Vom Kopf auf die Füße?

Oktober 13, 2026
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Vom Opernstudio ins Festengagement: Jaehwan Shim (ganz links) vor 2 Jahren, Martha-Luise Urbanek (Braut) letztes Jahr, Tobias Völklein (Bräutigam) ist aktuell im Opernstudio: Szenebild aus „Anatevka“ am Volkstheater Rostock (Foto: VTR/Tomas Mandt)

In den letzten Wochen ist bei BackstageClassical die Welt der Vorsingen für Opernhäuser unter die Lupe genommen worden. Besonders Veranstaltiungen standen in der Kritik, bei denen die Bewerberinnen und Bewerber zahlen müssen. Hier schreibt der Geschäftsführende Dramaturg der Oper Rostock, Stephan Knies, warum derartige Wettbewerbe gar nicht nötig sind, denn viele Opernhäuser suchen ihre jungen Stimmen auf ganz anderem Weg.

Frage: Wie viele bezahlte Vorsingen für Agenturen hat es im letzten Jahr gegeben, sagen wir in ganz Deutschland? Ich weiß es nicht. Vielleicht zehn?

Gegenfrage: Wie viele Vorsingen hat es am Volkstheater Rostock gegeben, einem typischen deutschen Mehrsparten-Stadttheater mit recht kleiner Opernsparte? Genau zehn. Hochgerechnet auf alle Opernhäuser im Land (auch viel größere) wären das – deutlich über 800? Ach, ja, zwei weitere Vorsingen haben wir ja auch noch gehabt für unser Opernstudio, in Zusammenarbeit mit derzeit zwei Musikhochschulen. Macht zwölf.

Wir fühlen uns also nicht wirklich gemeint, wenn Axel Brüggemann fragt: »Warum organisieren Opernhäuser derartige Vorsingen nicht selbst?« – denn doch, genau das tun wir. »Warum überlassen sie (gemeint sind die Opernhäuser) den Kontakt zwischen Nachwuchssängerinnen und -sängern und ihren Casting-Abteilungen privaten Anbietern?« – nein, das tun wir nicht. Und ich kenne unter meinen Kolleg:innen an den Musiktheaterbetrieben aller Größen niemanden, der das tut.

Agenturen: Geben und Nehmen

Wichtiger Ansprechpartner für unsere Vorsingen sind die Agenturen unseres Vertrauens. Dort arbeiten Profis, die unser Theater kennen und wissen, was wir anbieten können (und was nicht), und wen wir suchen (und wen nicht). Das ist für unsere Arbeit wichtig, denn unsere Ressourcen sind nunmal knapp (auch Zeit für Vorsingen auf der Bühne und mit unseren Pianisten) – immer wieder besetzen wir so einzelne Partien, aber auch Ensemblestellen und, ganz wichtig, die Einspringer, die manchmal morgens noch nicht wissen, dass sie abends in Rostock singen.

Der Winter naht, die Zeit der kurzfristigen Heiserkeiten und Schniefnasen. Immer wieder bekommen wir auch besonders etablierte Sänger:innen vermittelt, die eine Rolle ausprobieren wollen und dafür ein »kleines« Haus suchen. Damit – und mit der Entwicklung junger hoffnungsvoller Stimmen – versuchen wir gemeinsam das zu leisten, was Dorothea Gregor fordert: »Eine Agentur kann und muss mehr sein als ein Vermittlungsapparat« – das nehmen wir auch so wahr.

Wachstum und Vermittlung sind übrigens keine Einbahnstraße: Die Agenturen veranstalten ihrerseits Vorsingen, und sie freuen sich über Tipps von unserer Seite: Schon mehrfach sind junge Sängerinnen und Sänger auf unsere Empfehlung hin zu Agenturvorsingen gefahren und haben dort Aufnahme gefunden. Das Vertrauen ist also gegenseitig, die Zusammenarbeit in meiner Wahrnehmung geprägt von dem Bewusstsein, dass wir alle im selben – schrumpfenden – Boot sitzen.

Opernstudio: Ich höre trotzdem morgen wieder zu

»Entwicklung (…) braucht Geduld – und Menschen, die am nächsten Morgen trotzdem wieder zuhören«. Und: »Ein Opernhaus müsste bereit sein, wieder etwas zu übernehmen, das im globalisierten Arbeitsmarkt zunehmend vermeidbar geworden ist: Entwicklungsrisiko«, schreibt Dorothea Gregor weiter. Warum »müsste« und »wieder«? Wir freuen uns immens, wenn, wie es immer wieder passiert, eine junge Sängerin oder einen Sänger eine tolle Entwicklung hinlegt und den Schritt ins Festengagement schafft – vom eigenen Studio (wie der Bariton Jaehwan Shim vor zwei Jahren) oder vom Studio des kooperierenden Nachbarhauses in Schwerin (wie unsere Mezzosopranistin Martha-Luise Urbanek).

Genau darauf hoffen alle Beteiligten, die Hochschulen, das Theater, und natürlich die jungen künftigen Kolleginnen und Kollegen selbst. Dass wir deren Entwicklung über zwei Jahre verfolgen können, hilft uns, »am nächsten Morgen trotzdem wieder zuzuhören«. 

