Liebe Anne, Gemütlichkeit ist keine Kunst!

Oktober 15, 2026
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Anne Schoenholtz und Axel Brüggemann vor einer Podcast-Aufnahme 2022 (Foto: BRSO)

BRSO-Musikerin Anne Schoenholtz wirft Axel Brüggemann auf Instagram mangelnden Respekt vor Simon Rattle vor. Hier antwortet der Autor mit einem Brief über die Kunst der Polemik, die Wohlfühlwelt der Orchester und die Frage, ob Nettigkeit an sich schon eine Qualität ist.

Liebe Anne Schoenholtz,

na – Du hat Dir bei Instagram Luft gemacht! Gut so. »Menschlicher Respekt« würde meiner Kritik fehlen, sie sei eine »verbale Grenzüberschreitung« – und überhaupt: »Kein Mehrwert«. Es geht um meine kleine Polemik zur Vertragsverlängerung Eures Chefdirigenten beim BRSO. Darum, dass ich geschrieben habe, Ihr hättet mit Simon Rattle eher ein »knuddeliges Maskottchen« als einen guten Dirigenten verlängert.

Eigentlich sind Briefe von Brüggi ja kurz und knapp. Aber Dein Insta-Video über meine Kritik gibt so viel Anlass, über Grundsätzliches zu schreiben – diese Chance will ich ergreifen: über die Beziehung von Kritik und Journalismus zu Musikerinnen und Musikern. Also versuche ich es mal.

Du redest … Ah, vielleicht sollten wir das erst einmal klären: Du nennst mich in Deinem Video dauernd »Sie«, obwohl Du mich in Deinem Podcast vor einiger Zeit noch geduzt hast. Ich finde, das Sie klingt auch bei Dir jetzt irgendwie etwas sehr gespreizt. Und der Grund ist mir auch nicht wirklich klar. Also, wenn Du erlaubst – ich bleibe beim Du.

Von der Kunst, gemein zu sein

Deine Eingangsfrage, liebe Anne, ist ja, ob Musikerinnen und Musiker sich eigentlich alles gefallen lassen müssen. Und wo man die sprachliche Grenze setzt.

Abgesehen von der Gegenfrage, WER diese Grenze denn setzen soll, hier ein kleiner Blick in die Geschichte der Kulturkritik: »Dornen sollen wachsen, wo er noch hinwankt«, schrieb Alfred Kerr über Gerhart Hauptmann und nannte Bertold Brecht einen »primitiven Autor«. Karl Kraus nannte  Alfred Kerr wiederum »den größten Schuft im ganzen Land«. Marcel Reich Ranicki erklärte Günter Grass schreibe »wertlose Prosa«, und George Bernard Shaw nannte Johannes Brahms ein »großes Baby«. 

War das jetzt alles »unmenschlich«? Oder sind das am Ende nicht genau jene Emotionen, die Kultur im besten Falle erzeugt? Gerade in kurzen Texten, die eben keine Kritik oder Nachricht sind, sondern Glosse und Polemik. Mag sein, dass unsere Zeit gerade verroht. Aber auf der anderen Seite weicht sie wohl auch auf. Wenn das Wort »Maskottchen« schon zum bösen Schimpfwort verkommt – nein, Anna, dann sehe ich das anders!

Eine Regisseurin des BR schrieb mir nach meinem Rattle-Brief, man solle nur schreiben, was man einer Person auch ins Gesicht sagen würde. Das finde ich auch: In Brüggis Brief steht kein Wort, das Brüggi Sir Simon Rattle nicht genauso sagen würde.

Ich habe einmal ein Interview mit Franz Welser-Möst einmal mit der Frage begonnen, warum er eigentlich so unglaublich langweilig sei. Irgendwann – viel später – hat er angerufen und gefragt, ob wir gemeinsam ein Buch schreiben wollen. Gerade weil wir so gegensätzlich sind.

Kritikerinnen und Kritiker kennen Kritik übrigens auch. »Brüggemann ist ein eitles Arschloch«, »Brüggemann kann nix!« – egal, ob in sozialen Medien, Artikeln oder Besprechungen meiner Bücher, Filme und Inszenierungen: Manchmal geht es hart zu. Zuweilen unter der Gürtellinie.

Ist mir das egal? Lässt mich das kalt? Nein! Natürlich nicht! Das tut weh. Ist oft auch ungerecht. Und ja, manchmal steckt leider ein Fünkchen Wahrheit in einer Polemik. Manchmal auch nicht! In sozialen Medien schreibe ich Kritiker manchmal einfach privat an. Oft sind sie erstaunt und antworten erschreckend kleinmütig. Die Kritik von Kolleginnen und Kollegen nehme ich zur Kenntnis. Und ordne sie für mich ein: »Wertvoll« oder »egal«.

