
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
heute geht es um Verantwortung: In der musikalischen Lehre, im Feuilleton, in der Kulturförderung, in unseren Debattenräumen – und natürlich bei den Salzburger Festspielen. Genießen Sie die Ostertage. Ein dicker Newsletter, damit Sie in den Ostertagen etwas zu tun haben!
Deutsches Feuilleton: Mehr Verantwortung im Journalismus
Auch bei den Salzburger Osterfestspielen war das aktuelle Chaos bei den Sommerfestspielen Thema. Eine prominente Kulturmanagerin sagte mir, wie erstaunt sie sei, dass rüpelhaftes Verhalten von Intendanten – gerade bei Internationalen Festspielen – in unserer Zeit überhaupt noch möglich sei. Und das ist tatsächlich eine Kernfrage. Trägt auch das Feuilleton eine Mitschuld? Warum solidarisieren sich so viele Kulturjournalisten mit bewusst machtvoll auftretenden Alpha-Künstlern? Ich habe in einigen Texten aus der Ecke von »Eleonore Brug-Brachmann« nachgeschaut und versucht, die Dinge ein wenig zu sortieren: Kluger Journalismus? Merkwürdige Abhängigkeiten? Die Verteidigung eines Macht-Systems, das im Journalismus längst untergegangen ist? Selten habe ich so viel Post auf einen Text bekommen – sehr viel Zustimmung, aber auch Kritik. Ein Musikkritiker schrieb mir empört: »Kollegenschelte ist widerlich. Es ist eine unterirdische Haltung.« Wirklich? Ich sehe das anders: Es ist unabdingbar, dass auch die Kritik der Kritik unterliegt – ebenso wie die Strukturen, in denen sie aufgeschrieben wird. Hier geht es zu meinem Essay.

Kulturförderung: Mehr Verantwortung – aus »Gründen«
Wolfram Weimer macht gerade vor, wie man Kultur besser nicht fördern sollte: ideologisch. Aber in manchen Gemeinden wie Ingolstadt, ist Kulturförderung kaum noch möglich. Kultur wird gefördert, um Systeme zu begünstigen, in denen gleichberechtigt frei und ohne Grenzen gedacht werden kann. Der Intendant des Beethovenfests Bonn, Steven Walter, hat bei BackstageClassical darüber nachgedacht, was eigentlich die wahren Gründe für Förderung von Kultur sein könnten. Sein Hauptgrund: Dass die Kultur uns Gründe gibt – für so ziemlich alles. Lesen Sie hier.
Wiener Philharmoniker: Mehr Verantwortung in der Debatte

Kritik ist Grundlage der Kultur. Oder anders: Ein wesentlicher Sinn in der Kultur liegt darin, dass wir durch sie über viele Dinge streiten können. Ich habe bei BackstageClassical in den letzten Monaten sehr kritisch über die musikalische Qualität und die strukturelle Ausrichtung der Wiener Philharmoniker berichtet. Zugegeben: durchaus bissig. Das Orchester hat mich zu einem zunächst inoffiziellen Meinungsaustausch eingeladen. Gemeinsam mit den Philharmoniker-Vorständen Daniel Forschauer und Michael Bladerer habe ich gemerkt, wie viel Spaß es machen kann, eine Sache von unterschiedlichen Standpunkten zu debattieren. Sind Erfolge in den Finanzen und beim Publikum Beweis genug für gute Arbeit? Wie geht ein Tournee-Orchester mit Trumps USA um? Wie schnell muss man sich einer Welt im radikalen Wandel anpassen? Und wann dirigiert endlich eine Frau das Neujahrskonzert? Auch am Ende unseres Gespräches waren wir uns in vielen Dingen weiterhin uneinig, hatten aber Spaß an unserer Debatte. So, dass wir uns für einen Podcast erneut verabredet haben. Und hier ist er!
Markus Hinterhäuser: Mehr Verantwortung in Salzburg
Der Intendant der Salzburger Festspiele wurde beurlaubt. Hintergrund war der Vertrauensverlust zwischen Kuratorium und Markus Hinterhäuser. Ziemlich genau vor einem Jahr befand das Oberlandesgericht Hamburg, dass es legitim sei, wenn wir bei BackstageClassical schreiben, dass Hinterhäuser interne und externe Kritiker zuweilen »aus dem Weg räumt« oder »mundtot« macht. Diese Woche brachte der Spiegel weitere Stimmen über die Amtsführung des Intendanten: »Er schreit Leute an, rennt aus den Räumen, rennt wieder zurück, brüllt weiter, beschimpft unflätig.« Merkwürdig, dass die Öffentlichkeit all das so lange hingenommen hat. Und, nein: Salzburg steckt nicht in der Krise, sondern in einem nötigen Umbruch. Es gibt viele Kandidatinnen und Kandidaten, die den Laden spannend in die Zukunft führen können. Nicht unwahrscheinlich, dass Nikolaus Bachler von den Osterfestspielen erst einmal übernimmt. Legen wir dieses Kapitel also zu den Akten. In meiner abschließenden Konklusion zum Fall Hinterhäuser schreibe ich: »Vielleicht ist das die wahre Moral dieser Ära: Wir dürfen die Augen nicht verschließen, müssen Mut haben, Grenzüberschreitungen zu benennen und dürfen niemals selbst zum Teil eines Klimas der Angst werden.

