Die Hölle hat ein Gedächtnis. In ihr wird das Vergangene zur dauernden Gegenwart. Pascal Dusapins »Il Viaggio, Dante« macht diese Wiederkehr an der Staatsoper Hannover zu einer bemerkenswerten Theatererfahrung: Claus Guths Inszenierung entwickelt einen Sog, der beinahe zwei Stunden anhält.
Erinnerungen werden körperlich gegenwärtig, vertraute Gestalten bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Musik und Szene greifen so zwingend ineinander, dass auch einzelne Schwächen die Geschlossenheit des Abends kaum beeinträchtigen.
Auch die Produktion hat eine Reise hinter sich: 2022 beim Festival d’Aix-en-Provence in Guths Regie uraufgeführt, gelangte sie 2025 an die Pariser Oper und nun nach Hannover. Am 10. Oktober erlebte Dusapins Werk hier seine deutsche Erstaufführung. Nach »Penthesilea« ist es die zweite Station der Dusapin-Trilogie, mit der sich die Staatsoper über mehrere Spielzeiten dem Komponisten widmet.
Road to Hell
»Operatorium« nennt Dusapin sein Werk, eine Verbindung von Oper und Oratorium. Die persönliche Geschichte Dantes steht innerhalb einer umfassenden Ordnung, in der der Chor kommentiert und richtet. Frédéric Boyers Libretto verschränkt die »Göttliche Komödie« mit der »Vita nova«, Dantes Dichtung über die Liebe zu Beatrice und ihren Tod. Aus der Jenseitsreise wird ein inneres Roadmovie. Seine Stationen führen durch die Erinnerung eines Menschen, dessen Sehnsucht über den Verlust der Geliebten hinaus fortbesteht.
Guths Handschrift ist dabei deutlich zu erkennen. Die Verletzung des Protagonisten als Ausgangspunkt einer Grenzerfahrung und das wiederkehrende Waldmotiv erinnern stellenweise an seinen Salzburger »Don Giovanni«.
Hier eröffnet ein Autounfall die Höllenfahrt. Dante gerät in einen Schwebezustand zwischen Leben und Tod. Der Wald erscheint in den Projektionen von rocafilm häufig wie durch eine Nachtsichtkamera betrachtet. Das Dunkel wird sichtbar, die Orientierung fehlt dennoch. Die vertrauten Motive tragen auch diese Inszenierung, wenngleich sie nicht durchweg neu erscheinen. Guth gibt Dantes Reise die Unruhe eines Fiebertraums, hält sie aber durch wiederkehrende Bilder und Gesten zusammen. Dazu gehört das Anzünden von Beatrices Zigarette. Die kleine Handlung stellt Nähe her und macht zugleich die Distanz zur verlorenen Geliebten spürbar.
Vergangenheit im Präsens
Besonders genau gelingt die Einführung der beiden Dantes. Peter Schöne als Dante und Christel Loetzsch als dessen jüngeres Ich spiegeln im eigenen Studierzimmer zunächst gegenseitig ihre Bewegungen. Dante muss sich zu dem Menschen verhalten, der er einmal war. Diese Verdoppelung, die nicht aus dem Originaltext hervorgeht, sondern von Dusapin eingeführt wurde, gehört zu den stärksten szenischen Setzungen des Abends.
Das Spiel mit den Zeitformen durchzieht die Reise. Der Chor spricht von denen, die einen Totentanz tanzten, während dieser sich vor unseren Augen weiter vollzieht. Vergangenheit wird erzählt und zugleich durchlebt. Gerade darin liegt die beklemmende Konsequenz dieser Höllenfahrt.
In der Vorhölle findet Guth dafür eines seiner eindringlichsten Bilder. Sie wird zum Wartezimmer, bevölkert von blinden, entleerten Gestalten. Ihre Körper bleiben zurück, während die Seelen durch den Raum zu fahren scheinen, die Körper gelegentlich erfassen und schütteln. Die von Evie Poaros mitbetreute und einstudierte Choreografie macht diesen Zustand mit großer Genauigkeit erfahrbar.
Etienne Pluss’ wandelbare Bühne überzeugt auch durch ihr Spiel mit der Perspektive. Das Portal verändert den Blick auf das Geschehen; über Beatrice legt es sich wie ein Sargdeckel. Schwarz verhüllte Gestalten erinnern zunächst an abgedeckte Museumsstücke. Nach und nach werden sie freigelegt, mit ihnen treten die menschlichen Verfehlungen hervor.
Die teuflische Geliebte
Dem Ensemble ist die Vertrautheit mit den Anforderungen dieser Musik anzumerken. Die extremen Lagen und wechselnden Klangzustände finden überwiegend eine sichere sängerische und darstellerische Umsetzung. Diese Erfahrung trägt dazu bei, dass Dusapins Figuren trotz der rätselhaften Handlung unmittelbar wirken.

Peter Schöne bewältigt als Dante seine beinahe zweistündige Bühnenpräsenz fabelhaft. Sein Rollendebüt trägt den Abend durch die wechselnden Zustände der Figur. Inmitten der sich verwandelnden Erscheinungen bleibt seine Darstellung der Bezugspunkt.
