Lieber Simon Rattle,

Oktober 9, 2026
1 min read
Simon Rattle bei der Vertragsverlängerung mit der BR-Intendantin (Foto: BR Konvalin)

herzlichen Glückwunsch zur Vertragsverlängerung bis 2033! Sie wüssten nicht, woanders als in München Sie sein sollten. Und Sie haben angedroht auch danach noch zu bleiben – bis Sie so alt sind wie Herbert Blomstedt! Also bis in alle Ewigkeit. Amen. 

Wie gut es für Sie läuft, hat man bereits bei der Vertragsunterzeichnung gesehen, als Sie und BR-Intendantin Katja Wildermuth mit dem Turteltaubencharme eines frisch verliebten Paares aufgetreten sind.

Nach 16 Jahren in Berlin und drei Jahren in München erklärten Sie in perfektem Englisch: »Ich liebe diese Musikerinnen und Musiker, diese Sängerinnen und Sänger – ich war noch nie glücklicher!« Und tatsächlich, ich glaube: Die Musikerinnen und Musiker lieben Sie auch!

Alles gut also? Wenn man mal von der musikalischen Entwicklung des Orchesters absieht: ja! Der Präzisionsklangkörper von Mariss Jansons ist zu Ihrem Kuddelmuddel-Spielplatz geworden. Ihre Qualität ist es weniger, hart am Sound zu arbeiten, als für gute Laune zu sorgen. Ihre Einspielungen sind weitgehend überflüssig, die Auswahl Ihrer Solisten sehr oft sehr privat gefärbt – und die Präzision von früher: futsch! Das BRSO ist nicht mehr das BRSO, sondern das Orchester von Sir Simon!

Sie tanzen gern in Lederhosen durch München, stehen am Würstelstand oder sind Famehunter beim FC Bayern. Das ist alles legitim. Und ja, die Musikerinnen und Musiker lieben einen Dirigenten, der ihnen alle Freiheiten der Welt gibt.

Aber liebes BRSO: Schaut mal nach Berlin, wie lange es gedauert hat, bis die dortigen Philharmoniker wieder zu alter Stärke zurückgefunden haben. Ihr habt eher ein knuddeliges Maskottchen verlängert als einen musikalischen Chef

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Die fünf Neuerscheinungen der Woche

Fünf neue Aufnahmen, fünf sehr unterschiedliche Welten: Schostakowitsch mit Wucht und Tiefenschärfe, eine fast vergessene Revolutionsoper, Barock zwischen Himmel und Hölle, Fatma Said vor den Pyramiden – und Susan Tomes mit einem

Kulturjournalismus: München steckt im Gestern

Der Musikjournalismus steckt in der Krise: Redaktionen schrumpfen, Magazine verschwinden, vom Schreiben allein kann kaum jemand leben. Doch ausgerechnet die Hochschulen reagieren darauf kaum. Sie modernisieren die Technik, aber nicht den Journalismus.

Was Sachsens Theatern blüht

Sachsens Kulturszene läuft Sturm gegen den geplanten Doppelhaushalt 2027/28. Der Gesamthaushalt wächst auf rund 53,5 Milliarden Euro, bei der Kultur sind dennoch Einschnitte geplant. Wir zeigen, wen es besonders hart trifft.

Verflacht jetzt auch der Deutschlandfunk?

Die letzte Bastion des Kulturauftrags verändert ihren Kurs. Ein internes »Stylebook« des Deutschlandfunks zeigt, wohin die Reise geht: breiter, zugänglicher, gesellschaftlicher. Was als Öffnung gedacht ist, könnte zu einer massiven Verflachung führen

Sony Classical verliert seine Eigenständigkeit

Per Hauber geht, einen Nachfolger gibt es offenbar nicht. Schon 2024 hatte sich Michael Brüggemann zurückgezogen. Sony Classical bleibt – aber seine Eigenständigkeit schwindet. Dahinter steht eine größere Frage: Wie viel ist

Empathietheater statt Regietheater

Unsere Zeit ist brutal. Und an unseren Bühnen wird die Sehnsucht nach Sanftheit immer lauter. Ein neues Theater entsteht: Es will nicht mehr belehren und entlarven, sondern zuhören und berühren und Menschen.