weist Müller auf Händels Oratorium Israel in Egypt hin. 

Ab 2026 wird Müller das Festival Settimane Musicali Ascona im Tessin neu aufbauen und ausrichten. Dabei will er das Festival niedrigschwellig gestalten, um neue Publikumsschichten zu erreichen. 

Müller sieht den Wandel und die Transformation als riesige Herausforderung für die gesamte Branche. Es gehe darum, »Musik für eine Breite attraktiv zu machen und sie zu einem existenziellen Bedürfnis werden zu lassen. Wir befinden uns wirklich in einer Zeit Transformation.«

Hier geht es zum Programm des Gstaad Menuhin Festivals

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

BackstageClassical ist in den Sommerferien

Die Klassik-Welt dreht weiter, aber wir machen Ferien. Am 1. September sind wir wieder für Sie da – mit täglichen News aus der Welt der Klassik. Bis dahin hier ein wenig Lektüre und

Publikumsbeschimpfug ist auch keine Lösung, Herr Mondtag

Ersan Mondtag nennt das Salzburger Publikum nach den Buh-Rufen für seine „Ariadne auf Naxos“ provinziell. Doch wer Kritik als Unfähigkeit abtut, verwechselt künstlerischen Anspruch mit Überheblichkeit – und verliert den Respekt vor

Friedman, Rienzi, Ring und Co. – eine Bayreuth-Bilanz

Peter Huth, ehemaliger Chefredakteur der Welt am Sonntag und Kommunikationschef von Axel Springer, bespricht mit Axel Brüggemann die erste Festspielwoche im Podcast von BackstageClassical. Auch Nathalie Stutzmann, Michel Friedman oder Katharina Wagner

Warum fällt Hinterhäuser der Abschied so schwer?

Markus Hinterhäuser ist nicht mehr Intendant der Salzburger Festspiele. Dennoch ist er allgegenwärtig. Der Streit um seine Trennung wirft Fragen nach Transparenz auf – und nach der Fähigkeit, ein Amt auch wirklich

Rienzi ist Wagners Monster

Die Dirigentin Natalie Stutzmann und die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka haben in Bayreuth mit ihrer Lesart von Wagners Rienzi begeistert – hier blicken sie hinter die Kulissen und erklären Ihre Ansätze.

Neuer Blick auf Karajan

Karajans Rolle im Nationalsozialismus muss historisch genau betrachtet werden, sagt Biograf Wolfgang Rathert und fordert wissenschaftliche Sachlichkeit in der Karajan-Debatte. Dabei attestiert er dem Dirigenten Skrupellosigkeit in seiner Karriere.

12 Wurstfinger und ein König

Der KI-Ring in Bayreuth ist ein anstrengendes Unterfangen. Die von Marcus Lobbes kuratierten Bilder erinnern an die Pionierzeit der künstlichen Intelligenz. All das scheint nicht nur das Publikum abzulenken, sondern auch das

Diktator sind wir alle

150 Jahre Bayreuth: Zwischen Festakt und Rienzi drehen die Festspiele ihre eigene Geschichte durch den Necker-Würfel. Ein Essay über Erinnerung, Macht, Populismus – und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Lieber Igor Levit,

Igor Levit und Danger Dan dürfen beim ZDF nicht auftreten – nun stilisieren sie sich zum Opfer. So geht PR.

Verpassen Sie nicht ...