
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
auf den Opernbühnen wird protestiert, in Sachsen ums Überleben gekämpft, und auch hinter den Kulissen fliegen die Fetzen. Es geht um Macht, Geld, künstlerische Freiheit und die Frage, wie viel Streit unsere Klassik verträgt. Meine Antwort: Mehr davon! Denn solange wir streiten, ist unsere Kunst lebendig.
Proteste in Münster und Düsseldorf: Neue Intendanz – das Ensemble muss gehen?

| Proteste auf offener Bühne gestern Abend vor einer Aufführung von La Traviata an der Deutschen Oper am Rhein. Die designierte Intendantin Ina Karr will mit Amtsantritt große Teile des Ensembles auswechseln. Aus ähnlichem Grund gab es letzte Woche bereits Proteste in Münster – hier plant Neil Barry Mosseinen neuen künstlerischen Kurs mit neuen Personen. Wir haben es mit einem bewusst in unserem Stadttheatersystem angelegten Konflikt zu tun: Auf der einen Seite wollen wir künstlerischen Wandel, auf der anderen sehnen wir Sicherheit. Konfrontationen sind vorprogrammiert. Alle Hintergründe, die Videos aus Düsseldorf und eine ausführliche Einordnung lesen Sie hier. |

Chemnitz kämpft ums Überleben
In Chemnitz sind die Theater voll, die Kulturhauptstadt hat der Stadt neuen Schwung gegeben. Und ausgerechnet jetzt muss Sachsen bei der Kultur sparen! 2027 sollen die Zuschüsse für kommunale Theater und Orchester um 6,3 Prozent sinken, 2028 sogar um 10,1 Prozent. Im BackstageClassical-Podcast warnt der Chemnitzer Intendant Christoph Dittrich vor einem Kahlschlag. Nach Jahrzehnten des Sparens gehe es längst nicht mehr um einzelne Produktionen, sondern um die Substanz der Häuser. Und um die Freiheit der Kunst! Denn wenn öffentliche Gelder schwinden, wächst die Gefahr politischer Einflussnahme. Volle Häuser, leere Kassen – und eine Kulturpolitik, die ihren eigenen Erfolg aufs Spiel setzt. Hörenswert!
Personalien der Woche I
Für die jahrelange Sanierung der Berliner Philharmonie zeichnet sich der ehemalige Flughafen Tempelhof zunehmend als Ausweichquartier ab. Für die Sanierung der Philharmonie und das Interim stehen insgesamt rund 1,15 Milliarden Euro im Raum. Und in der Hauptstadt verdichten sich die Gerüchte, dass Zürich-Intendantin Ilona Schmiel den Job der scheidenden Philharmoniker-Intendantin Andrea Zietschmann übernehmen könnte, im Gespräch ist wohl auch Medienvorstand Olaf Maninger. +++ Letzte Woche Simon Rattle in München, nun Christian Thielemann in Berlin: Die Staatsoper verlängert die Verträge des Chefdirigenten und von Intendantin Elisabeth Sobotka. Doch die Entscheidung ist umstritten: Kritik gibt es vor allen Dingen am Zeitpunkt und an Thielemanns künstlerischer Ausrichtung.

Salzburger Festspiele ziehen um
Jetzt ist es sicher: Die Salzburger Festspiele ziehen um! Während das Große Festspielhaus von Herbst 2028 bis Frühjahr 2031 saniert wird, finden die Konzerte 2029 und 2030 im Messezentrum und in der Salzburgarena statt. Opern bleiben in der Altstadt. Der Entscheidung ging ein Streit voraus: Festspielmanager Lukas Crepaz wollte eine temporäre Halle in Altstadtnähe, Stadt und Land setzten aus Kostengründen auf die Messe. Der designierte Intendant Peter de Caluwe sieht darin auch Chancen, neues Publikum zu gewinnen. Allein die erste Bauphase soll rund 395 Millionen Euro kosten. Auch der »Jedermann« könnte bei Regen künftig in die Messe ausweichen, sollte es keine Genehmigung für eine Überdachung des Domplatzes geben. Alle Hintergründe hier.
Die 5 der Woche

