Milo Raus Sozialkitsch-Mozart

Mai 22, 2024
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Milo Raus Inszenierung von La Clemenza di Tito (Foto: Wiener Festwochen, Wegner-Strauss)

Milo Rau bringt bei den Wiener Festwochen seine La Clemenza di Tito mit und zeigt unfreiwillig, dass verkitschte Sozialromantik in diesen Zeiten eine ziemlich zahnlose Kunst ist.

Es gibt Abende, mit denen kann man einfach so gar nichts anfangen. Dabei habe ich mich wirklich gefreut auf Milo Raus La Clemenza di Tito. Und nun stehe ich da – und habe eigentlich nichts zu sagen. 

Okay, ich könnte eine kurze Geschichte vieler Missverständnisse erzählen – meiner oder jener von Milo Rau. Ich habe zum Beispiel immer fest daran geglaubt, dass Mozart sich jeder Politisierung entzieht. Das habe ich von Nikolaus Harnoncourt (und zwar aus diesem Interview): Der hielt Mozart zwar für den politischsten aller Komponisten, aber nicht, weil er für einen Nationalstaat warb, gegen die Monarchie oder für den Risorgimento. »Mozart«, sagte Harnoncourt, »ist politisch, weil er zeigt, wie der Graf mit der Gräfin umgeht, der Mann mit der Frau, die Gräfin mit dem Gärtner.« Mozart schrumpft Politik auf den Mikrokosmos des Miteinanders, auf das Extrakt des allzu Menschlichen. Don Giovanni wird – das hatte schon Kierkegaard erkannt – zum Revolutionär, weil er den Tod nicht fürchtet, Così fan tutte war ein Affront auf Grund tabuisierter Herzensangelegenheiten, und die Entführung, weil sie im Serail spielte. 

Diese Art der Herzens-Politik widerspricht natürlich dem politischen Aktionismus und Vokabular von Milo Rau. Damit wir uns nicht missverstehen: Ich finde großen Gefallen daran, wenn er bei den Wiener Festwochen Kontroversen durch Irritationen auslöst, indem er allgemein gültige  Grenzen und Tabus nicht akzeptiert und immer wieder die unverschämte Behauptung aufstellt, dass in der Kunst möglich sein kann, was in der Politik unmöglich erscheint. 

Podcast mit Milo Rau und Axel Brüggemann über die Bedeutung der Kunst im Heute.

Aber das sozialromantische Anno-Dazumal-Vokabular von »Tribunal«, »Revolution« oder »Manifest« hat mit Mozart einfach wenig tun. Stalin, Hitler oder Angela Merkel haben Beethoven, Wagner oder Verdi als Soundtracks für Kommunismus, Faschismus oder Demokratie benutzt – nie aber: Mozart (oder Bach)! Und letztlich entzieht sich Mozart dann eben auch Milo Raus Wiener Festwochen-Lesart von La Clemenza di Tito und dessen Revoluzzer-Vokabular.

Rau versteht Mozarts letzte Oper, die 1791 zur Krönung von Leopold II. uraufgeführt wurde, als letzten Versuch, die Monarchie zu retten, indem Mozart einen gutherzigen Monarchen ausstellt. War Mozart also ein Konterrevolutionär? Das will Rau uns weis machen. Seine Bühne zeigt Prunksaal und Armenviertel, die Oper ist für ihn die Inszenierung der persönlichen Probleme einer Führungs-Elite, während das Volk Hunger leidet und den Sturm auf das Kapitol plant.

Aber dekliniert Mozart wirklich einen Hofstaat? Schreibt er wirklich eine Königs-Oper? Oder geht es ihm allein um die Menschen? Titos Güte wird durch Untreue, Verrat, Neid und Eifersucht auf die Probe gestellt. Seine Macht spielt dabei kaum eine Rolle. Tito könnte auch Mafiaboss, Intendant oder Bettlerkönig sein. 


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Letzteres hätte Rau wahrscheinlich gefallen: So oft stülpt er Brechts Theater-Philosophie über Mozarts Singspiel-Unschuld, die andauernde Desillusionierung der Inszenierung durch das »aus der Rolle fallen«, durch Blut-Orgien oder Macht-Manifestationen. Da werden blutige Herzen besungen, Schlamm-Masken aufgelegt oder eine Ukrainerin, die von ihren Erlebnissen im Angriffskrieg der Russen erzählt, festgenommen und gehängt, und da werden Bilder von Théodore Géricault (»Das Floß der Medusa«) oder Eugène Delacroix (»Freiheit für das Volk«) nachgestellt.