Als eine Zeitung über meine Version von »Peter und der Wolf« in Hamburg schrieb, sie sei ein einziges »Fiasko«, riefen irgendwann alle Mitwirkenden nach jeder Show hinter der Bühne, während das Publikum noch stehend applaudierte: »Schon wieder so ein Fiasko!« Wir hatten einen großen Spaß! Die Show wird nächstes Jahr wieder aufgenommen.

Streit, Polemik und Zuspitzung gehören zum menschlichen Dialog. Im besten Fall setzen sie produktive Emotionen frei. Kritik kann unfair sein. Kritik darf emotional sein. Und ja, es ist legitim, Kunst – und mit ihr auch die Künstlerinnen und Künstler – persönlich zu nehmen!

Verdammt, Simon Rattle ist nicht irgendein Privatmann, der zufällig am Pult steht. Er ist einer der prominentesten Dirigenten der Welt, soll Gerüchten zufolge mehr als eine Million Euro jährlich vom gebührenfinanzierten BR bekommen und ist damit selbstverständlich eine öffentliche Figur. Eine Projektionsfläche für Bewunderung. Und für Kritik.

Den Witz, dass er inzwischen eher ein Maskottchen als ein Dirigent sei, muss er – egal, ob man das nun lustig findet oder nicht – schon aushalten.

Wenn Nettigkeit zur Kunst wird

Aber worum ging es eigentlich in meinem kleinen Rattle-Brief? Du schreibst, liebe Anne, der Text habe keinen Mehrwert gehabt. Keine Meldung, keine Kritik. Er sei lediglich ein Lustigmachen über Euren »Sir«.

Ich glaube, wenn ich Dir zuhöre, dass es vielleicht um etwas ganz anderes geht. Um die Wohlfühlwelt, die Ihr gerade erlebt. Ihr liebt Simon Rattle. Weil er so unglaublich nett ist. So wertschätzend. Weil er Euch das Gefühl gibt, gehört und gesehen zu werden. Das ist ja auch legitim! Ich spreche ihm diese Fähigkeit überhaupt nicht ab. Im Gegenteil!

Du erklärst in Deinem Video, wie wertvoll gerade diese Tugenden in unserer Zeit seien. Simon Rattle scheint für Dich für Mitgefühl zu stehen, Brüggemann für gesellschaftliche Kälte. Das ist eine hübsche Rollenverteilung. Nur leider hat sie mit der Frage, ob jemand ein guter Dirigent ist, herzlich wenig zu tun.

Ich habe Simon Rattle bereits in Berlin erlebt und – wie Du sagst – früh kritisiert. Schon damals war es, als schriebe man, der Papst sei schwul, wenn man »Hair Rattle« infrage stellte.

Ich fand, dass die Berliner Philharmoniker unter ihm emotional gewonnen, musikalisch aber erheblich an Präzision und Eigenständigkeit verloren haben. Rattle hat viel für die Öffnung des Orchesters getan. Aber der Klang, den seine Vorgänger über Jahrzehnte geformt hatten, verlor für meine Ohren an Kontur.

Nach meinem Brief schrieb mir ein anderer Dirigent: »Simons Orchester sind, wenn er geht, wenigstens Birtwistle-Experten!«

Natürlich ist es schön, einen netten Chef zu haben. Aber es gibt ja auch nette Chefs, die ein Orchester musikalisch voranbringen. Nehmen wir Eure jüngste Aufnahme von Mahlers Zweiter, die ich bereits an anderer Stelle besprochen habe: Dem Ländler fehlt für mich seine Doppelbödigkeit, im Scherzo herrscht vor allem Lautstärke, das Furiose wird nur selten durch einen gemeinsamen Atem gebunden. Dazu eine Sängerinnenauswahl, die mehr als einmal an ihre Grenzen stößt.

Das ist meine musikalische Kritik. Darüber kann man streiten. Über Tempi, Phrasierungen, Klangvorstellungen, über Mahlers Ironie und seine Abgründe. Ich würde das sogar sehr gern tun!

Aber es geht mir nicht um diese eine Aufführung. Es geht um eine Stimmung, die Du und Deine Kolleginnen und Kollegen sicherlich als sehr schön empfinden, in der die Musik aber unter die Räder zu kommen droht. Es ist die Stimmung des Einlullens. Des Miteinanders ohne Außenblick. Des kollektiven Schulterklopfens.

