Gut abgehangener Skandal

Mai 19, 2026
4 mins read

Im dritten und letzten Teil unseres Saisonchecks schauen wir nach Hannover,  Stuttgart, Nürnberg, Wien und Berlin.

In den ersten beiden Teilen unseres Saisonchecks war die neue Vielfalt der Stile auffällig. Im dritten Teil regiert eher ein wenig Einfallslosigkeit: Alte Provokations-Garanten, Ex-Intendanten als Regisseure … Da geht mehr!

Oper Hannover

Bodo Busses Oper in Hannover scheint auf den ersten Blick oben gute Laune, unten gute Laune, hinten gute Laune und überhaupt, viel Spaß an der Oper zu haben! Auf jeden Fall wird das Singspiel in Hannover diese Saison lustvoll auf die Psycho-Couch gelegt. 

Klar, da sind die Klassiker mit den sicheren Regie-Bänken, Pique Dame, inszeniert vom eher soliden Roland Schwab. Neben GMD Francesco Angelico (guter Zuwachs aus Kassel!) dirigiert auch Tobias Wögerer. Ebenso wie bei Madame Butterfly, die von Manuel Schmitt in Szene gesetzt wird. Philipp Grigorian zeichnet für Rosinas La Cenerentola verantwortlich. 

Spannend wird es, wenn Claus Guth das Neuhören in Szene setzt: Pascal Dusapins Il Viaggio Dante schickt den Menschen in sieben Bildern auf einem inneren »Roadmovie« durch seine eigenen Erinnerungen. Auch das Oratorium La Giuditta von Alessandro Scarlatti (Roman Hovenbitzer) dürfte spannend werden. Einen Klassiker in Überarbeitung zeigt  Eva-Maria Höckmayr in Fidelio: Focus & Fade.  Die Singspiel-Dialoge der Oper treffen auf Geräusche, die Arien auf weitere Musik von Beethoven und anderen. Psychologisch wird es auch bei Ich, ich, ich, einer komischen psychotherapeutischen Oper (Trauer um den Tod einer Katze!) von Raquel García-Tomás und bei Nur zu Deinem Besten von Raquel García-Tomás und Victoria Szpunberg – hier geht es um ein Kind, das seine Eltern in die Seniorenresidenz schicken will. 

Zur Saisonvorschau hier entlang.

Gesamteindruck: ★★★★☆
Kampagnen-Look: ★★★★☆
Innovation: ★★★★☆
Von der Opern-Stange: ★★★☆☆

Oper Stuttgart

Was ist denn mit Viktor Schoner los? Sein neues Stuttgart-Programm wirkt ziemlich abgehangen: Olle Regie-Kamellen von Benedikt von Peters, Milo Rau oder Axel Ranisch. Und im Zentrum – trotz der Männer-Macht – die Frauen: Katie Mitchell wird Donizettis Lucia di Lammermoor als Drama um weibliche Autonomie in Szene setzen. 

Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk wird vom neuen Generalmusikdirektor, Nicholas Carter, dirigiert – Regie führt Ulrike Schwab. Und das Frauendrama der La Traviata bringt Benedikt von Peters in seiner typischen (gähn!) Lesart auf die Bühne: Ein Tisch, ein Stuhl, im Hintergrund das Orchester, der ganze Fokus liegt auf Violetta von Nicole Chevalier. Im Rosenkavalier wird Axel Ranisch dann hoffentlich mal eine Oper so inszenieren, dass sie seinen wirklich guten Filmen das Wasser reicht. Titus Engel wird Alceste dirigieren, und der Mann für den Skandal ist dieses Mal: Milo Rau.

Immerhin: Lustig ist die Idee, Die drei ??? und das Spiegelkabinett in die Oper zu holen. Die drei Kult-Detektive aus Rocky Beach auf der Notenspur von Gordon Kampe. Eine interessante Uraufführung könnte auch Atatürk sein, eine Oper von Bassem Akiki, der Fragt, wie viel Zukunft im Traum einer Nation steckt. Regisseur Ersan Mondtag sucht dazu surreale Bildwelten.

 Zur Saisonvorschau hier entlang.

Gesamteindruck: ★★☆☆☆
Kampagnen-Look: ★★★☆☆
Innovation: ★★☆☆☆
Von der Opern-Stange: ★★★☆☆

Staatstheater Nürnberg

Jens-Daniel Herzog macht im besten Sinne Theater für die ganze Stadt: Eine solide (und spannende) Mischung aus Entdeckungen, Klassikern, bewährten Regisseurinnen und Regisseuren und – einigen Überraschungen.

