Der Programmzauberer ist tot

April 9, 2024
2 mins read
Dieter Rexroth, 1941-2024(Foto: Universität der Künste)

Der Klassik-Manager Dieter Rexroth ist tot. Ein sehr persönlicher Nachruf auf den Kulturmanager von Thomas Schmidt-Ott.

Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ in einer zeitgenössischen Bearbeitung, gespiegelt von Texten Friedrich Hölderlins über die Zeit und das Leben, und vorab Musik von Fanny Hensel: es war dies Dieter Rexroths letztes, für ihn so typisches, weil vielschichtiges, viele Kunstgenres einbeziehendes, Konzertprogramm mit Kent Nagano und dem DSO. Ostern in der Philharmonie. In der Nacht zum Dienstag, 9. April 2024, ist der ehemalige Intendant der ROC GmbH in Berlin verstorben.

Besuchte man ihn zu Hause, betrat man das gemütliche Wohnzimmer in seiner Altbauwohnung nahe des Kurfürstendamms, wurde einem schnell klar, Dieter Rexroth war ein Gelehrter, einer, in dessen Leben Bücher eine bedeutende Rolle spielten. Sie reihen sich neben Hunderten von CDs in Regalen, stapeln sich auf dem Boden, auf Tischen, auf dem ausladenden Konzertflügel in der Mitte des Raumes. Eine kreative Unordnung.

»Sein Ideal, dass Qualität niemals kompromissfähig ist, stimulierte immer wieder unser aller Gewissen und erinnerte daran, dass die Kunst nie den Trost der Banalität oder des Status quo akzeptieren darf.«

Kent Nagano

Dieter Rexroth war ein Mann des Geistes, ein Intellektueller, kunstsinnig, neugierig und zugleich – und das ist selten – ein Mann des Genusses, der Lebensfreude und des feinen Humors.

Seine berufliche Vita in Stichworten: Geboren 1941 in Dresden, Studium der Komposition, des Dirigierens, Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie an den Universitäten in Köln, Wien und Bonn. Promotion über Arnold Schönberg.

Erster Direktor des Paul-Hindemith-Instituts in Frankfurt am Main von 1972 bis 1991. Von 1980 bis 1994 Programmgestalter für die „Alte Oper“ in Frankfurt. Mitbegründer und Künstlerischer Leiter der „Frankfurter Feste“. 1996 bis 2006 Intendant und Leitender Dramaturg bei der Rundfunkorchester- und Chöre GmbH. 2000 Künstlerische Leitung des neu gegründeten Festivals „Young Euro Classic“, seit 2006 zusätzlich Künstlerischer Leiter der „Kasseler Musiktage“. Neben all‘ dem: Verfasser und Herausgeber zahlloser Publikationen – über Ludwig van Beethoven, Hans Werner Henze und Wolfgang Rihm u.v.a.

„Mit Dieter Rexroth“, so Kent Nagano, „hat die Welt einen unserer einflussreichsten Visionäre verloren, einen angesehenen Akademiker, einen Gelehrten und zutiefst scharfsinnigen Philosophen, der durch seine strahlende Persönlichkeit dazu beitrug, uns auf eine glänzendere Zukunft auszurichten – in der wir zugleich die Vergangenheit hören und respektieren. Doch Dieter Rexroth war für mich persönlich viel mehr. Sein Ideal, dass Qualität niemals kompromissfähig ist, stimulierte immer wieder unser aller Gewissen und erinnerte daran, dass die Kunst nie den Trost der Banalität oder des Status quo akzeptieren darf. Ein lieber Freund ist gegangen.“

Dieter Rexroths Programme, die wir seit 1999 immer wieder die Freude hatten, in Berlin und der Welt aufzuführen, seine dramaturgische Inspiration, sein Witz und seine Fantasie, werden fehlen. Wir sind traurig – und dankbar für viele Konzerte, intensive Gespräche, wertvolle Ideen. Danke, lieber Dieter! Die Rezitation von „Hälfte des Lebens“ von Friedrich Hölderlin war Dir ein großes Anliegen im Konzert am 30.3. dieses Jahres: „Mit gelben Birnen hänget, und volle mit wilden Rosen, das Land in den See, ihr holden Schwäne, und trunken von Küssen, tunkt ihr das Haupt, ins heilignüchterne Wasser.“ Es war dieser Optimismus, der Dich bis zuletzt auszeichnete. Wir werden Deinen Geist – dankbar an Dich zurückdenkend – weiterleben.

Thomas Schmidt-Ott

Thomas Schmidt-Ott promovierte über amerikanisches Orchestermarketing, nachdem er in den Marketing- und Development-Abteilungen der Orchester in Boston und Los Angeles tätig gewesen war. Im Anschluss arbeitete er als Leitungsreferent Kultur im Berliner Senat und war Vorstandsvorsitzender der Brandenburgischen Sommerkonzerte. 2003 übernahm er die Position des Chefmanagers für die Orchester und den Chor des Bayerischen Rundfunks. 2007 wechselte er als Programmchef in das Start-up-Team von TUI Cruises. Im Jahr 2020 kehrte er – zum zweiten Mal in seiner Laufbahn – als Direktor zum Deutschen Symphonie-Orchester Berlin zurück. Thomas Schmidt-Ott ist seit September 2025 Mitglied der Direktion und der Künstlerischen Leitung der Komödie am Kurfürstendamm.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Die 5 der Woche: Zwischen Meeresrausch und Orgelwahn

Fünf neue Aufnahmen, fünf kleine Abenteuer: Vaughan Williams zwischen Meer und Monument, Galuppis Geschlechterkampf auf der Operninsel, Kopatchinskaja und Say im kontrollierten Wahnsinn, Hans Winterberg als große Wiederentdeckung – und Alkan mit

Lob und Kritik : Thielemann bleibt bis 2034 in Berlin

Die Berliner Staatsoper verlängert die Verträge von Christian Thielemann und Elisabeth Sobotka. Doch die Entscheidung ist nicht unumstritten: Kritik gibt es am Zeitpunkt, an Thielemanns künstlerischer Ausrichtung und zuletzt auch an leeren

Liebe Anne, Gemütlichkeit ist keine Kunst!

BRSO-Musikerin Anne Schoenholtz wirft Axel Brüggemann auf Instagram mangelnden Respekt vor Simon Rattle vor. Hier antwortet der Autor mit einem Brief über die Kunst der Polemik, die Wohlfühlwelt der Orchester und die

Vom Kopf auf die Füße?

In den letzten Wochen ist bei BackstageClassical die Welt der Vorsingen für Opernhäuser unter die Lupe genommen worden. Hier schreibt der Geschäftsführende Dramaturg der Oper Rostock, Stephan Knies, warum derartige Wettbewerbe gar

Gefangen in der Erinnerung

Die Hölle hat ein Gedächtnis. In ihr wird das Vergangene zur dauernden Gegenwart. Pascal Dusapins »Il Viaggio, Dante« macht diese Wiederkehr an der Staatsoper Hannover zu einer bemerkenswerten Theatererfahrung: Claus Guths Inszenierung

Die fünf Neuerscheinungen der Woche

Fünf neue Aufnahmen, fünf sehr unterschiedliche Welten: Schostakowitsch mit Wucht und Tiefenschärfe, eine fast vergessene Revolutionsoper, Barock zwischen Himmel und Hölle, Fatma Said vor den Pyramiden – und Susan Tomes mit einem

Verpassen Sie nicht ...