Die Neunteste aller Neunten

Mai 6, 2024
5 mins read
Beethoven in Italien (Foto: KI)

Beethovens »Neunte« wird 200 Jahre alt. arte feiert das mit eine Aufführung der Symphonie mit vier Orchestern. Ein Beethoven-Spaziergang durch Europa.

Beethovens 9. Symphonie ist die vielleicht »Neunteste aller neunten Symphonien«. Menschheits-Musik, die mit Schillers »Ode an die Freude« die ganze Welt umarmt. 1972 wurde die »Neunte« vom Europarat zur Europahymne erkoren, 1985 zur Hymne der Europäischen Gemeinschaft ernannt.  Nun wird sie 200 Jahre alt und ist gleichsam  fester Bestandteil der Alltags-Kultur: Vom Stanley-Kubrik-Film A Clockwork Orange bis zum White Album der Beatles. Die 74 Minuten, die Dirigent Wilhelm Furtwängler für seine Version der »Neunten« brauchte, wurde zum Maß für die Speichergröße einer CD. Zum Jubiläum begibt arte sich nun auf eine europäischen Spurensuche. Am 7. Mai werden Orchester aus Deutschland, Italien, Frankreich und Österreich je einen Satz dieses Meisterwerkes interpretieren.

Erster Satz: Beethoven und Deutschland 

Beethoven in Berlin (Foto: KI)

Friedlicher Protest, Demonstrationen und »Wir sind das Volk!«-Rufe. Die Freiheitsbewegung in der »DDR« begannen 1989 im Allegro ma non troppo, nahm aber unaufhaltsam an Fahrt auf. So, wie der erste Satz der »Neunten«. Am Ende stand der Chefdirigent des Gewandhausorchesters, Kurt Masur, im Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt am Pult und dirigierte den letzten Staatsakt einer abgewickelten Nation. Am 2. Oktober 1990 wurde die »DDR« mit Beethovens Musik zu Grabe getragen. Bereits am Weihnachtstag 1989 hatte Leonard Bernstein die Vereinigung von Ost und West mit dem gleichen Werk gefeiert, als er Musikerinnen und Musiker aus München, Paris, London, New York und Leningrad dirigierte. Den Schiller Text wandelte er um in: »FREIHEIT schöner Götterfunken«. Beethoven als Überwindung des Kalten Krieges.

Seine letzte Symphonie hat Deutschland seit jeher vereint: Die gesamtdeutsche Olympiamannschaft trat zwischen 1956 und 1964 mit den Klängen der »Neunten« an. Und die Teilung Deutschlands zerriss selbst das Autograph der Symphonie. Ein Teil der Beethoven-Handschrift lag im Westen, der andere wurde der »DDR« von Polen übergeben. Erst mit der Vereinigung wurden beide Teile in der Staatsbibliothek in Berlin vereint. 

Kaum ein anderes Werk hat die deutsche Musikgeschichte derart beeinflusst wie die »Neunte«. Beethoven widmete sie »in höchster Ehrfurcht« Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Wagner schwärmte, die »Neunte« sei »Erlösung der Musik aus ihrem eigensten Elemente heraus zur allgemeinen Kunst. Sie ist das menschliche Evangelium der Kunst der Zukunft.« 

Wenn das Gewandhausorchester zu Leipzig und Andris Nelsons nun in der arte-Übertragung  die 600 Takte des ersten Satzes spielen, knüpfen sie damit auch an eine lokale Tradition an: Bereits 1918, zum ersten Jahreswechsel nach dem Ersten Weltkrieg,  begründete Dirigent Arthur Nikisch den Brauch, Beethovens »Neunte« zu Silvester zu spielen – als Ode an den Frieden. Ein Neujahrs-Ritual, das bis heute besteht.

Zweiter Satz: Beethoven und Frankreich

Beethoven in Paris
Beethoven in Paris (Foto: KI)

In der Generalpause im zweiten Satz der 9. Symphonie hielt es das Uraufführungs-Publikum nicht auf den Sitzen. Die Menschen jubelten und applaudierten, und das Orchester musste erneut beginnen. Das bewegte Scherzo, das Beethoven hier anstimmt, könnte sein tänzerisches Verhältnis zu Frankreich charakterisieren. 

