Wimmelbild vor Weihnachten

November 30, 2025
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Die Nacht vor Weihnachten an der Bayerischen Staatsoper (Foto: Schied)

Nikolai Rimski-Korsakows Oper »Die Nacht vor Weihnachten« hatte Premiere an der Bayerischen Staatsoper in München: Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski dirigierte, Barrie Kosky inszenierte. Hat das Haus ein neues Weihnachtsstück entdeckt?

English summary: Rimsky-Korsakov’s The Night Before Christmas premieres in Munich as Jurowski and Kosky craft a glittering, witty folk-fairytale revue. Strong ensemble, vivid staging, and rich orchestral color suggest a charming new holiday repertoire piece.

Ein russisch-ukrainischer Märchen-Mix aus christlichen und heidnischen Themen hätte auch Im Advent vor der Wintersonnenwende heißen können. Erzählt wird von einfachen Dorfleuten, einer Hexe und der Kirche, von Familienintrigen, einem Teufel, einer Zarin und einem Liebespaar: Die einen wollen heiraten, die anderen bekämpfen sich. Es wird gelogen, geflogen und gezaubert. Musikalisch bezieht sich Rimski-Korsakow oft auf Volkslieder, mit denen heidnische Geister oder die Geburt Christi sowie die Liebe besungen werden. Er zierte seine Komposition mit dem schönen Spruch »Märchen sind erdacht, Lieder aber – die reine Wahrheit«.

Koskys glitternde Revue

Wie inszeniert man ein solches Wimmelbild aus Geschichten, Themen und Figuren, damit daraus ein gelungener Opernabend wird? Noch dazu bei einem Stück, das musikalisch gelungen und unterhaltsam, jedoch international recht unbekannt ist? In München engagierte man den australischen Regisseur Barrie Kosky und bekam, was man fast immer bekommt, wenn man Kosky holt: Eine glitzernde Revue mit wunderschönen Kostümen, geschmackvollem Bühnenbild, viel Tanz und Bewegung.

Im besten Sinne effekthascherisches Theater, das aber stets durchdacht und wenig oberflächlich daherkommt. (Bühne und Licht: Klaus Grünberg; Kostüme: Klaus Bruns; Choreographie: Otto Pichler).
Auf der Szene beginnt es mit aufwärts rieselndem Schnee und man ist sofort mittendrin im Dorfleben mit seinem Teufelchen und Volkes Stimme des hochbeschäftigten und herrlichen Chors (Einstudierung Christoph Heil). Jurowski und das fabelhafte Staatsorchester beginnen mit den wogenden Klängen, die den folkloristischen Stil vorführen, der Rimski-Korsakow vorschwebte: oft tänzerisch rhythmisch, manchmal repetitiv.

Großartige Ensembleleistung

Eine Aufführung, die vom großartigen Ensemble getragen wird: Tansel Akzeybek als Zirkusdirektor-Teufel mit Hörnern unterm Zylinder und hellem Tenor. Der voluminöse Sopran von Ekaterina Semenchuk, mit dem sie die Dorfhexe Solocha verkörpert. Ihr Sohn, der Schmied Wakula, von Tenor Sergey Skorokhodov leicht metallisch mit warmer Tiefe gesungen. Die von ihm angebetete Oksana, dank Sopran Elena Tsallagova der Star des Abends: klangschön, von wuchtigen Orchestermomenten nicht kleinzukriegen und darstellerisch präsent.

Die Nacht vor Weihnachten an der Bayerischen Staatsoper (Foto: Schied)

Die Herren, verkleidet als fette Barbapapa-Clowns, sind optische Kosky-Gimmicks und bieten stimmlich hohes Staatsopern-Niveau: Dmitry Ulyanov (als reicher Kosake Tschub und Heiratswunsch der Hexe), Vsevolod Grivnov (als Diakon), Milan Siljanov (Schmieds Freund Panas). Als ‚Dea ex machina‘ schwebt irgendwann die legendäre Violeta Urmana mit Doppeladler, Martiniglas und Zigarette im Bühnenhimmel und beherrscht als Zarin momentelang mit ihrem unschlagbarem (Mezzo-)Sopran die Aufführung.

Ein neues Werk für die Weihnachtstage

Es gibt wundervolle Balletteinlagen, in denen sich der kompositorische Zauber und die Instrumentierung von Rimski-Korsakows Musik besonders beweisen. Die bühnentechnischen Knalleffekte und sängerischen Großleistungen können, vor allem im ersten Teil vor der Pause, eine gewisse Langatmigkeit leider nicht verhindern. Der zweite Teil überzeugt komplett. Elena ‚Oksana‘ Tsallagova strahlt in einer der wenigen großen Arien des Abends, es wird dekorativ getanzt und der Chor brilliert. Und am Ende wird geheiratet.

Vielleicht geht es in München längst um etwas anderes als um einen umjubelten Premieren-Abend. Nämlich darum, eine Oper für das Repertoire zu etablieren, in dem eigentlich nur das Nussknacker-Ballett oder Hänsel und Gretel reüssieren: Familientaugliches für die Feiertage, und bitte musikalisch überzeugend. Das schaffen Dirigent Jurowski und Regisseur Kosky mit Die Nacht vor Weihnachten zweifellos.

Nächste Vorstellungen am 4., 7., 10., 13., 19., 22. Dezember

Philipp von Studnitz

Philipp von Studnitz, Jahrgang 1966, ist Literaturwissenschaftler und hat als Autor die People-Berichterstattung in der „BZ Berlin“ geprägt. Er war Kulturchef bei Park Avenue und ist ein begeisterter Klassik-Fan.

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