Simon Rattle steht am Ende einer langen Karriere. Er verkörpert ein Orchestersystem, in dem große Namen noch immer als Garantie für große Kunst gelten. Andere Klangkörper experimentieren längst mit agileren, nicht weniger gemeinschaftlichen Arbeitsbeziehungen. Ihr habt Euch beim BRSO für den ehemaligen Chef der Berliner Philharmoniker entschieden. Andere Orchester setzen darauf, den kommenden Dirigenten der Berliner Philharmoniker zu verpflichten.

Und vielleicht ist das unser eigentlicher Dissens: Du glaubst, dass ein Orchester einen Menschen braucht, bei dem es sich wohlfühlt. Ich glaube, dass es einen Dirigenten braucht, der es besser macht. Im Idealfall ist das derselbe Mensch. Aber eben nicht immer.

Journalismus ist kein Orchestermarketing

Und noch etwas, liebe Anne. Du bist Musikerin. Und Du bist eine öffentliche Stimme Deines Orchesters. Dass Du in Deinem Podcast in erster Linie keinen unabhängigen Journalismus machst, sondern auch eine Außenstelle des Orchestermarketings betreibst – das ist okay. Das gehört heute dazu. Aber diese Wohlfühl-Talks sind eben nicht zu vergleichen mit dem, was wir – etwa bei BackstageClassical – jeden Tag tun.

Wir wollen uns nicht gemein machen. Wir wollen beschreiben, recherchieren und, ja, manchmal auch polemisch kommentieren. Wir müssen unsere Recherchen zuweilen vor Gericht verteidigen. Wir schreiben über Dinge, die Sängerinnen und Sänger sich nicht zu sagen trauen. Wir decken Missstände auf – oft in monatelangen Recherchen.

Wir ecken dadurch an. Auch bei großen Kulturinstitutionen, die einfach gern weiter in ihrer Gemütlichkeit Musik machen wollen. Es ist schade, dass auch der Bayerische Rundfunk in den vergangenen Jahren immer weniger Raum für unabhängigen Kulturjournalismus bietet und in den sozialen Medien inzwischen lieber lustige Bilder und Komponisten-Witze postet.

Manchmal frage ich mich, ob Ihr in Eurer schönen Blase überhaupt noch mitbekommt, was da draußen in der Welt los ist. Wenn ich über die Krise der Musikkritik rede, spreche ich nicht über einen »Maskottchen«-Vergleich.

In diesem Podcast haben sich Anne Schoenholtz und Axel Brüggemann kennengelernt.

Dann rede ich darüber, dass freischaffende Kolleginnen und Kollegen immer weniger Aufträge bekommen. Dass durch die geplante Zusammenlegung von Angeboten bei BR-Klassik und MDR Klassik journalistische Vielfalt verloren zu gehen droht. Dass Eure Kunst in der Öffentlichkeit eine immer kleinere Rolle spielt. Dass Eure eigenen Sender offenbar immer weniger daran glauben, dass klassische Musik noch im Zentrum der Gesellschaft steht.

Während Ihr Euch über die mangelnde Wertschätzung eines millionenschweren Stardirigenten empört, kämpfen andere in unserer Branche längst um ihre berufliche Existenz.

Merkt Ihr in Eurer Gemütlichkeit eigentlich, dass Euer Orchester – und viele andere in Deutschland – gerade auf schmelzenden Eisschollen spielen? Dass die gesellschaftliche Legitimation öffentlich finanzierter Hochkultur längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist? Dass sich die Frage, warum die Gesellschaft so viel Geld für klassische Musik ausgeben soll, nicht mit dem Hinweis beantworten lässt, wie nett der Chefdirigent ist?

Das ist, liebe Anne, meine eigentliche Kritik. Das BRSO unter Simon Rattle ist für mich ein sehr altes Orchester geworden. Eines, das es in einer rauen Welt bitte noch ein bisschen nett haben will. Das sich in seiner eigenen Qualität eingerichtet hat. Und Kritik von außen offenbar schon dann als Grenzüberschreitung empfindet, wenn sie nicht mit dem allgemeinen Wohlgefühl übereinstimmt.

Die Frage ist nicht, ob Ihr Simon Rattle lieben dürft. Natürlich dürft Ihr das! Die Frage ist, ob diese Liebe Euch noch erlaubt, kritisch auf Euch selbst zu schauen. Liebe Anna, menschlicher Respekt ist wichtig. Aber Respekt bedeutet nicht, auf Kritik zu verzichten. Und Wertschätzung ist kein Ersatz für künstlerischen Anspruch. Vielleicht sollten wir uns also weniger darüber streiten, ob »Maskottchen« ein böses Wort ist, sondern ob Gemütlichkeit allein schon eine Kunst ist.

Herzlich,

Dein Brüggi

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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