Neil Barry Moss wird neuer Generalintendant in Münster. Ein Gespräch über die Rolle von Stadttheatern, die Inszenierung von »Brünnhilde brennt«, über Punkbands – und über Tattoos.
English summary: Incoming Münster general director Neil Barry Moss sees theater as a living civic community, not a standardized “REWE store.” The South African-born opera lover champions permanent ensembles, emotional yet challenging productions, and openness to punk, debate, and experimentation. As director, he seeks artistic boldness onstage while creating stability and connection offstage.
Neil Barry Moss nennt sich selbst gern »Opernfreak«. Er wurde in Südafrika geboren, musikalisch in Italien sozialisiert, und Deutschland wurde für ihn zum Kulturschock: »Mit den manchmal radikalen Inszenierungen in Hannover oder Berlin hat sich für mich eine vollkommen neue Perspektive geöffnet«, sagt er im Podcast von BackstageClassical. Seither ist Theater für Moss immer auch Raum unendlicher Möglichkeiten und Freiheiten.
In Berlin wurde er ein glühender Anhänger von Barrie Koskys Komischer Oper. »Ich erinnere mich an den großartigen Slogan: Wer in die Oper geht, küsst besser!«, sagt er. Als Intendant will er das Theater selbst als Künstlerfamilie pflegen. »Ich liebe das Ensemble«, sagt er, »da arbeiten ganz unterschiedliche Charaktere an einer Idee. Und, ja, das ist wie in einer Familie: Wenn die Tochter sich ein Tattoo stechen lässt, sind alle irritiert – aber irgendwie lernen sie damit umzugehen.«
Moss stieg in Coburg vom Operndirektor zum Intendanten auf. Es sorgte allerdings für Aufregung und Enttäuschung, als er dann kurz nach der Vertragsunterzeichnung ankündigte, die Stadt zu verlassen, um Generalintendant in Münster zu werden. »Theater ist immer auch eine Folge von Abschied und Neuanfang«, sagt er, »und Abschiede tun auf allen Seiten weh.« Aber Theater sei eben auch andauernde Herausforderung von Veränderung, und die Veränderung würde Coburg ebenso guttun wie Münster. Als Regisseur will Moss dabei »so verrückt wie möglich« agieren, als Intendant für »Stabilität und Ruhe« sorgen.
Das Theater ist kein REWE
Das Stadttheater ist für den 36-jährigen Theatermann ein zutiefst individueller Ort. »Man kann ein Stadttheater nicht leiten wie einen REWE, der überall gleich aussieht«, sagt er. Das Haus und seine Mitarbeiterinnen wachsen in die Städte hinein: »Die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier haben Familien vor Ort, sind Teil der Stadtgesellschaft – und auch, was auf der Bühne passiert, soll immer wieder in alle Milieus dringen, die Eigenheit eines Ortes untersuchen und seine Widersprüche.«
Das Ensemble ist für Moss das Zentrum eines jeden Hauses. Er will kein System, in dem Sängerinnen und Sänger als austauschbare Gäste durch die Produktionen geschleust werden. Stattdessen will er Gesichter, Stimmen und Biografien, die bleiben. Ein Publikum, das seine Lieblinge kennt, mit ihnen älter wird, sich an ihnen reibt. Theater als soziale Beziehung, nicht als Event. »Wer hingeht, soll sich danach besser fühlen«, sagt er in Anlehnung an Barrie Koskys Kuss-Theater.
Moss kommt nicht als Missionar nach Münster. Er will mit der Neugier des Fremden auf das blicken, was er vorfindet. »Ich bringe etwas mit«, sagt er, »und ich werde etwas von der Stadt bekommen.« Sein Theaterverständnis wirkt dabei wie eine leise Gegenbewegung zum demonstrativen Regietheater der vergangenen Jahrzehnte. Moss sucht das »Lustvolle«, das »Moderne«, aber immer auch das »Umarmende«.
Zucker und Gemüse
Ein gelungener Abend darf fordern, sagt er, irritieren, aber er solle das Publikum nicht allein zurücklassen. Der Intendant spricht von »Zucker mit Gemüse« und meint damit Unterhaltung gepaart mit Anspruch, Emotion und Reflexion. Das Konzept der sakralen Unantastbarkeit der Klassik interessiert ihn dabei nicht. Oper ist für Moss ein Spielplatz aller Möglichkeiten.
Dabei ist der Theatermann keineswegs unpolitisch, im Gegenteil, er begreift die Bühne als »Labor von Diskursfähigkeit«. In einer Gesellschaft, die Konflikte oft nur noch als Kränkung erlebt, will er Räume öffnen, in denen Widerspruch möglich bleibt. Kunst als Ort, an dem man Differenz aushält. Nur eine klare Kante setzt er: Der Kulturpolitik der AfD müsse man entschieden entgegentreten. Gerade jetzt.
Ein Tattoo für Münster
Offenheit will Moss auch ästhetisch verstanden wissen. Sein Partner spielt in einer Punk-Band – eine ästhetische Bereicherung für ihn. »Die verkleiden sich – so wie wir. Sie lieben Musik – so wie wir. Und sie erfinden ihre Regeln ebenfalls selbst – so wie wir.« Warum nicht ein ‚Open Mic‘ vor einer Traviata-Produktion, fragt Moss, warum nicht Punk oder Metal im Foyer?
Bevor er in Münster antritt, wartet noch ein ganz besonderes Regie-Projekt auf ihn. Brünnhilde brennt ist eine Kooperation mit der Oper Dortmund und den Bayreuther Festspielen. Eine Fort- und Überschreibung des Rings: halb Hommage, halb Kommentar. Moss nimmt Wagners Imperativ »Kinder, macht Neues« ernst. Grundsätzlich geht es um die Frauen-Rollen in Wagners Werk, um die Wut der Brünnhilde. Die Musik von Bernard Langer arbeitet mit Beats und Grooves, zitiert, verschiebt und zerlegt Bekanntes. Moss, der beim Joggen die Partituren seiner Projekte hört, gerät ins Schwärmen. »Es ist ganz großes Kino.«
Seit Jahren überlegt Moss, ob er sich tätowieren lassen soll, verrät er im Podcast von BackstageClassical. Wäre der Wechsel nicht ein guter Anlass? Der designierte Generalintendant von Münster lächelt und denkt nach: »Wenn, dann wird es wohl ein Fahrrad werden – aber ich weiß noch nicht, wo die Räder sein werden.«

