Puccini schrieb keinen Pasolini

Mai 21, 2024
2 mins read
Tosca an der Bayerischen Staatsoper (Foto: Bayerische Staatsoper, Hösl)

Viel Kritik für Kornél Mundruczós Tosca-Premiere an der Bayerischen Staatsoper in München. Begeistert hat das Sängerensemble. Eine Rezensions-Rundschau.

Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó verlegt Puccinis Tosca in der Münchner Premiere in die Zeit Pasolinis, die Kritiken sind eher einig darin, dass dieses aufgesetzte Konzept gescheitert ist. Robert Braunmüller wütet in der Abendzeitung gar über »die überflüssigste Neuinszenierung der Bayerischen Staatsoper seit Jahren«. 

Helmut Mauró schreibt in der Süddeutschen Zeitung: »Die maue Regie von Kornél Mundruczó, schleppte sich in müden Bildern dahin. Die Anfangsszene in der Kirche war in eine Galerie verlegt, ein riesiger Art-déco-Spiegel zur Rechten und ein ebenso monströser Lüster prägten das Bild, bis sich drei nackte Männer mit blauen Lilien und drei nackte Frauen mit weißen Lilien in den Vordergrund schoben, begleitet von schwarz gewandeten Gestalten, Uniformierten und einem Filmteam.« 

»Splitternackte Opfer werden von faschistischen Soldaten auf die Bühne geführt, was bereits die ersten Unmutsäußerungen im Publikum auslöst«, berichtet Peter Jungblut für den BR. »Doch dann stellt sich schnell heraus: Mundruczó und sein Team verlegen die Tosca in das letzte Lebensjahr von Pasolini, 1975, als Italien nun wirklich nicht mehr faschistisch war, sondern mit den linksterroristischen Roten Brigaden rang. Das war etwas viel Überblendung, historisch unpassend, und ging leider überhaupt nicht auf.«

Tosca an der Bayerischen Staatsoper (Foto: Bayerische Staatsoper, Hösl)

Und Markus Thiel berichtete für den  Münchner Merkur: «So versiert Mundruczó seine Figuren führt und beschäftigt, so spannend manches erzählt ist, so sehr man also (vielleicht widerwillig) dranbleibt, so sehr verirrt sich der Regisseur doch im Wald seiner Prämissen.« Das sieht Braunmüller ähnlich und verreißt mit Wucht: »Mundruczó kann es offensichtlich nicht. Sein linker Pasolini-Kult wirkt so angestaubt wie die wohlfeile Kritik an der Kirche und der Christdemokratie der 1970er-Jahre, die hier unter Faschismusverdacht gestellt wird. Dass dieses Konzept nur auf Krücken hinkt, hätten die Verantwortlichen eigentlich auf der Bauprobe erkennen müssen.«

Mauro begeistert das Dirigat von Andrea Battistoni: »Meisterlich gestaltet, ganz unabhängig vom Gesang«, schreibt er, »emanzipierte er das Orchester von der in dieser Oper naheliegenden Funktion des Arienbegleitapparates. Gut so.« Braunmüller schreibt: »Dirigent Andrea Battistoni kassierte bereits Buhs vor dem zweiten Akt, auf die ein freundlicher Bravo-Sturm antwortete. Beide Seiten haben plausible Argumente auf ihrer Seite: Battistonis Tempi sind klug und die Aufführung bedient gängige Vorstellungen von Verismo und italienischer Oper.« Anders sieht das Jungblut. Er hörte ein »äußerst fahriges« Dirigat von Andrea Battistoni, »der wild und ausladend gestikulierte, aber wenig Feuer entfachte.« 

Einig sind sich alle mit Mauró über die sängerische Qualität: »Eleonora Buratto in ihrem Rollendebüt als Floria Tosca ist eine Traumbesetzung, die man sich kaum besser hätte wünschen können.« Thiel findet: »Eleonora Buratto kommt aus dem Lyrischen, hat ihre Stimme aber auf natürliche Weise geweitet. Vehemenz, ein triumphales Lodern hört man, aber auch kluge Kontrolle,….« Über Charles Castronovo heißt es »obgleich als Pasolini-Widergänger ein glaubhafter Typ, hatte er es schwer, den Sprung aus dem lyrischen Fach ins Dramatischere zu schaffen. »Ludovic Tézier scheint als Scarpia mit den Schwarztönen seines Baritons zu jonglieren«, findet Thiel, und Jungblut stimmt zu: »Überzeugend dagegen das Rollenporträt des französischen Baritons Ludovic Tézier als Bösewicht Scarpia. Da stimmte die kleinste Geste und auch das scheinbar harmlose Parlando, mit dem er seine Opfer umgarnt.«

★★☆☆☆

BackstageClassical

BackstageClassical bringt Ihnen Debatten und Nachrichten aus der klassischen Musik. Die Seite ist kostenfrei. Bestellen Sie unseren Newsletter oder unterstützen Sie unseren unabhängigen Musikjournalismus durch Ihre Spende.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Das Geschäft mit der Hoffnung junger Stimmen

1.099 Euro für Kontakte zur Opernwelt: Das Vienna Opera Lab verkauft jungen Sängerinnen und Sängern den Zugang zu einem begehrten Netzwerk. Nach Anfragen von BackstageClassical ziehen nun erste prominente Teilnehmer Konsequenzen –

Im Weltall wird es eng

Karlheinz Stockhausens Mittwoch aus Licht gerät an der Deutschen Oper Berlin zu einer kosmischen Messe. Musikalisch präzise und von hoher Qualität, verliert sich Susanne Kennedys Inszenierung zwischen klugen Impulsen, Überladung und Inhaltslosigkeit.

Marathonlaufen und Konzert spielen

Laufen und musizieren: Die Wiener Symphoniker und der Vienna City Marathon veranstalten 2027 erneut ihr »Konzert zum Marathon«. Läuferinnen und Läufer können sich ab sofort um einen Platz im Orchester bewerben.

Aus dem Archiv ins Leben

Vergessen, verschollen, nie aufgeführt: Die Ruhrtriennale holt mit Charles Tournemire und Roman Padlewski zwei fast ausgelöschte Komponisten zurück ins Licht – und macht daraus einen der musikalisch stärksten Abende des Festivals.

Das Ende einer Ära

Peter de Caluwe soll Intendant der Salzburger Festspiele werden. Das ist mehr als ein Personenwechsel: Es ist das Ende eines Systems der alten Salzburger Seilschaften. Ein Kommentar von BackstageClassical-Herausgeber Axel Brüggemann

Liebe Findungskommission,

Gehen wir einmal davon aus, dass Peter de Caluwe neuer Festspielintendant in Salzburg wird. Dann zeigt das allerhand. Erst einmal: dass die Findungskommission sehr gut gearbeitet hat. Denn der Name stand – außer

Salzburg habet Papam

Die Salzburger Festspiele stehen offenbar vor einer überraschenden Entscheidung: Peter de Caluwe soll neuer Intendant und damit Nachfolger von Markus Hinterhäuser werden.

Verpassen Sie nicht ...