Finnland: Wo Wagner-Wunder wirken

Mai 30, 2024
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Götterdämmerung in Finnland (Foto: Oper Helsinki, Bremer)

NORDLICHT: Finnland kann‘s: Regisseurin Anna Kelo legt einen genialen Ring hin, und Bregenz kann sich auf seine neue Intendantin Lilli Paasikivi freuen.

Das heutige Nordlicht strahlt aus Helsinki, und das nicht nur wegen der aktuell schimmernden Weißen Nächte. An der Finnischen Nationaloper hat sich die durch mancherlei Umstände lange hinziehende „Ring“-Produktion zum »hehrsten Wunder« entwickelt, das in der kürzlich herausgekommenen Götterdämmerung ihren Höhepunkt gefunden hat.

Wir müssen etwa sieben Jahre zurück gehen, um das einordnen zu können: Lilli Paasikivi (übrigens schon wieder eine Sängerinnen-Intendantin, wir hatten es in der Nordlicht-Kolumne schon von ihresgleichen) hatte mit mehreren schwierigen Vorgängen zu tun, die es unmöglich machten, den geplanten neuen Ring in der angedachten Form zu produzieren. Die ursprünglich vorgesehene Regie fiel aus, es gab ein Budget-Thema – was tun? 

Paasikivi sah sich in im eigenen Haus um, der (aktuell in Berlin schmerzlich vermisste) Götz-Friedrich-Ring war ja Jahre zuvor in Helsinki nachgespielt worden. Die Assistentin, seit 1993 (!) am Haus, hatte diesen einstudiert, für Helsinki und auch für Tokyo, kannte also den Stoff. Aber sie hatte bis dahin am Haus nur zwei Stücke selbst inszeniert, darunter einen Figaro, aber keinerlei riesenhafte Gesamtkunstwerke.

Die Chefin forderte Anna Kelo dennoch auf, ein Konzept vorzulegen – »und in ein paar Tagen hatte sie es fertig«, wie sie mir erzählt hat. 

DIE NORDLICHT-KOLUMNE Natürlich sterben Oper, Theater und Konzerte mit klassischer Musik in Deutschland nicht sofort aus. Vielerorts stehen sie nicht einmal auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Aus dem Norden aber hört man bemerkenswert oft etwas von Theaterneubauten, von Erfolgsmodellen und inspirierenden neuen Formaten. Solche »Nordlicht«-Erfahrungen stellt diese Kolumne von Stephan Knies vor.

Alles sei sehr durchdacht, sehr überzeugend, sehr schlüssig gewesen. Gegen mancherlei Unkenrufe wurde das Projekt angegangen, damals mit Esa-Pekka Salonen am Pult und einem gewissen Klaus Mäkelä als dessen Assistent. Das Rheingold kam so zur Premiere, Corona unterbrach dann das Projekt, Lilli Paasikivi ging, um Chefin in Bregenz zu werden und Thomas de Mallet Burgess übernahm die Leitung des Hauses. Salonen übergab ab der Walküre 2022 wegen Terminkollisionen an den neuen Chefdirigenten der Nationaloper, Hannu Linttu. Gleich geblieben sind neben Kelo deren genialer Bühnenbildner und Lichtdesigner Mikki Kunttu und die ebenso tolle Kostümbildnerin Erika Turunen.

Nun ist als Schlusspunkt eine fabelhafte Götterdämmerung heraus gekommen, die für mich beste, die ich überhaupt gesehen habe (gleiches gilt für den letztjährigen Siegfried). Es gab allerfeinstes Personenregie-Handwerk zu bestaunen mit Psychologie, Tiefgang und ausreichend Humor, überwältigende Bilder, ein übrigens fast komplett finnischer Luxus-Sängercast. 

Hannu Linttu steuert ein nicht weniger eindrucksvolles Dirigat bei, Orchester und Chor sind in Bestform, und letzterer ist eben auch souverän und kunstvoll in die Bühnenhandlung eingebaut worden. Lilli Paasikivi hat damals Mut bewiesen (Bregenz kann sich wohl freuen…) und ist grandios belohnt worden. Anna Kelo bekommt nun Anfragen aus dem Ausland, und das sowas von zu Recht: Egal, was diese Regisseurin als Nächstes inszeniert und wo, ich werde kommen. Bleibt inständig zu hoffen, dass die (bisher nicht disponierte) zyklische Aufführung des Rings im eigenen Land, des aktuell vielleicht besten überhaupt, bald verkündet werden kann.

Stephan Knies

Stephan Knies ist Dramaturg, Musiker, Librettist und Autor und schnell begeistert von gutem Theater-Handwerk, frischen Ideen und ungewöhnlichen Formaten. Seine Opern-Moderationen, beispielsweise für sein Ensemble »D´Accord« und dessen Wagner-Paraphrasen im Haus Wahnfried in Bayreuth oder in der Hamburger Elbphilharmonie, stoßen beim Publikum auf relativ wenig Ablehnung. Ein Schwerpunkt seiner Reisetätigkeit für Magazine wie die »Opernwelt« ist Nordeuropa – von Riga bis Reykjavik.

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