Milo Raus Inszenierung von La Clemenza di Tito (Foto: Wiener Festwochen)

Jede Darstellerin und jeder Darsteller wird mit Video und eigener Geschichte als Bürgerin oder Bürger Wiens erklärt: Zuwanderungsnarrative aus Russland und der Ukraine, aus Asien oder Afrika. Wir hören familiäre Traumata von Massen-Exekutionen, sehen Mutter und Sohn im Prater Achterbahn fahren oder hören, dass einem Statisten Wiens Architektur »bedrückt«. Das Personal ist perfekt gecastet: Von einer Sexworkerin über einen Puppenspieler bis zu einem Steinmetz. Alle werden eingefangen mit opulenten Videos wie von Wien-Touristik produziert (der anwesenden Kulturstadträtin wird‘s gefallen haben). Und, klar, Milo Rau schmunzelt auch über seine Festwochen-Sponsoren, die seine Revolution erst möglich machen.

Andauernd stellt er die individuellen Biografien und (noch schlimmer!) Befindlichkeiten seiner Darsteller über den Plot. Die Sängerinnen und Sänger werden wie Mozarts Arien zum Nebenbei-Soundtrack für die Privat-Striptease-Show des Ensembles. Im Zentrum steht die Besoffenheit vom eigenen Ich. Wozu braucht man da eigentlich noch Mozart? Drei Arien (!!!) lang laufen im Hintergrund Videos über die Biografien der Mitspielenden und rücken das (sehr beeindruckende) Sängerensemble in den Hintergrund. Rau erklärt die Perspektivenverschiebung in seinen Leinwand-Kommentaren durch das Bildnis »Der Sturz des Ikarus«, in dem die Haupt-Geschichte (Ikarus stürzt ins Wasser) nur im Hintergrund zu sehen ist. Aber auch das scheint ein Missverständnis zwischen Milo Rau und mir zu sein: Ich gehe durchaus auch in die Oper, um Musik zu hören. Call it »spießig«, name it »bürgerlich«, say »elitär« – ich antworte Dir: »Bullshit!«

Thomas Hengelbrock leitet die Camerata Salzburg (und den Schoenberg Chor) mit viel Verve und großen Solo-Momenten. Das Ensemble ist selbst in der akustisch schwierigen Halle E des MuseumsQuartiers omnipräsent und vokale Großklasse: Anna Goryachova als leidenschaftlich auf der Rasierklinge singender Sesto, Anna Malesza-Kutny als flamboyante Vitellia, Jeremy Ovenden als einfühlsam gestaltender Tito oder Maria Warenberg als Annio.   

 »Kunst  ist Macht« steht die ganze Oper lang auf der Wand, auf die Rau seine Videos projiziert. Das ist das Credo von Milo Rau. Vielleicht hätte Mozart mit »Macht ist Kunst« besser gelebt. Rau erklärt im Abspann noch, dass Tito eventuell von der »Überwindung der Macht« erzählt. Rau erzählt dagegen die Überwindung der Oper durch seine Kunst. Als die Tito-Produktionin Genf erschienen ist, hat der Regisseur ihr ein Manifest (was sonst!) beigelegt. Wieder so ein Pamphlet, das behauptet, Kunst könne die Welt besser machen. In der Oper scheitert Rau daran. Ich bin sicher, dass nach diesen Abend der Obdachlosen-Zeitungs-Verkäufer im MuseumsQuatier nicht eine Ausgabe mehr verkauft hat, dass nicht ein Ehepartner weniger geschlagen wurde als sonst, dass nicht ein Zuschauer neu politisiert wurde – und die FPÖ wird leider durch diese Aufführung auch nicht lauter in Frage gestellt. Letztlich haben hier nämlich Gleichgesinnte ihre gleiche Gesinnung beklatscht, es war die wahre »Kultur-Elite«. So oder so: eine verkitschte Sozialromantik ist in diesen Zeiten eine zahnlose Kunst.  

★★☆☆☆

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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