Freiburger Weihbischof unter Druck

Dezember 8, 2024
3 mins read
Demonstration in Freiburg gegen die Entscheidung des Weihbischofs.

Nach der Entlassung des Domkapellmeisters Boris Böhmann formiert sich immer größerer Protest gegen Weihbischof Peter Birkhofer.

Die Situation um die Entlassung des Freiburger Domkapellmeisters Boris Böhmann eskaliert. BackstageClassical haben seit unserer ersten Berichterstattung zahlreiche Anrufe und Briefe erreicht. Die meisten setzen sich für den Verbleib des Domkapellmeisters ein und liefern Hintergrundinformationen über dessen Entlassung. Andere verteidigen Domprobst Weihbischof Peter Birkhofer in seiner Entscheidung, bleiben in ihren Argumenten aber eher nebulös: Man könne nicht über die wahren Gründe reden, heißt es, aber diese seien intern bekannt und würden eine Entlassung durchaus rechtfertigen. Konkrete Fakten liegen nicht vor.

Eine schwierige Situation, denn die Andeutungen von Seiten der Böhmann-Kritiker lassen wilde Spekulationen ins Kraut schießen. Uns schrieb auch der ehemalige Stimmbildner der Domsingschule, Ulrich Rausch. Er erklärte, Domkapellmeister Böhmann habe verschiedene Abmahnungen von Weihbischof Dr. Birkhofer erhalten, die anschließend zurückgenommen werden mussten – unter anderem, auf Grund eines Schutzkonzeptes der Domsingschule, und da er einem Stimmbildungslehrer angeblich erlaubt hätte, weiter in der Domsingschule zu unterrichten, was nachweislich falsch war. Außerdem hätten zwei Geschäftsführerinnen in der Amtszeit von Herrn Birkhofer gekündigt, so dass das Büro der Dommusik monatelang verwaist war. 

Kompetenz-Streit mit Kantorin

Offensichtlich handelt es sich in diesem Konflikt um einen Kompetenz-Streit zwischen der Domkantorin Martina van Lengerich, deren Kompetenzen durch eine neuen Geschäftsordnung ohne Mitarbeit und Kenntnis von Herrn Böhmann gestärkt wurden. Zu all dem hat BackstageClassical die Erzdiozöse Freiburg um eine Stellungnahme gebeten, aber keine konkrete Antwort erhalten.  

Anzeige

»Der Domfabrikfonds hat die Entscheidung zur Kündigung lange und sorgfältig abgewogen«, heiß es in der Antwort des Pressesprechers Marc Mudrak. »Der Schritt ist bedauerlich, zumal es für die zahlreichen Konflikte in der Domsingschule immer wieder Versuche der Schlichtung gegeben hat. Da diese Versuche scheiterten, war die Kündigung letztlich leider nötig. Aus Gründen des Datenschutzes darf der Dienstgeber öffentlich keine weiteren Angaben zu den Gründen machen.«

Prominenter Protest

Ähnlich antwortete die Erzdiozöse auch den Unterstützerinnen und Unterstützern von Domkapellmeister Böhmann. Zu ihnen zählen prominente Musikerinnen und Musiker wie die Sänger Georg Zeppenfeld, Wolfgang Newerla, Clemens Bieber, Christian Elsner und Hanno Müller-Brachmann

Auf der Facebook-Seite Pro Boris Böhmann ist auch ein Brief des Weihbischofs zu lesen: »Wir bitten Sie aber auch um ein gewisses Maß an Loyalität gegenüber der Erzdiözese und der Dommusik über Personalfragen hinaus. Herr Erzbischof und die Mitglieder des Metropolitankapitels wünschen sich eine Befriedung der langjährigen Konflikte und einen Neustart unter einer interimistischen Leitung im neuen Jahr.« Eine Antwort, mit der sich die Kritiker des Bischofs nicht zufriedengeben. »Aus diesem Brief spricht die berechtigte Angst der Diozöse, in Zukunft ohne Chöre dazustehen. Viele von uns sind unter diesen Umständen nicht länger bereit, noch weiter aufzutreten«, sagte ein Sänger gegenüber BackstageClassical.    