Fünf neue Aufnahmen, fünf kleine Abenteuer: Vaughan Williams zwischen Meer und Monument mit Antonio Pappano, Galuppis Geschlechterkampf auf der Operninsel, Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say im kontrollierten Wahnsinn, Hans Winterberg als große Wiederentdeckung – und Alkan mit Orgelmusik für starke Nerven und flinke Füße. Lesen Sie hier unsere 5 Wochentipps inklusive Streaming-Links.
So werden junge Stimmen gefunden
In den letzten Wochen haben wir bei BackstageClassical die Welt der Vorsingen für Opernhäuser unter die Lupe genommen. Vertreter von öffentlichen Häusern haben danach dem Vienna Opera Lab abgesagt. Was in den Texten nicht vorkam: Wie engagiert an manchen Häusern nach Stimmen gesucht wird. Das beschreibt nun der geschäftsführende Dramaturg der Oper Rostock, Stephan Knies, in einem Essay. Seine These: Vorsingen gegen Geld sind gar nicht nötig, denn viele Opernhäuser suchen ihre jungen Stimmen auf ganz anderem Weg. Wie – das lesen Sie hier.

Personalien der Woche II
Die Bonner Orgelbaufirma Klais hat einen prestigeträchtigen Auftrag gewonnen: Für drei Millionen Euro baut sie gemeinsam mit Francesco Zanin eine neue Orgel für den Markusdom in Venedig. 2028 soll sie fertig sein – mit einem weicheren, melodischeren Klang als die Klais-Orgeln im Kölner Dom. +++ Nach monatelangen Protesten und Vorwürfen des Machtmissbrauchs zieht der Präsident der Hochschule für Musik Nürnberg, Rainer Kotzian, Konsequenzen. Sein Rücktritt wirft neue Fragen über den Umgang mit Macht und Abhängigkeiten an Musikhochschulen auf.
Auf unseren Bühnen

Ich war diese Woche unter anderem in einem Konzert des Cleveland Orchestra mit Franz Welser-Möst im Musikverein in Wien. Klar, ich bin da voreingenommen, aber es ist schon bemerkenswert: Manchmal gibt es großartige Abende, aber an diesem Abend zeigte sich auch, was es bedeutet, ein Orchester über 20 Jahre hinweg zu prägen: Eine Homogenität in den Streichern, die selten ist, und eine »Brahms-Zwei«, die so klug und wissend aufgebaut war, dass der Dirigent am Ende nur noch die Arme öffnen musste, um der disziplinierten Klugheit die Tore zur entfesselten Emotion zu öffnen. Begeistert war auch unsere Kritikerin Anna Proft – sie hat sich in Hannover Claus Guths »Il Viaggio, Dante« angesehen: Eine Hölle, die nicht mit Dantes Reise endet: »Sie bleibt gegenwärtig, wo Erinnerung sich nicht mehr von der Gegenwart trennen lässt.«
Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?
Ja wo verdammt bleibt es nur – vielleicht ja hier? Wir haben bei BackstageClassical kritisch über die Reform beim Deutschlandfunk berichtet. Darauf erklärte uns der Sender eindringlich, dass trotz der »großen Reform« eigentlich alles beim Alten bleibe. Was mich besonders wunderte, war der Ton der Mail aus Köln. Sie klang wie ein internes Rüffelschreiben – redet man inzwischen so miteinander beim Deutschlandfunk? Fakt ist: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sender wenden sich an uns, weil sie sich intern oft nicht mehr verstanden fühlen. Kein Wunder: Ganze Sender und Formate werden eingestampft, aber BR oder MDR tun so, als würde das Kulturangebot dennoch nicht schlechter. Positiv: Immerhin reden wir über die Reform!
Kritik trifft zuweilen auch uns: Ich habe Simon Rattle in einer Glosse »Maskottchen« genannt. BRSO-Geigerin Anne Schoenholtz warf mir daraufhin bei Instagram »verbale Grenzüberschreitung« vor. Das sehe ich anders. Trotzdem hat mich ihre Kritik zum Nachdenken gebracht. Gerade wenn Sender wie der BR ihre eigenen Klangkörper mit Lobhudelei überziehen, braucht es den Blick von außen. Mag sein, dass dabei emotionale Grenzen überschritten werden. Aber dafür gibt es ja das Korrektiv anderer Medien und der sozialen Netze. Mein Plädoyer, und das ist das Positive: Streiten wir! Auch polemisch! Denn Streit hält unsere Kunst gerade in der Krise zusammen. Am Ende wollen wir alle das Gleiche: Gute Musik für möglichst viele Menschen! Und solange wir auch emotional sind, leben wir noch!
In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!
Ihr
Axel Brüggemann

