Die Klassik-KI kennt keine Diven

September 30, 2025
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Alter 3 Roboter dirigiert Keiichiro Shibuyas Androidenoper »Scary Beauty« (Foto: Sharjah Art Foundation)

Wenn der KI-Dirigent vor dem KI-Publikum musiziert, macht wenigstens die KI-Diva keine Zicken! Ein Kommentar zur schönen, neuen Klassik-Welt.

English summary: US computer scientist Roman Yampolskiy predicts that by 2030, AI could replace 99% of all jobs, from surgeons to sopranos. Even arts and culture may not be spared, as AI already composes, conducts, and performs. The upside: efficiency; the downside: mass unemployment—or even humanity’s extinction.

Der US-Informatiker und KI-Forscher Roman Yampolskiy hat kürzlich (in seinem Podcast The Diary of a CEO), eine Prognose abgegeben. Die klingt, wenn man vom Typ »das Glas ist halb voll« ist, nach einem aufregenden Gedankenspiel aus dem Science-Fiction-Genre. Wer das Glas dagegen eher halb leer sieht, hört darin den nahenden Bankrott für unser Kulturleben, oder – nüchtern betrachtet – für sämtliche in ihr verorteten Erwerbstätigkeiten. Bis 2030, so Yampolskiy, könnten 99 Prozent aller Berufe durch Künstliche Intelligenz ersetzt sein. Nicht einzelne Tätigkeiten, leider nein, auch nicht ein paar Routinejobs, sorry, sondern: Restlos alle! Vom Herzchirurgen bis zum Hotelportier, von der Staatsanwältin bis zur Opernsopranistin. Und falls Sie nun denken: »Na gut, Gott sei Dank, betrifft mich nicht« – dann tut’s mir leid. Im Gegenteil: es betrifft leider auch Sie.

Yampolskiys These hat Sprengkraft: Sie nimmt die so oft im KI-Kontext oft bemühte Beruhigungsfloskel, man müsse eben »nur umschulen«, ins Visier. Umschulen? Wohin und mit wem denn bitte, wenn selbst Umschulungslehrerinnen und -lehrer durch einen (oder eine?) Chatbot ersetzt sind? Und was bedeutet das für jene Bereiche, die wir bislang trotzig als letzte Bastion des Menschlichen verklären: Kunst, Kultur, Feuilleton und Backstage Classical?

Billiger geht es nicht

Wer glaubt, Mozart, Wagner oder Mahler seien immun gegen KI, irrt. Suno AI, udio, AIVA, Opusmodus und Co. – mein Tipp: Testen Sie alle diese Apps! Sie werden erschrecken, wie »amtlich« KI bereits komponiert, singt und produziert. Und vermutlich bald auch jene Intendantinnen und Intendanten ersetzt (braucht man die denn überhaupt noch?), die mit leuchtenden Augen erklären, warum ihre Häuser weitere 50 Millionen Euro Steuergeld verschlingen müssen, damit ihre »Kunst frei atmen kann«.

Hier beginnt nun der eigentliche Spaß. Ich male mir einen von KI bespielten Opernbetrieb aus – und löse damit gleich (fast) alle Krisen, die ihn seit Jahrhunderten begleiten.

Die Oper. Ein überteuertes System mit viel zu vielen Angestellten, die in immergleichen Mozart-Berlioz-Puccini-Inszenierungen tapfer durch Windmaschinen und Pappmaché-Wände marschieren, während im Graben ein Herr oder eine Dame hektisch mit dem Taktstock wedelt. Ab 2030 übernimmt diese Aufgabe bundesweit der Interxion/Digital-Realty-Server aus Frankfurt/Main – der größte seiner Art. Er schlägt präzise, wird nie müde und braucht keine Standing Ovations. Maestra und Maestro sind dann keine Halbgötter mehr, sondern Humanoide mit Bluetooth-Gesichtserkennung. Sie verbeugen sich synchron, lächeln in 8K – und installieren sich während der Proben eigenständig Updates. Wenn sie abstürzen, dann nicht aus Lampenfieber, sondern wegen Windows. Natürlich trägt auch the humanoid robotic conductor Frack: aus Karbonfaser, mit eingebautem Lüfter. Statt Partiturkenntnis hat er PDF-Speicher und USB-Anschlüsse für externe Festplatten. Und wenn er das Orchester anbrüllt, klingt es nicht nach Toscanini, sondern nach Google Maps: »In 200 Takten bitte wenden.«

Schluss mit Zicken!