Wettbewerbe, Hochschulvorsingen, Vorstellungen: Connecting the Dots

Als Jurymitglied in einem internationalen Operngesangswettbewerb treffe ich viele junge Sänger:innen, die sich neben einem Preis ein Feedback eines Opernhausvertreters erhoffen und bestenfalls ein Engagement. Idealerweise kann ich ein sängerisches Profil und die Nachfrage in meinem Netzwerk (das das eigene Theater mit einschließt) abgleichen – so hat die junge Rumänin Imola Lídia Máté als Preisträgerin dieses Wettbewerbes am Volkstheater Rostock einen Zeitvertrag bekommen, andere begabte Stimmen habe ich andernorts vermitteln können.

Ohne daran etwas zu verdienen. Immer wieder werde ich eingeladen zu Abschlussvorsingen von Musikhochschulen – auch daraus sind immer wieder Einspringer- oder Stück-Engagements bei uns am Haus entstanden. Und: Bei Besuchen von Vorstellungen anderer Häuser finden wir immer wieder tolle Stimmen für unser Theater, von diversen Staatsopern bis zum wunderbaren Opernloft in Hamburg. 

Alte Freunde: Teil des Erfolgs

Immer wieder singen bei uns Künstler:innen, die das Theater oder Mitglieder des Leitungsteams seit Jahren begleiten. Mit James Kee habe ich das Glück, einen aktiven, international erfolgreichen Sänger als Castingdirektor und Kollegen zu haben, der seit seinem Engagement an der Deutschen Oper Berlin ein außergewöhnlich gutes Netzwerk pflegt. Immer wieder bringt er uns großartige Sängerinnen und Sänger ans Haus, die aus alter Verbundenheit kommen.

So wird das neue Volkstheater Rostock aussehen (Bild: Hascher Jehle Architekten / KOE)

Andere haben diese Verbundenheit mit dem Volkstheater: Als ich etwa letzte Woche bei der Einführung zu unserem neuen „Rigoletto“ dem Publikum verkündete, dass Garrie Davislim als Herzog von Mantua einspringen würde, erntete diese Ankündigung ein freudiges Raunen: Garrie war jahrelang am Haus und kommt von seinem aktuellen Theater in Münster gerne wieder, wenn es sich ergibt. Das Publikum liebt ihn immer noch.

Wer bekommt denn nun ein Vorsingen?

Bei uns: Sänger:innen, die Agenturen uns schicken. Sänger:innen, die uns empfohlen werden von Kolleginnen und Kollegen. Sängerinnen und Sänger, die wir live hören, bei Wettbewerben, Hochschulvorsingen, Vorstellungen an anderen Häusern. Stimmen, die eine Regisseurin oder ein Regisseur oder unser wunderbarer, mit unbestechlichen Ohren ausgestatteter Erster Kapellmeister Svetlomir Zlatkov vorschlägt.

Sängerinnen oder Sänger, die Mitglieder unseres Ensembles empfehlen, die sich für das Opernstudio zum Beispiel an der Musikhochschule in Rostock bewerben. Und immer wieder auch Sängerinnen und Sänger, die uns Bewerbungen schicken. Da hören wir rein. Das alles macht viel Arbeit, aber wenn wir unser Ensemble großartig finden (und das tun wir) und unser Publikum auch den kleinsten Partien lautstark applaudiert, dann war es das wert. 

Alles paletti?

Machen wir also alles richtig in Rostock, ist die Welt gar mit dem kommenden Theaterneubau schon fast perfekt? Natürlich nicht. Wir schätzen manchmal falsch ein, können Entwicklungen in beide Richtungen nicht gut genug abwägen und müssen, wie jedes Theater, ab und zu schwierige Entscheidungen zum Wohle eines Abends, einer Produktion oder des ganzen Ensembles treffen. Das schließt menschliche Härtefälle mit ein. 

Zurück zur nachhaltigen Entwicklung: Wenn wir uns hier über große Schritte freuen und etwa einer jungen Sängerin nach recht kurzer Zeit die große Partie der Donna Elvira in „Don Giovanni“ anvertrauen, heißt das ja automatisch, dass eine andere Sängerin die Donna Elvira eben nicht mehr bekommt, jedenfalls nicht an diesem Abend. Hier gut zu entscheiden und gut zu kommunizieren ist ein Balanceakt. Die Entwicklungen im Ensemble bei Jung und Junggeblieben im Auge zu behalten ist ein Anspruch, dem möglichst gerecht zu werden uns täglich herausfordert. 

Eines aber müssen wir nicht: »das Geschäftsmodell einfach wieder vom Kopf auf die Füße stellen: Theater müssen Sänger suchen«. Denn genau so läuft das schon. An allen Theatern, die ich in meinem Opernleben bisher kennen gelernt habe. Ich bin zuversichtlich, dass wir allein in Rostock auch in der eben begonnenen Spielzeit wieder mehr Vorsingen, Abschlussabendbesuche und Studio-Termine vorweisen können als alle bezahlten Vorsingen in Deutschland zusammen. Und (fast?) jedes andere der Musiktheaterhäuser in Deutschland auch. Das Geschäftsmodell hat offenbar einen verdrehten Knöchel. Aber es steht in unserer Welt richtig rum.

Stephan Knies

Stephan Knies ist Dramaturg, Musiker, Librettist und Autor und schnell begeistert von gutem Theater-Handwerk, frischen Ideen und ungewöhnlichen Formaten. Seine Opern-Moderationen, beispielsweise für sein Ensemble »D´Accord« und dessen Wagner-Paraphrasen im Haus Wahnfried in Bayreuth oder in der Hamburger Elbphilharmonie, stoßen beim Publikum auf relativ wenig Ablehnung. Ein Schwerpunkt seiner Reisetätigkeit für Magazine wie die »Opernwelt« ist Nordeuropa – von Riga bis Reykjavik.

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