Die 5 der Woche: Zwischen Meeresrausch und Orgelwahn

Oktober 16, 2026
1 min read
Unsere Tipps der Woche (Bild: KI)

Fünf neue Aufnahmen, fünf kleine Abenteuer: Vaughan Williams zwischen Meer und Monument, Galuppis Geschlechterkampf auf der Operninsel, Kopatchinskaja und Say im kontrollierten Wahnsinn, Hans Winterberg als große Wiederentdeckung – und Alkan mit Orgelmusik für starke Nerven und flinke Füße.

Ralph Vaughan Williams: »A Sea Symphony« / Elizabeth Maconchy: »Nocturne« – Masabane Cecilia Rangwanasha, Will Liverman, London Symphony Orchestra und Chorus, Antonio Pappano (LSO Live)

Kitsch as Kitsch can! Pappano setzt seinen Vaughan-Williams-Zyklus fort: Monumental, wuchtig, überzeugend. Walt Whitmans Meereslyrik wird zum großen Chor- und Orchesterereignis. Besonders reizvoll: die Kombination mit Elizabeth Maconchys selten gespieltem »Nocturne« von 1950. Eine musikalische Entdeckungsreise über den britischen Tellerrand hinaus. 

★★★★☆

Baldassare Galuppi: »L’uomo femina« – Eva Zaïcik, Lucile Richardot, Le Poème Harmonique, Vincent Dumestre (Château de Versailles Spectacles)

Eine Opernentdeckung mit aktuellem Stoff: Zwei Männer stranden auf einer Insel, auf der Frauen herrschen. Galuppis 1762 uraufgeführte Geschlechterkomödie wurde erst 2006 in einer Lissabonner Bibliothek wiederentdeckt. Dumestre bringt sie mit seinem Ensemble Le Poème Harmonique mit großer Spielfreude zurück – gern auch mal auf die Bühne damit! 

★★★★★

»Patkop & Say« –Patricia Kopatchinskaja, Violine; Fazıl Say, Klavier
(Alpha Classics)

Der ganz normale Wahnsinn zweier musikalischer Freigeister! Szymanowskis »Mythen«, Prokofjews erste Violinsonate und zwei Weltersteinspielungen eigener Werke: Says »Lost Screams Sonata« und Kopatchinskajas »UniSolo«. Ein Programm, das nicht nur interpretieren, sondern selbst etwas erzählen will: Verrückt, ausgeflippt – großartig! 

★★★★☆

Hans Winterberg: Sinfonie Nr. 2 und Klavierkonzert Nr. 2 – Jonathan Powell, Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Roland Kluttig (Capriccio)

Die Repertoire-Entdeckung der Woche: Der 1901 geborene Prager Komponist Hans Winterberg überlebte Theresienstadt und fand später in Deutschland eine neue Heimat. Seine Musik bewegt sich zwischen Impressionismus und Wiener Moderne. Das zweite Klavierkonzert erscheint hier erstmals auf einer kommerziellen Aufnahme. 

★★★★☆

Charles-Valentin Alkan: »The Complete Organ Works, Vol. 2« – Joseph Nolan, Orgel (Signum Classics)

Valentin Alkan ist ein Exzentriker des Klaviers – und: der Orgel! Joseph Nolan setzt seine Gesamteinspielung der Orgelwerke fort. Zu hören sind die 13 »Prières« op. 64 und sechs Etüden ausschließlich für die Füße. Gespielt auf der restaurierten Stahlhuth-Jann-Orgel in Düdelingen. Ungewöhnliche Musik mit hohen technischen Ansprüchen: Für den Interpreten und die Hörer. Nur Mut! 

★★★★☆

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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