»Dem Domkapitel fehlt offenbar jeder Sinn für Anstand, geschweige denn das Interesse an einem christlichen Miteinander«, sagen die oben genannten Künstlerinnen und Künstler in einer gemeinsamen Stellungnahme, »das Kapitel verspielt gerade den letzten Rest an Glaubwürdigkeit, den es noch hatte«. In einem Leserbrief in der Badischen Zeitung heißt es weiter: »Wir erleben Herrn Böhmann als integren und kollegialen Menschen, dem die Musik und damit verbunden die Vermittlung der christlichen Botschaft ein großes Anliegen ist.«

Aktion auf dem Münsterplatz

Am Wochenende kam es dann auch zu einer großen Protest-Aktion, die mit dem Gloria auf dem Freiburger Münsterplatz begann: Mehr als 500 Eltern und Jugendliche versammelten sich, um den Verbleib des Domkapellmeisters Boris Böhmann zu fordern. Rund dreißig Chöre beteiligten sich, und die Klänge erfüllten den Platz zwischen Domsingschule und Münster. Die Eltern der Freiburger Domsingknaben machten mit dem Weihnachtslied Engel auf den Feldern singen ihre Unterstützung deutlich, während Jugendliche Plakate mit der Botschaft »Unser Domkapellmeister soll bleiben« hochhielten.

Die Organisatoren kritisierten die fehlende Gesprächsbereitschaft des Erzbistums. »Unsere Bitten wurden ignoriert«, erklärte Elternvertreterin Christine Mertzlufft. Stattdessen habe Erzbischof Stephan Burger zur »Loyalität« aufgerufen – ein Verhalten, das als überholt bezeichnet wurde. Böhmann sei unverzichtbar, vor allem für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Sheila Mesenholl hob hervor: »Die Kinder lieben und verehren ihn.« Die Eltern hoffen, mit ihrem gemeinsamen Gesang Gehör zu finden. Inzwischen wurde auch eine Petition für den Verbleib von Domkapellmeister Böhmann aufgesetzt. 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Nelsons verlässt Boston im Streit

Der lettische Dirigent Andris Nelsons muss im Sommer 2027 nach 13 Jahren sein Amt als Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra (BSO) abgeben. Das teilte das Board des Orchesters am Freitag mit. Die

Lieber Timothée Chalamet,

Der Schauspieler Timothée Chalamet hat die Klassik-Blase mit einem Satz auf die Palme gebracht. Opernhäuser reagierten weitgehend humorlos – eine verpasste Chance.

Ausschuss gegen Wedl-Wilson

Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson steht wegen ihres Umgangs mit Fördermitteln aus einem Sonderbudget für Projekte gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus unter Druck.

Fingerübungen für Bach 

Der Literat Christoph Hein legt fünf Bach-Novellen vor. Eine Suite kleiner, literarischer Menuette: Leicht, beschwingt, dem Tode nahe – und mit beiden Beinen auf der Erde.

Liebe Blonde,

Du wolltest unbedingt auch Mal einen »Brief von Brüggi«. Pedrillo hat es nicht so mit Worten. Der Bassa hat nur Augen für Konszanze. Osmin schickt Dich ohne Brief in die Küche, und

Järvi Goes London

Der estnische Dirigent Paavo Järvi wird neuer Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra. Zur Saison 2028/29 wird er die Nachfolge von Edward Gardner antreten. Järvi ist seit mehr als zwei Jahrzehnten Künstlerischer Leiter

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Vor 10 Jahren ist Nikolaus Harnoncourt gestorben. BackstageClassical-Herausgeber Axel Brüggemann hat ihn oft getroffen. Hier ein altes, inspirierendes XXL-Gespräch mit ihm über die Kriegs­ge­nera­tion, die Klangsprache und die „Knödel­theorie“.

Neue Bewegung in den Epstein-Klassik-Files

In neu veröffentlichten Epstein-Akten tauchen die Namen von Dirigent Frédéric Chaslin und Pianist Simon Ghraichy mehrfach auf. Beide weisen jede Verbindung zu dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zurück.

Lieber Ioan Holender,

Gratulation! Sie sind endgültig angekommen: Ganz unten und ganz rechts.  Also an dieser Stelle erschien jedenfalls Ihr Leserbrief in der Ösi-Zeitung Die Presse. Genau, in jenem Blatt, das in letzter Zeit besonders innig

Das Theater-Ensemble als Identifikation

Das Musiktheater steht unter Druck. Betroffen sind vor allem kleine und regionale Bühnen. Dabei bilden sie die Innovationskraft für die gesamte Sparte. Ein Plädoyer für den Erhalt und die Sicherung der regionalen

Verpassen Sie nicht ...