Kirill Petrenko: Mehr Verantwortung im Ring
Es gibt sie, diese Opernabende, an deren Ende man heimkehrt und erst einmal nachschauen muss, ob all das, was man gehört hat, wirklich so in der Partitur steht. Und, ja: Jedes bislang ungehörte Detail, das Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern in seinem Rheingold bei den Salzburger Osterfestspiele dirigiert hat, steht auch so in den Noten. Schade, dass Kirill Serebrennikovs Leni-Riefenstahl-Ethno-Inszenierung da nicht mithalten konnte – und leider auch viele der Stimme nicht. Aber Petrenko ist in unserer Zeit das für Wagner geworden, was Nikolaus Harnoncourt in seiner Zeit für Mozart war: Sein emotionalster und klügster Denker! Hier meine Hymne an einen Abend des Neuhörens. Philipp von Studnitz hat sich für uns die Schöpfung mit Daniel Harding angehört.
Personalien der Woche
Essens Folkwang Universität der Künste hat die Intendantin des Aalto Theaters, Merle Fahrholz, für das kommende Semester als Dozentin für Dramaturgie bestellt. Am Theater wurde sie wegen ihres Führungsstils kritisiert. Eine Kommission konnte zwar keine »relevanten Verfehlungen« nachweisen, aber die Debatte am Haus ging weiter. Fahrholz selber lässt ihren Vertrag 2027 auslaufen, inzwischen wurde Ex-Dresden-Chef Peter Theiler bestellt, um eine »Brücke in die Zukunft zu bauen«. Die Anfrage von BackstageClassical, ob man die Vergangenheit der Intendantin im Vorfeld thematisiert habe, wurde nicht beantwortet. »Lehraufträge werden an Folkwang aufgrund der fachlich-inhaltlichen Auswahl des zuständigen Fachbereichs vergeben«, hieß es lapidar. Lehrt der Fall Salzburg nicht auch, dass Offenheit und Dialog am Anfang aller Kommunikation stehen sollten? Wie dem auch sei: Am Wochenende feierte in Essen die Premiere von La fanciulla del West große Erfolge – Johannes Mundry berichtet. +++ Alexander Kluge ist gestorben. Er war nicht nur einer der begnadetsten Filmemacher, einer, der Kultur ins Privatfernsehen gezwungen hat, sondern auch ein ganz besonders kluger Opern-Liebhaber, der das »Kraftwerk der Gefühle« beschrieben hat wie kein anderer. Hier unser Nachruf mit einigen seiner besten Klassik-Szenen. +++ Das Hagen-Quartett löst sich auf. Das ist schade: Selten war Klugheit so sinnlich wie hier. Mein Abschiedsbrief.
Briefe von Brüggi
- An die neuen Salzburger Festspiele
- An den Shooting-Star Tarmo Peltokoski
- An den Klassik-Befrager Günther Jauch
- An das sich auflösende Hagen-Quartett

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?
Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Sicherlich ganz und gar bei Kirill Petrenko! Also in der Kunst selbst. Dort, worum es eigentlich immer gehen sollte. BackstageClassical verabschiedet sich nun für eine Woche in die Osterferien. Nicht ohne Ihnen noch einmal zu danken. Denn auch das ist positiv: Im letzten Jahr unserer neuen Seite hatten wir über eine halbe Million aktive Nutzerinnen und Nutzer und mehrere Millionen Klicks. Was viele nicht nicht wissen:Unsere Podcasts laufen inzwischen alle unter dem BacksgageClassical Label (also nicht mehr unter Alles klar, Klassik?). Und die können Sie kostenlos abonnieren: Hier bei apple oder spotify.
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Ich wünsche Ihnen entspannte Ostertage – wir sind vom 7. April an wieder auf BackstageClassical.com für Sie da, der nächste Newsletter erscheint am 13. April.
In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif.
Ihr
Axel Brüggemann