Immer wieder schaute er über den Rhein: Seine Missa solemnis schickte er dem französischen König, der Fidelio steht in der Tradition der französischen Rettungsoper, und die Kompositionen Egmont und Coriolan setzen sich mit den Umbrüchen in Frankreich, mit Tyrannei und Freiheitskampf, auseinander.

Genau verfolgte Beethoven die Weltpolitik des jungen Napoleon, widmete ihm zunächst sogar seine 3. Symphonie, die Eroica, nannte den Korsen einen »Prometheus«, einen Licht- und Freiheitsbringer. Doch als die Kriege Frankreichs blutiger wurden und Napoleon sich zum Kaiser körnte, wich Beethovens Bewunderung seinen gesunden, humanistischen Zweifeln.

Bereits als Schüler in Bonn wurde Beethoven durch den Franziskanerpriester Eulogius Schneider geprägt, der schließlich als Jacobiner und Chefankläger des Revolutionstribunals in Paris selber Opfer der Guillotine wurde.

So skeptisch Beethoven am Ende seines Lebens nach Frankreich blickte, so sehr wurde er von Frankreichs Komponisten verehrt: Berlioz studierte und kommentierte seine Werke genau, und Frankreichs Orchester intonierten Beethovens 5. Symphonie gern als »sinfonische Marseillaise«.

Als Emmanuel Macron sich 2017 gegen Marine Le Pen durchsetzte und mit 39 Jahren zum jüngsten Präsidenten Frankreichs gewählt wurde, trat er zu den Klängen von Beethovens »Ode an die Freude« vor seine Anhänger. Die Europahymne im großen Innenhof des Louvre wurde zum perfekt inszenierten Bekenntnis zu einem Kontinent der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Ein Geist, den auch das Orchestre de Paris unter dem Finnen Klaus Mäkelä sendet, wenn es aus der der Pariser Philharmonie den zweiten Satz der Neunten interpretiert.

Dritter Satz: Beethoven und Italien

Im Dritten Satz dringen – ganz langsam – Licht und Luft in die 9. Symphonie. Die Instrumente setzen ein – eines nach dem anderen. Alles sucht Atem und singt in großem Bogen. Langsam schimmert das Thema der Freiheit durch. Die musikalische Lichtsetzung erinnert an Beethovens italienische Vorbilder, die ihn seit seiner Jugend prägen.

Schon als junger Bratscher der Bonner Hofkapelle spielte Ludwig nach Anweisungen des Kapellmeisters Andrea Luchesi aus Venedig. Und auch seinen letzten regulären Unterricht erhielt er in Wien von einem der damals wohl bekanntesten Komponisten Iraliens, dem Kapellmeister der Kaiserlichen Hofkapelle:  Antonio Salieri. Salieri lehrte Beethoven besonders die Vertonung italienischer Texte.

Beethovens Wien war Reiseziel internationaler Künstler. 1822 besuchte ihn der italienische Komponist und Lebemann Gioachino Rossini. Er bewunderte Beethoven, aber noch mehr liebte er Pasta und la dolce vita. Um so bestürzter war Rossini über den grübelnden Kollegen, den er in seiner bescheidenen, düsteren und unaufgeräumten  Wohnung in der Wiener Landstraße aufsuchte. Rossini schrieb später über diese Begegnung: »Aber was kein Stift ausdrücken könnte, ist die undefinierbare Traurigkeit, die in allen seinen Zügen lag.« Auch Giuseppe Verdi sollte mit Beethoven hadern, fand das Finale der »Neunten« schlicht und einfach: »schlecht gesetzt«.

Längst ist Beethoven auch in Italien zu Hause, besonders beim Orchester der Mailänder Scala. Die Oper wird derzeit vom Franzosen Dominique Mayer geführt, der Italiener Riccardo Chailly, der lange das Gewandhaus in Leipzig geleitet hat, dirigiert den dritten Satz der Symphonie. Am Ende durchweht ein tristes Piano die Musik, bis die Fanfare zum großen Finale erklingt.

