Erst Kulturhauptstadt, jetzt Kürzungshauptstadt? Chemnitz feiert volle Theater, doch Sachsen will die Zuschüsse kürzen. Im BackstageClassical-Podcast warnt Intendant Christoph Dittrich vor einem Kahlschlag, der weit über einzelne Inszenierungen hinausgeht. Und vor der Gefahr politischer Einflussnahme.
Angesichts der geplanten Kürzungen im sächsischen Doppelhaushalt 2027/2028 warnt der Intendant des Theaters Chemnitz, Christoph Dittrich, vor einem dauerhaften Schaden für die Kulturlandschaft. Im Podcast von BackstageClassical sagte Dittrich im Gespräch mit Axel Brüggemann, die Theater hätten nach Jahrzehnten der Einsparungen und Umstrukturierungen ihre Belastungsgrenze erreicht.
Nach den bisherigen Haushaltsplanungen sollen die Landesmittel für kommunale Theater und Orchester 2027 um durchschnittlich 6,3 Prozent und 2028 um 10,1 Prozent gegenüber 2026 sinken. Betroffen sind zahlreiche Bühnen im Freistaat, darunter auch das Theater Chemnitz mit seinen fünf Sparten Oper, Schauspiel, Ballett, Figurentheater und Robert-Schumann-Philharmonie.
Die Stadt Chemnitz hatte im Mai 2026 beschlossen, dem Theater jährlich 36 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen und alle fünf Sparten zu erhalten. Allerdings sind damit erhebliche Einsparungen verbunden. Derzeit verhandelt die Theaterleitung mit den Beschäftigten über Haustarifverträge. Im Gespräch sind unter anderem der Verzicht auf Sonderzahlungen und Einschränkungen bei künftigen Tarifsteigerungen. Die Musikerinnen und Musiker der Robert-Schumann-Philharmonie haben bereits ihre Bereitschaft erklärt, auf Teile ihres Gehalts zu verzichten.

Dittrich sieht Grenzen der Einsparungen erreicht
Nach Einschätzung Dittrichs lassen sich weitere Kürzungen kaum noch auffangen, ohne die künstlerische Qualität zu gefährden. An Stadt- und Landestheatern entfielen in der Regel mehr als 80 Prozent der Ausgaben auf das Personal. Fehlten spezialisierte Fachkräfte wie Rüstmeister, Maskenbildnerinnen, Orchestermusiker oder Schauspieler, könne der Spielbetrieb nicht mehr im bisherigen Umfang aufrechterhalten werden.
Dittrich zeigte zugleich Verständnis für die schwierige wirtschaftliche Lage des Freistaats. Angesichts der Probleme in der Industrie und finanzieller Engpässe in anderen gesellschaftlichen Bereichen könne die Kultur keine Sonderstellung beanspruchen. Allerdings dürfe der künstlerische Auftrag nicht allein dem Ziel geopfert werden, Haushalte auszugleichen.
Die finanzielle Situation der kommunalen Theater wird zusätzlich dadurch erschwert, dass sie sowohl auf kommunale Zuschüsse als auch auf Landesmittel angewiesen sind. Werden die Zuwendungen des Freistaats gekürzt, geraten auch die langfristigen Finanzierungsmodelle der Häuser unter Druck.
Sorge vor politischer Einflussnahme
Neben den wirtschaftlichen Problemen sieht Dittrich die Gefahr einer zunehmenden politischen Einflussnahme auf die Kultur. Zwar seien die aktuellen Sparmaßnahmen vor allem wirtschaftlich begründet. In einem polarisierten politischen Klima könnten finanzielle Zwänge jedoch auch genutzt werden, um Einfluss auf künstlerische Inhalte zu nehmen.
Mit Blick auf kulturpolitische Forderungen der AfD betonte Dittrich die Bedeutung eines humanistischen Werteverständnisses. Theater müssten Orte bleiben, an denen unterschiedliche gesellschaftliche Positionen aufeinandertreffen könnten. Kunst habe die Aufgabe, Widersprüche sichtbar zu machen und Zwischentöne zuzulassen. Gerade ihre ästhetische und poetische Kraft könne einen Gegenpol zu politischen Vereinfachungen bilden.
Theater hoffen auf Änderungen im Landtag
Die sächsischen Bühnen versuchen derzeit, die geplanten Kürzungen im parlamentarischen Verfahren noch abzuwenden. Bei einer Demonstration auf dem Chemnitzer Theaterplatz machten Kulturschaffende auf die drohenden Folgen aufmerksam. Auch Landtagsabgeordnete nahmen daran teil.
Angesichts der Minderheitsregierung in Sachsen setzen die Theater auf Gespräche mit Abgeordneten verschiedener Fraktionen. Ziel ist es, die Landesförderung zumindest auf dem Niveau von 2026 zu halten. Damit soll die Substanz der Theater und Orchester von Görlitz über Chemnitz bis Annaberg gesichert werden.
Kulturhauptstadtjahr wirkt nach
Dabei verzeichnet das Theater Chemnitz weiterhin eine hohe Nachfrage. Der kulturelle Aufschwung durch das Europäische Kulturhauptstadtjahr 2025 sei nach Angaben Dittrichs noch immer spürbar. Das Festival »Theater der Welt« erreichte eine Auslastung von mehr als 90 Prozent. Auch die Uraufführung der Oper »Rummelplatz« nach dem Roman von Werner Bräunig stieß auf großes Publikumsinteresse.
Das Theater bietet jährlich rund 250 Veranstaltungen im Opernhaus sowie 450 bis 500 Vorstellungen im Schauspielhaus und im Spinnbau an. Auf dem Spielplan stehen unter anderem das Musical »Titanic«, Verdis »Der Troubadour«, die Familienoper »Robin Hood« von Frank Schwemmer und Schillers Komödie »Der Parasit«. Hinzu kommen experimentelle Produktionen des Figurentheaters, Kooperationen mit Musikschulen und Veranstaltungen der freien Szene.
Dittrich sieht darin auch einen Beleg für die gesellschaftliche Bedeutung der Bühnen. Gerade nach dem Kulturhauptstadtjahr sei es wichtig, die gewachsenen kulturellen Strukturen langfristig zu erhalten. Weitere Einsparungen könnten nach seiner Einschätzung nicht nur einzelne Produktionen gefährden, sondern die Leistungsfähigkeit des gesamten Theaterbetriebs dauerhaft schwächen.

