Man wird ja wohl noch fragen dürfen

September 8, 2026
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Mail-Anfragen sind journalistisches Handwerk – aber nicht immer werden sie konkret beantwortet.

Der SWR stellt kritische Fragen – beantwortet sie aber selbst nicht immer gern. Auch arte schweigt, wenn es unangenehm wird. Über öffentlich-rechtliche Doppelmoral, mangelnde Transparenz und die Frage: Gelten journalistische Regeln in der Kultur eigentlich für alle?

Als BackstageClassical in den Sommerferien war, erreichte uns eine Mail der SWR-Redaktion Treffpunkt Klassik. Dem Sender waren – wie vielen anderen in den letzten Monaten – die Texte unseres Autors Karl Keller aufgefallen: pointierte Kritiken am Klassik-Betrieb, kluge Einordnungen von Klassik-Phänomenen und bissige Kommentare zu Modeerscheinungen in der Welt der Musik.

Schon nach Kellers erstem Text über den Versuch der Tonhalle in Zürich, junges Publikum anzulocken, haben wir hinter den Kulissen unterschiedliche Gerüchte gehört: Die Artikel seien KI-generiert und Keller ein Pseudonym! Redakteur Malte Hemmerich vom SWR wollte es nun genauer wissen. Nein, anders: Hemmerich glaubte, es genauer zu wissen. Er fragte nicht, ob es sich bei Karl Keller um ein Pseudonym handelt, sondern schrieb mir: »Kannst Du uns bestätigen, dass es sich bei Karl Keller um ein Pseudonym von Dir handelt?« Das ist keine offene Anfrage, sondern eine eher unangenehm formulierte Gewissheit. Als Erklärung für die Anfrage schrieb Hemmerich, dass sein Sender einen »Beitrag zu Sinn und Unsinn von Pseudonymen in der Klassikberichterstattung« plane.

Fakt ist: Karl Keller ist nicht mein Pseudonym. Doch darum soll es an dieser Stelle gar nicht gehen. Viel spannender finde ich dieses verschrobene journalistische Verständnis. Natürlich ist es nicht nur legitim, sondern Teil des journalistischen Handwerks, Gerüchte, Vermutungen und selbst eigene Recherchen durch Nachfragen bei den Betroffenen zu verifizieren – und gegebenenfalls deren Perspektive in die Texte zu integrieren. Das sind grundsätzliche Spielregeln des Journalismus.

Absurd wird es, wenn ausgerechnet der SWR, der in unserem Fall weniger ergebnisoffen, sondern mit einer latent überheblichen Gewissheit angefragt hat, selber bei Anfragen eher sparsam mit Antworten ist.

Schweigen bei eigenen Misständen

Immer wieder hatte BackstageClassical die Verantwortlichen des Senders um Stellungnahmen etwa zur Causa Teodor Currentzis gebeten. Intendant Kai Gniffke ließ dabei gern seine Mitartbeiterinnen die Kommunikation machen – und wesentliche Fragen blieben vom Sender zum Teil unbeantwortet. Etwa die nach der moralischen Bewertung von Musikerinnen und Musikern aus Currentzis’ russischem Umfeld, von denen einige Lieder für die russische Front im Krieg gegen die Ukraine geschrieben haben.

Auch in der Causa François-Xavier Roth ging der SWR mit der Beantwortung konkreter Presseanfragen oft sehr »offen« um, etwa mit Verweis auf interne Prozesse. Stattdessen wurden innerhalb des Hauses Mails verschickt, die Angestellte des Senders an ihre Verschwiegenheit erinnerten. Transparenz im Umgang mit kritischem Verhalten sieht anders aus.

