»Kraftwerk der Gefühle«

März 26, 2026
2 mins read
Der Denker und Opernliebhaber Alexander Kluge (Foto: YouTube)

Alexander Kluge ist tot. Wie der Suhrkamp Verlag mitteilte, starb er bereits am Mittwoch im Alter von 94 Jahren in München.

Alexander Kluge ist tot. Der vielleicht lustvollste aller Operndenker und -Erklärer! Unsere Kunst war für ihn nie bloßes Museum, sondern als Denkraum, Versuchsanordnung, als offenes Archiv der Ideen: »Ein Kraftwerk der Gefühle«!

Arien waren für ihn gespeicherte Erfahrungen, die Oper eine Schule des Hörens und das Pathos der Oper nannte er »gefährlich aber notwendig«. Mit Heiner Müller sprach er über Oper als politischen Denkraum, mit Peter Sloterdijk entwickelte er philosophische Perspektiven auf Pathos, Stimme und das »Erhabene« der Oper. Mit Christoph Schlingensief ging es um radikale Formen des Musiktheaters und um die Aktualisierung der Oper im Heute.

Alexander Kluge im Gespräch mit Heiner Müller

Kluge, der große Collageur des deutschen Geisteslebens, hat sich dem Musiktheater nie von außen genähert. Ihn interessierte nicht die perfekte Aufführung, nicht der »Werkdienst« im herkömmlichen Sinn. Stattdessen suchte er in der Oper das, was unter der Oberfläche liegt: die verborgenen Geschichten, die Brüche, die ungehörten Stimmen. Für ihn war sie kein abgeschlossenes Kunstwerk, sondern ein fortlaufender Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

In seinen Fernsehformaten, Gesprächen und Texten tauchte die Oper immer wieder auf – nicht als elitäres Ereignis, sondern als Speicher menschlicher Extreme. Kluge erzählte von Arien wie von historischen Dokumenten, sezierte ihre Emotionen, stellte sie neben philosophische Fragmente, Kriegsberichte oder Alltagsbeobachtungen. So entstand eine eigentümliche Nähe: Die Oper rückte heran an das Leben, ohne ihre Fremdheit zu verlieren.

Er misstraute dem Pathos – und liebte es zugleich. Diese Spannung machte seine Beschäftigung mit dem Genre so produktiv. Wo andere Ehrfurcht empfanden, setzte Kluge Neugier dagegen. Was bedeutet ein Liebestod heute? Wie klingt Macht im 21. Jahrhundert? Und welche Geschichten bleiben im Schatten der großen Partituren verborgen?

Dass er dabei nie selbst zum Opernregisseur im klassischen Sinn wurde, ist fast folgerichtig. Kluge inszenierte anders: in Gedankenräumen, in Montagen, in der geduldigen Verschiebung von Perspektiven. Seine Oper bestand aus Gesprächen, aus Zitaten, aus überraschenden Verbindungen.

Alexander Kluge über die Oper

Kluge war Schriftsteller, Filmemacher und einer der prägenden Intellektuellen der Bundesrepublik. Als Mitbegründer des Neuen Deutschen Films verband er Kino, Theorie und Literatur zu essayistischen Formen. Seine Arbeiten kreisen um Geschichte, Erinnerung und Öffentlichkeit. In Büchern, Filmen und TV-Gesprächen entwickelte er eine einzigartige Montagekunst – neugierig, widerständig und stets auf der Suche nach neuen Denk- und Erzählformen.

Nun ist diese Stimme verstummt. Was bleibt, ist ein Werk, das die Oper nicht erklärt, sondern geöffnet hat – für Zweifel, für Widerspruch, für neue Erzählungen. Man könnte sagen: Alexander Kluge hat die Oper nicht erneuert. Aber er hat gezeigt, wie lebendig sie sein kann, wenn man sie nicht in Ruhe lässt.

BackstageClassical

BackstageClassical bringt Ihnen Debatten und Nachrichten aus der klassischen Musik. Die Seite ist kostenfrei. Bestellen Sie unseren Newsletter oder unterstützen Sie unseren unabhängigen Musikjournalismus durch Ihre Spende.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Wenn die Wirtschaft die Kultur streicht

Audi streicht Konzerte und Nachwuchsförderung, BWT zieht sich von den Salzburger Festspielen zurück. Gleichzeitig kürzt die öffentliche Hand Kulturhaushalte. Und selbst in den USA wird das Geld knapp. Wer soll die Kultur

Eine Prestige-Oper für Shanghai

Ein weißer Fächer am Ufer des Huangpu, drei Bühnen mit 4.200 Plätzen und ein Dach, das allen gehört: Shanghai hat eines der spektakulärsten Opernhäuser der Welt eröffnet. Der Neubau ist auch ein

Was soll das, Bonn?

Anne Netrebko kommt nach Bonn. Die Hütte ist voll. Den Intendanten freut’s. Aber ist es wirklich ein Grund zur Freude, wenn eine der zweifelsohne bekanntesten, aber auch nicht unumstrittenen Sängerinnen unserer Zeit

Lieber François-Xavier Roth,

Heftige Proteste gegen François-Xavier Roth Bei den Donaueschinger Musiktagen - das richtet sich nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen die SWR-Leitung.

Neue Chefs, alte Konflikte

Auf den Opernbühnen wird protestiert, in Sachsen ums Überleben gekämpft, und auch hinter den Kulissen fliegen die Fetzen. Immerhin: Solange wir streiten, ist unsere Kunst lebendig.

Neue Intendanz rein! Altes Ensemble raus?

Heute Abend protestierten Künstlerinnen und Künstler in Düsseldorf auf offener Bühne gegen Vertragskündigungen durch die neue Intendantin Ina Karr. Und auch in Münster wird gegen den Kurs des designierten Intendanten Neil Barry

Verpassen Sie nicht ...