Die wohl stärkste Verbindung von Gesang und Schauspiel gelingt Carmen Fuggiss als Stimme der Verdammten. Ihre weibliche Teufelsgestalt steht exemplarisch für eine Inszenierung, in der die Verwechslung selbst zur Höllenerfahrung wird. Sie tritt als Beatrice auf. Der Schrecken trägt das Gesicht der ersehnten Geliebten; mit dem Abnehmen der Perücke kippt das vertraute Bild. Fuggiss verleiht diesem Umschlag enorme Präsenz.
Auch die Frauenpartien verlangen eine beträchtliche vokale Spannweite. Ketevan Chuntishvilis Beatrice und Olga Jelínkovás Lucia bewegen sich durch extreme Höhen, die den Stimmen viel abverlangen. Jelínková erklimmt die Spitzen ihrer Partie souverän. Auf der Bühne wirkt ihre Figur dagegen stellenweise desorientiert. Das Auge in ihrer Hand kennzeichnet Lucia als Schutzheilige des Augenlichts, doch bleibt die Gestalt eigentümlich schwer zu fassen. Wie weit diese Unsicherheit zur szenischen Anlage gehört, bleibt offen. In einzelnen Momenten verliert die Darstellung dadurch an Klarheit.
Norman D. Patzke bleibt als Virgilio, der Dante durch das Geschehen führt, sängerisch im Schatten seiner Ensemblekollegen. Auch seine Bühnenpräsenz erreicht kaum das Gewicht, das dieser Wegbegleiter haben könnte. Seine Funktion ist verständlich, die Figur bleibt blass.
Christian Dieterles Erzähler wirkt in seinem Glitzeranzug wie ein pensionierter Showmaster, der noch einmal durch ein sonderbares Programm führt. Schon seine Erscheinung bricht die düstere Bilderwelt. Zusammen mit seinen beiden weiß gekleideten Gehilfen bringt er als Einziger einen deutlich komödiantischen Ton in den Abend. Die Sprechrolle steht quer zum Geschehen und gibt ihm gerade dadurch einen wirksamen Rahmen. Nicht jeder dieser Auftritte entgeht allerdings der Gefahr, die beklemmende Wirkung der Inszenierung eher zu unterbrechen als produktiv zu brechen.
Das Jenseits im Graben
Die ästhetische Geschlossenheit beruht wesentlich auf Dusapins Musik. Unter Roland Kluttig trägt das Niedersächsische Staatsorchester Hannover die rätselhafte Geschichte mit einer stabilen, in ihren wechselnden Dichten überzeugenden Leistung. Dusapins Klangflächen reichen von beinahe durchsichtigen Schichten bis zu massiven Verdichtungen. Sie schieben sich ineinander, verhaken sich, driften auseinander und verlieren an ihren Rändern ihre Kontur.
Dabei besitzt die Musik eine eigene, bisweilen archaisch wirkende Schönheit. Die transparenten, vor allem durch die Glasharmonika geprägten Passagen öffnen Räume, die Verdichtungen üben Druck aus. Dieser Wechsel unterstützt Guths Spiel mit Nähe und Distanz: Auch im Klang verändert sich fortwährend, was greifbar erscheint und was sich wieder entzieht. Auf Dauer drohen sich diese Zustände allerdings bisweilen zu ähneln; nicht jede Verdichtung entwickelt dieselbe dramatische Dringlichkeit.
Schon zu Beginn kommt das Jenseits aus dem Orchestergraben: Der von Lorenzo Da Rio einstudierte Chor der Staatsoper Hannover summt mahnend, die Orgel antwortet. Später richtet und drängt der Chor; Glockenschläge verleihen seinen Einsätzen etwas Unausweichliches. Seine Funktion erinnert an den Chor der griechischen Tragödie, während im Klang eine sakrale Ordnung gegenwärtig bleibt.
Wessen Erlösung?
Eine Frage bleibt in dieser konsequent aus Dantes Sicht erzählten Reise bestehen: Wie viel Eigenleben erhält die von Ketevan Chuntishvili verkörperte Beatrice? Wieder trägt eine Frau das Sehnsuchtsbild eines Mannes. Ihre Erscheinung verspricht Trost und Erlösung, ihr Verlust setzt seine Reise in Gang. Guth führt die Macht dieses Bildes eindringlich vor. Die Person dahinter bleibt jedoch schwer erreichbar. Dass die Inszenierung dieses Problem sichtbar macht, löst es noch nicht.
»Il Viaggio, Dante« zeigt, wie unmittelbar zeitgenössisches Musiktheater wirken kann. Dusapins Musik und Guths Inszenierung ziehen das Publikum in Dantes Erinnerungsraum und halten die Spannung beinahe zwei Stunden lang. Nicht jede Figur gewinnt dabei Kontur, nicht jede musikalische Verdichtung dieselbe zwingende Kraft. Doch die stärksten Bilder und Klänge wirken weit über den Abend hinaus. Denn diese Hölle endet nicht mit Dantes Reise: Sie bleibt dort gegenwärtig, wo Erinnerung sich nicht mehr von der Gegenwart trennen lässt