Da ist zum einen Wagners Tannhäuser, in Szene gesetzt von Barbora Horáková Joly. Vera Nemirova wird sich um Verdis Rigoletto kümmern, und der Hans-Dampf-Puppenspieler Nikolaus Habjan darf sich an Rossinis Schwank Il Barbiere di Siviglia austoben – Christopher Schumann wird dirigieren. Er leitet auch Massenets Werther, GMD Roland Böer Strauss’ Die Schweigsame Frau (konzertant).

Spannend wird die Oper Cosa nostra von Anno Schreier, die im Palermo der 1970er und 80er Jahre spielt. Die sizilianische Mafia trägt brutale Bandenkriege aus, der Rechtsstaat kämpft um seine Macht. Jens-Daniel Herzog wird den Thriller um Freiheit und Gerechtigkeit inszenieren.

Gespannt darf man auch auf Mischa Spolianskys Alles Schwindel sein. Otto Pichler setzt das Stück in Szene, dessen Originalpartitur gerade erst in einem Nachlass wiederentdeckt wurde. Am Staatstheater Nürnberg wird nun erstmalig wieder die großbesetzte Orchesterfassung zu hören sein.

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Gesamteindruck: ★★★★☆
Kampagnen-Look: ★★☆☆☆
Innovation: ★★☆☆☆
Von der Opern-Stange: ★★★☆☆

Volksoper Wien

Lotte de Beers Wiener Volksoper ist ein Phänomen. Die Intendantin hat es geschafft, ihr Haus vollkommen neu zu positionieren: Ein diverses, junges Publikum, das – und das ist das Erstaunliche – über oft konventionelle und eher hausbackene Inszenierungen jubelt. Egal, wie man dazu steht: Die Volksoper hat ein ureigenes und erfolgreiches Regenbogen-Wien-Image begründet, das sie auch in dieser Spielzeit ausführlich pflegt.

Hausherrin de Beer inszeniert neben dem Musical Chicago (Gareth Valentine dirigiert) auch Mozarts Così fan tutte (Dirigent Leo Hussain). Eher klassisch mutet an, wenn Rache Hewer das Doppel Die sieben Todsünden und Gianni Schicchi in Szene setzt oder Martin G. Berger Hello Dolly!

Aber dann wird es doch etwas ausgefallener: Julia Edtmeier wird eine Austro-Pop-Revue mit dem Titel Zur heißen Zitrone auf die Bühne bringen,die Operette Der Opernball von Richard Heuberger wird von Moritz Franz Reichl ins Paris der Belle Époque gelegt, und auch bei Schnitzlers Reigen wird es um die Frage nach der Welt hinter der Ehefassade gehen. Die Oper von Philippe Boesans wird die Sängerin und Volksopern-Grand Dame, Annette Dasch, inszenieren.

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Gesamteindruck: ★★★☆☆
Kampagnen-Look: ★★★★☆
Innovation: ★★★☆☆
Von der Opern-Stange: ★☆☆☆☆

Komische Oper Berlin

Die Komische Oper ist schon komisch. Da gibt es eine Kointendanz aus zwei Menschen – Susanne Moser und Philip Bröking – aber denen fällt in den letzten Jahren hauptsächlich ein, den Ex-Intendanten zurück ans Haus zu holen. Und so ist auch diese Saison an der Komischen Oper wenig überraschend: der alte Hausherr, Barrie Kosky, inszeniert dieses Mal nicht nur den Lear von Aribert Reimann im Flughafen Tempelhof – das vierte Spektakel nach Jesus Christ Superstar, Messias und Das Floß der Medusa. Kosky, der auch sonst überall in der Welt heruminszeniert, bringt an der Komischen Oper auch noch Porgy and Bess auf die Bühne. Selbst die Revue Casta Diva erinnert an alte Kosky-Zeiten: Seine Muse Dagmar Manzel wird heuer eine Figur verkörpern, »die sie nicht selbst ist, die sie aber sein könnte, wenn sie nicht sie selbst wäre.« 

Immerhin: Freuen darf man sich auf Karol Szymanowskis Król Roger, inszeniert von Evgeny Titov als existenzieller Trip des sizilianischen Königs, der sich am Ende »ganz bewusst für sein eigenes, sein wahres und lange verschüttetes Selbst zu entscheidet.«Eine große Gaudi wird sicherlich auch Gerhard Kneifels DDR-Musical Bretter, die die Welt bedeuten, inszeniert von der Österreicherin Ruth Brauer-Kvam. Außerdem steht noch der Puccini-Klassiker Madame Butterfly auf dem Programm, eine Koproduktion von Andrea Breths Aix-En-Provence-Inszenierung.

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Gesamteindruck: ★☆☆☆☆
Kampagnen-Look: ★★★☆☆
Innovation: ★☆☆☆☆
Von der Opern-Stange: ★★★★☆

Zum Teil1 des Saisonchecks
Zum Teil2 des Saisonchecks

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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