Und die Sänger? Überflüssig! Endlich. Der Algorithmus erledigt sie alle. Verdi, Wagner, Widmann, völlig egal. Endlich kein Tenor mehr, der sich nach der Premiere beleidigt ins Hotel zurückzieht, nur weil Herr Brug mal wieder »stimmlich etwas dünn« notierte. Keine Primadonna, die im vierten Akt einfach nicht erscheint, weil die Theaterkantine den veganen Couscous nicht mehr auf Lager hatte. Kein Bassbariton, der nach dem Pausenbier plötzlich überzeugt ist, er sei ein Heldentenor. Und keine Mezzosopranistin, die kurzfristig absagt, weil Merkur rückläufig ist und sie lieber ihrem Chakra vertraut. Stattdessen: perfekte Intonation, makellose Phrasierung – und der einzige Aufreger des Abends ist höchstens noch der Ticketpreis.

Das Publikum? Ist voll digitalisiert. Statt 700 Senioren (Auslastung bestenfalls 42%) mit fiependen Hörgeräten und Opernferngläsern loggt sich eine KI ein, die synchron »Brava!« skandiert und dazu Standing Ovations im Metaverse simuliert. Kein Garderobenstau, kein Rotwein auf dem Smoking, keine zu lauten Sitznachbarn »Ist das schon der zweite Akt oder immer noch Vorspiel?«

Kritik aus dem Computer

Bleiben noch die Kritikerinn und Kritiker, die Orchestermusikerinnen und -musiker. Beide Spezies: Vergangenheit. ChatGPT haut Kritiken im Sekundentakt raus: »Betörende Klangwelten, kristallin und doch voller innerer Wärme.« 6.000 Zeichen stuppendes Geblubber – und fertig ist die Rezension. So schnell wie diese Glosse. Wobei: Das läuft analog ja schon seit 40 Jahren so, Feuilleton-Baustein-Copy-&-Paste in Endlosschleifen. Hauptsache der Begriff »stuppend« kommt drin vor. Der einzige Unterschied zu menschlichen Kritikerinnen und Kritikern: Die KI will keine Freikarten. Und die arbeitslosen Musikerinnen und Musiker? Kein Grund zu grämen: Sie können nun als freie Musikschullehrerrinnen und -lehrer auf TikTok ihr Glück finden. Oder als Politiker, denn da ist das Programm identisch: große Gesten, grelle Töne, und das alles staatlich satt alimentiert.

2030 also: Klassische Musik, Oper, Ballett á la Roman Yampolskiy. Die gute Nachricht: zufolge läuft der Betrieb weiter. Die weniger gute: halt ohne Menschen. Aber Hand aufs Herz – ist das nicht die reinere Form von Hochkultur? Keine Maestri, keine Diven, kein Ego, kein Subventionsgerangel, nur noch pure, zugegeben etwas sterile Perfektion. Wer wird’s denn überhaupt merken? Schon heute erkennen Dank der Bildungspolitik in Sachen Musikunterricht vielleicht gerade 60 Prozent des Publikums den Unterschied zwischen Mozarts Requiem und der Titelmelodie von Game of Thrones – wenn die Untertitel eingeblendet sind.

Glaubt man Yampolskiy, ist die Zukunft der Klassik rosig. Beziehungsweise »algorithmisch formuliert«: Pantone 17-5104 – Ultimate Gray.

Kleiner Nachtrag: Der massive Verlust an Arbeitsplätzen ist laut Yampolskiy nur die Spitze des Eisbergs. Aus seiner Sicht wird in absehbarer Zeit eine künstliche Superintelligenz entstehen, die nicht nur Bestehendes optimiert, sondern Neues selbst erfindet. Im besten Fall löst sie globale Probleme wie Kriege und die Klimakrise, im eher weniger guten Fall löscht sie die Menschheit aus. Und damit wären wir wieder bei der Klassik. Genauer: bei Richard Wagners »Denn der Götter Ende dämmert nun auf.«

Thomas Schmidt-Ott

Thomas Schmidt-Ott promovierte über amerikanisches Orchestermarketing, nachdem er in den Marketing- und Development-Abteilungen der Orchester in Boston und Los Angeles tätig gewesen war. Im Anschluss arbeitete er als Leitungsreferent Kultur im Berliner Senat und war Vorstandsvorsitzender der Brandenburgischen Sommerkonzerte. 2003 übernahm er die Position des Chefmanagers für die Orchester und den Chor des Bayerischen Rundfunks. 2007 wechselte er als Programmchef in das Start-up-Team von TUI Cruises. Im Jahr 2020 kehrte er – zum zweiten Mal in seiner Laufbahn – als Direktor zum Deutschen Symphonie-Orchester Berlin zurück. Thomas Schmidt-Ott ist seit September 2025 Mitglied der Direktion und der Künstlerischen Leitung der Komödie am Kurfürstendamm.

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