Vierter Satz: Beethoven und Österreich 

Beethoven in Wien (Foto: KI)

7. Mai 1824 zum Theater am Kärntnertor: Ludwig van Beethoven konnte nur noch dumpfen Klang hören, seine Augen klebten an den Lippen des Chores, und der letzte der 940 Takte des vierten Satzes verklungen war, tobte das Publikum. Dirigent Michael Umlauf fasste den Komponisten auf die Schulter und drehte ihn zum Saal. Nun konnte Beethoven sehen, dass es richtig war, sich – trotz eigener Zweifel – für das Chor-Finale entschieden zu haben. Die Uraufführung seiner »Neunten« war ein gigantischer Erfolg.

In seinen letzten Wiener Jahren tauchte Beethoven immer tiefer in die Musik ab. Das Hören versagte, Reisen wollte er nicht mehr. Geplante Auftritte in London fanden nie statt, und der immer komplexe Klang wurde zu seiner eigentlichen Welt. Neben der revolutionären Neunten entstanden die Missa solemnis, die letzten Sonaten und Streichquartette. Zukunftsmusiken!

35 Jahre lang lebte Beethoven in Wien, über 60 Mal ist er hier umgezogen. In der Natur von Heiligenstadt notierte er sein bewegendes Testament, er veranstaltete »Akademien« für den Wiener Kongress  – und in Wien liegt er auch begraben. In einem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof: Gruppe 32 A, Nr. 29. 

In Österreich lebt Beethoven auch weiter, egal, ob im Austro-Pop von Kurt Sowinetz, der einst sang  »Alle Menschen san ma z’wider« oder in den regelmäßigen, energiegeladenen Aufführungen der Wiener Symphoniker im Wiener Konzerthaus. Das Orchester bestreitet das Finale dieses europäischen Konzert- und Fernsehabends, am Pult steht der designierte Chefdirigent Petr Popelka.

Der Artikel erschien zuerst im arte-Magazin

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Vorwürfe gegen François-Xavier Roth

Das französische Magazin Le Canard enchaîné erhebt schwere Vorwürfe gegen den Dirigenten. Sieben Musikerinnen und Musiker berichten von Übergriffen. Auch das VAN Magazin hat berichtet.

Milo Raus Sozialkitsch-Mozart

Milo Rau bringt bei den Wiener Festwochen seine La Clemenza di Tito mit und zeigt unfreiwillig, dass verkitschte Sozialromantik in diesen Zeiten eine ziemlich zahnlose Kunst ist.

Puccini schrieb keinen Pasolini

Viel Kritik für Kornél Mundruczós Tosca-Premiere an der Bayerischen Staatsoper in München. Begeistert hat das Sängerensemble. Eine Rezensions-Rundschau.

Das Ende der Kultur, wie die AfD es plant

Das Kulturprogramm der AfD ist eindeutig: Staatliche Förderungen sollen radikal gekürzt werden. Kultur nur unterstützt, wenn sie den Menschen auch gefällt - und: wenn sie die Heimat stärkt. Eine Spurensuche.

Dirigenten im Schatten der Intendanz?

Heute mit einem Blick in die Verhandlungen von Joe Chialo, einer Debatte über unsere Klassik-Museen, über einen Aufschrei der Musikdirektoren und der großen Frage: Was trinken wir eigentlich in der Konzertpause?  

Musik in Zeiten des Krieges

Der Pianist Kirill Gerstein führt in diesem Text durch sein neues Album, das Musik von Komitas, dem Begründer der armenischen nationalen Musikschule, neben die von Claude Debussy stellt. Der eine verarbeitet den
Der Dirigent Marcus Bosch mit Stab im Mund

»Dirigenten haben das Gefühl großer Ohnmacht« 

Der Vorsitzende der Konferenz der Generalmusikdirektoren, Marcus Bosch, fordert mehr Rücksicht von Intendanten und beklagt die derzeitigen Strukturen an deutschen Theatern: Oft würden die GMD nicht an Entscheidungen beteiligt.

Ab heute: Zürich streamt »Ring« für alle

Die Zürcher Oper bietet in den kommenden Tagen den gesamten Ring des Nibelungen von Richard Wagner als Live-Stream an. Alle Teile stehen dann zwei Wochen lang kostenlos zur Verfügung. Mit dabei: Tomasz

Don't Miss