Und der SWR ist nicht allein mit seiner willkürlich wirkenden Bereitschaft, auf Medienanfragen zu antworten. Vor Ausstrahlung der Carmen von den Salzburger Festspielen hat BackstageClassical die Verantwortlichen beim Fernsehsender arte um ein Statement gebeten. Die Frage war durchaus naheliegend: Wie positioniert sich ein explizit europäischer Sender dazu, ausgerechnet Teodor Currentzis eine Plattform zu bieten? Einen Dirigenten, dessen russisches Ensemble MusicAeterna weiterhin von staatsnahen Firmen wie der VTB-Bank und Gazprom unterstützt wird und der dem Spiegel erklärte: »Wie kann es sein, dass es in Europa keine Redefreiheit mehr gibt?« Noch schlimmer sei, dass es »nicht mal mehr die Freiheit zu schweigen« gebe, sagte Currentzis damals. Den Umgang europäischer Kulturinstitutionen mit ihm verglich der Dirigent sogar mit Erfahrungen aus der griechischen Militärdiktatur.

Auch arte bleibt bei heiklen Themen still

Man muss diese Haltung nicht skandalisieren. Aber man darf einen europäischen Sender wohl fragen, wie er sie bewertet. Trotz einer Antwortfrist von über einer Woche kam zunächst keine Antwort von arte. Auf unsere Nachfrage, ob wir vielleicht etwas in unserem Posteingang übersehen hätten, schrieb eine Sprecherin lediglich, dass sie der Sache noch einmal nachgehen wolle. Der Eindruck drängt sich auf, dass arte hier lieber schwieg, statt sich – so wie man es in seinen eigenen journalistischen Formaten von anderen erwartet – klar zu positionieren.

Natürlich müssen SWR und arte nicht jede Frage beantworten. Aber der Widerspruch liegt auf der Hand: Journalistische Redaktionen fordern Transparenz, Antworten und Stellungnahmen von anderen ein. Wenn ihre eigenen Häuser Gegenstand journalistischer Recherche werden, scheinen diese Regeln plötzlich weniger verbindlich.

Gerade jetzt ist Transparenz wichtig

Ich bin ein großer Verfechter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Nie zuvor in seiner Geschichte wurde er so massiv angegriffen – besonders von nationalistischen politischen Strömungen, die eine Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks fordern. Nicht zuletzt die Wahl in Sachsen-Anhalt zeigt, wie fragil das mediale System ist. Aber gerade in dieser Situation wäre es um so wichtiger für Sender wie den SWR oder arte, die Spielregeln des Journalismus nicht nur von anderen einzufordern, sondern in Sachen Transparenz und Offenheit mit gutem Beispiel voranzugehen. Aus Angst vor Kontroversen oder aus Taktik, damit das eigene, öffentlich umstrittene Handeln nicht zum großen Thema wird, auf Transparenz zu verzichten, ist gerade in der aktuellen politischen Situation fahrlässig.

Genau einen Monat nach meiner Anfrage und fast eine Woche nach unserem erneuten Nachhaken hat arte dann doch noch geantwortet. Allerdings weniger auf unsere konkrete Frage, wie der Sender europäische Werte mit dem Auftritt eines Dirigenten vereinbaren kann, dessen Ensemble in Russland von VTB und Gazprom gefördert wird, sondern mit der lapidaren Erklärung: »arte hat die Neuinszenierung von Bizets Carmen mit Asmik Grigorian in der Titelrolle bei den Salzburger Festspielen aufgrund ihrer künstlerischen und programmlichen Bedeutung übertragen. (…) Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat den Auftrag, bedeutende kulturelle Ereignisse zugänglich zu machen. Die Übertragung impliziert keine Bewertung der persönlichen oder politischen Positionen von Beteiligten.« Mit diesen Worten soll allerdings kein leitender Redakteur zitiert werden, heißt es explizit in der Mail, sondern die anonymisierte »arte-Peressestelle«.

Unsere Nachfrage beim SWR, ob der Bericht über Pseudonyme denn nun erschienen sei und welche anderen Namen außer Karl Keller vorkämen, wurde Wochen nach unserer ersten Antwort lapidar mit einen Satz beantwortet: »Wir haben bisher noch nichts über Pseudonyme gemacht.«

Übrigens: Eine Nachfrage beim SWR, ob der Bericht über Pseudonyme denn nun erschienen sei und welche anderen Namen außer Karl Keller vorkämen, wurde Wochen nach unserer ersten Antwort lapidar mit dem einen Satz beantwortet: »Wir haben bisher noch nichts über Pseudonyme gemacht.«

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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