In den kommenden Tagen entscheidet die GEMA über Reformen. Die Trennung von E und U wirkt überholt – von Existenzangst sind beide Seiten betroffen. Während U-Komponisten die KI fürchten, bangen E-Komponisten um ihre ohnehin fragile Basis. Eine Einordnung von Shoko Kuroe
In den nächsten Tagen soll über weitgehende Reformen bei der GEMA abgestimmt werden. Eine Reform ist tatsächlich überfällig. Wer kann heute noch auf Anhieb sicher sagen, ob Komponisten wie Ludovico Einaudi, Philip Glass oder Astor Piazzolla eindeutig E oder U sind? Und was ist mit Werken, in denen beides bewusst gemischt wird – oder mit Klanginstallationen, die sich jeder einfachen Zuordnung entziehen? Was bei der aktuellen Debatte aber besonders auffällt, ist etwas anderes: die Existenzangst an der Basis. Und zwar auf beiden Seiten.
Der U-Komponist, der sein Geld bislang oft unter Zeitdruck im Auftrag verdient hat – etwa mit Werbemusik im gewünschten Stil –, sieht sich zunehmend durch KI bedroht. Entsprechend stellt sich für ihn die berechtigte Frage, warum er, während er selbst um seine Existenz kämpft, weiterhin einen Teil seiner GEMA-Tantiemen an einen E-Komponisten abgeben soll, dessen Werk gerade in der Philharmonie aufgeführt wurde.
Der E-Komponist hingegen, der fleißig komponiert, seinen Lebensunterhalt etwa mit einem Lehrauftrag in einer entfernten Stadt sichert und mit großem Engagement Aufführungen organisiert, fürchtet um seine Existenz als Contemporary-Classical-Komponist. Denn seine Werke laufen oft nicht im Konzerthaus, sondern in kleineren, alternativen Kulturzentren – nicht selten ohne Eintritt.
Ambivalente Situation
Auch die Rolle der Institutionen ist in dieser Situation ambivalent. Die E-Musik legitimiert ihre bisherige Förderung unter anderem damit, dass auch die U-Musik langfristig von ihren Experimenten und Entwicklungen profitiert. Gleichzeitig untergräbt man diese Argumentation, wenn etwa aus Hochschulkreisen zu hören ist, es könne »verantwortungslos« sein, weiterhin »für Bereiche auszubilden, die keine berufliche Perspektive mehr bieten«. Wenn man selbst nicht daran glaubt, dass ein fundiertes E-Studium auch dann trägt, wenn Absolventen später aus finanziellen Gründen in U-Bereiche wechseln, wird es schwierig, die eigene Relevanz nach außen überzeugend zu vertreten.
So entsteht ein Klima, in dem Angst den Ton angibt. In solchen Situationen werden Menschen anfällig: für vereinfachte Polemiken, für Schuldzuweisungen, dafür, gegeneinander ausgespielt zu werden.
Die eigentlichen Gewinner sind dabei weder U noch E, sondern vor allem die großen Akteure der Musikindustrie, die Produktion, Verwertung und Distribution unter einem Dach bündeln. Sie profitieren von der strukturellen Abhängigkeit: Viele Kulturschaffende wissen, dass ohne diese Globalplayer vieles im System nicht mehr funktioniert – und arrangieren sich notgedrungen damit. Dieser Pragmatismus hat jedoch seinen Preis, denn er untergräbt das Selbstverständnis von Musik als etwas, das Gemeinwohl vermittelt und kulturelle Brücken baut.
Gewinner ist die Industrie
Für die zeitgenössische Klassik – E-Musik, Neue Musik, Kunstmusik, Contemporary Classical – ist diese Entwicklung besonders heikel. Es ist übertrieben zu behaupten, ein E-Komponist werde nach der Reform nicht überleben können. Möglichkeiten zur Existenzsicherung gibt es: unterrichten, als Instrumentalist arbeiten, Gebrauchsmusik schreiben oder einen Brotjob annehmen. Viele tun das ohnehin schon. Doch all das wirkt sich auf Quantität und Qualität der E-Musik aus. Daraus entsteht ein Kreislauf: Was seltener stattfindet, wirkt weniger relevant – und wird genau deshalb weiter zurückgedrängt.
Die Sichtbarkeit ist ohnehin ein Problem. Innerhalb der Klassik bleibt zeitgenössische Musik eine Nische: Das historische Repertoire – etwa Beethoven oder Chopin – ist beim Publikum beliebter, für Interpreten oft weniger aufwendig und für Veranstalter wirtschaftlich kalkulierbarer. Gleichzeitig sind E-Komponisten unter den heute tätigen Komponisten in der Minderheit, da Bereiche wie Pop, Rock, Game- und Filmmusik deutlich präsenter sind.
Hinzu kommt eine Besonderheit der Klassik: die Arbeitsteilung zwischen Komponisten und Interpreten. Ob ein Werk in einem renommierten Konzerthaus aufgeführt wird, hängt nicht nur vom Werk selbst ab, sondern auch von der Reputation der Interpreten. Sie »covern« das Werk nicht, sondern studieren die Partitur ein und bringen sie erst zum Klingen – und machen die Musik damit überhaupt hörbar. (GEMA-technisch gelten die Interpreten dabei als Musiknutzer, auf einer Ebene mit Restaurants, die Musik abspielen. Die verbreitete Annahme, Interpreten erhielten automatisch GEMA-Ausschüttungen, ist ein Irrtum.)
Die Klassik baut auf Vergangenheit auf und blickt zugleich in die Zukunft. Diese Traditionslinie fortzuführen bedeutet Verantwortung. Welche Wege zu neuen Ufern führen und welche in Sackgassen enden, zeigt sich oft erst im Rückblick. Manche Werke brauchen Jahrzehnte, bis ihr Wert erkannt wird und sie ihren Platz im Repertoire finden. Die GEMA ist nicht zuletzt aus solchen Überlegungen entstanden – um individuelle Risiken abzufedern.
Fortführung der Musikgeschichte
Aus der Perspektive der Praxis ist für mich vor allem faszinierend: das Erlebnis bei der Einstudierung zeitgenössischer Klassik. Dieses Gefühl, dass das eigene Denken und Empfinden durchgerüttelt wird. Danach hört man auch vertraute Werke des klassischen Repertoires mit anderen Ohren. Und bei manchen Stücken entsteht schon heute die Ahnung, dass sie in hundert Jahren selbstverständlicher Teil dieses Repertoires sein werden. Auch dafür wären mehr Aufführungen hilfreich.
Es geht um die Fortführung der Musikgeschichte – das steht auch nicht im Widerspruch zur Vielfalt. Eine lebendige Zukunft für alle Künste gelingt nur mit positiver und resilienter Energie. Man darf sich nicht von Angst treiben lassen.
