
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
heute mit einem Showdown in Salzburg, einem merkwürdigen Vogelfänger, mit Zoff um Karajan und endlich einer neuen Podcast-Folge von Takt&taktlos.
Finale im Salzburger Machtkampf
Der Showdown zwischen Salzburg-Intendant Markus Hinterhäuser und dem Kuratorium der Festspiele lief am Donnerstag wie erwartet: Das Kuratorium will den anstehenden Vertrag des Intendanten nicht erfüllen, da Hinterhäuser nach Auffassung aller Mitglieder gegen die dort formulierte »Wohlverhaltensklausel« verstoßen habe. Laut APA eskalierte die Sitzung schnell: »Er hat uns richtig provoziert und dann sogar verlangt, dass sich die Landeshauptfrau (Karoline Edtstadler) und der Bürgermeister (Bernhard Auinger) für ihre Äußerungen in den Medien entschuldigen«, sagte ein Mitglied des Kuratoriums. Jede Wortmeldung sei umgedreht worden. Letztlich habe er sogar bestritten, selbst Fehler begangen zu haben, »was er zuvor in seinem vorgelesenen Statement selbst eingeräumt hatte«.
Offensichtlich wurde Hinterhäuser vorgeschlagen, das von ihm geplante Programm bis 2027 weiter zu betreuen, um dann 2027 frühzeitig (statt 2029 oder 2031) die Festspiele zu verlassen. Stimmt er nicht zu, würde sein alter Vertrag am Ende dieser Festspiele ohne Verlängerung auslaufen. Der Intendant hat bis zum 20. März Zeit, sich zu entscheiden.

An dieser Stelle wurde viel über Hinterhäuser berichtet, BackstageClassical selber hat sich erfolgreich in allen Punkten und in zwei Instanzen gegen eine Klage des Intendanten und seines Präsidiums gewehrt. Am Ende ist Markus Hinterhäuser wohl über sich selber gestolpert. Darüber, dass sein Führungsstil, sein Umgang mit Mitarbeitenden und mit kritischer Presse, einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Und: Dass er genau das nie einsehen hat. Während die Truppen rund um den Intendanten wild um sich schlugen, ließ Landeshauptfrau Edtstadler sich nicht aus der Ruhe bringen und spielte ihr juristisches Schachspiel – Zug um Zug.
Wenn Hinterhäusers Unterstützer nun beklagen, dass »Der König von Salzburg« gestürzt worden sei, liegt darin vielleicht auch die Antwort für seinen Sturz. Über Hinterhäusers Programm kann man durchaus streiten (ich persönlich fand es ebenfalls veraltet), aber der moderne Kulturbetrieb kommt inzwischen ganz gut ohne Sonnenkönige aus. Es ist eine fast schon opernhafte Ironie, dass Hinterhäuser am Ende seiner Amtszeit ähnlich behandelt wird, wie er andere behandelt hat – man erinnere sich an den Rauswurf von Schauspielchefin Marina Davydova.Ich habe den ganzen Fall hier noch einmal aufgedröselt.
Aber das ist ja auch alles Schnee von gestern. Die Frage ist: Wer wird neuer Intendant in Salzburg. Hier geht es zum großen Kandidaten-Check.
Papagenas aufgepasst!
Schlecht beraten war offensichtlich auch Rolando Villazón, als er auf die Idee kam, seine kommende Tournee in jeder Stadt mit einer anderen Sopranistin zu bestreiten, die sich bei ihm zuvor als Papagena bewerben konnte. Villazóns »Papagena-Wettbewerb« sieht keine Entlohnung der Sängerin vor. In Zeiten, in denen wir über prekäre Anstellungsverhältnisse in der Klassik reden und über verschobene Machtstrukturen, hat Papageno sich hier wohl etwas verirrt. Ich habe dem Vogelfänger eine Brieftaube geschickt.

Der Karajan-Streit
Nachdem ich mich vorletzte Woche in einem ausführlichen Podcast mit dem Historiker Michael Wolffsohn über seine Interpretation der Nazi-Vergangenheit von Herbert von Karajan und über sein neues Buch Genie und Gewissen unterhalten habe, meldet der österreichische Historiker Oliver Rathkolb nun massive Bedenken gegen das Buch an. Rathkolb wirft Wolffsohn vor, Karajans frühe nationale Gesinnung herunterzuspielen, seine drei Anträge zum Beitritt in die NSDAP nur anders zu bewerten und akzeptiert nicht, dass die späteren Freundschaften Karajans zu Juden als Beweise gegen seinen Antisemitismus in jungen Jahren herangezogen werden. Rathkolb schlussfolgert in seinem Text: »Karajan hat eine kritische Selbstreflexion immer abgelehnt. Seinem Biographen Robert C. Bachmann gegenüber hingegen hat er gemeint – ‚ich hätte einen Mord begangen, um die Stelle in Aachen zu bekommen‘. Nun liegt es meiner Meinung nach an dem Vorstand des Eliette und Herbert von Karajan Instituts öffentlich zu reagieren und sich nicht hinter Büchern zu verstecken.«
American Nightmares
Endlich geht es weiter: Die erste Folge des BackstageClassical-Podcasts Takt&taktlos im Jahre 2026 ist erschienen. Dieses Mal debattiere ich mit mit Hannah Schmidt das Motto des Lucerne Festival American Dreams, wir reisen in die USA und betrachten die Klassik-Szene unter Trump, erörtern, wie wichtig Reaktionen des Publikums im Theater sind und ob die größte Oper nicht in unserer Wirklichkeit spielt. Außerdem reden wir über den sich wandelnden Markt des Klassik-Journalismus und über Experimente wie staatsoper.tv oder das Gewandhausradio.
Vier Jahre Großoffensive
Unsere Welt ist ein Wahnsinn. Gerade fallen Bomben auf den Iran, und der Großangriff Russlands gegen die Ukraine hat vor vier Jahren begonnen. Ich habe aufgeschrieben, wie dieser Krieg auch die Klassik-Berichterstattung verändert hat. Auch die Kollegen von Opern.news haben eine neue, spannende Recherchevon Stephan Burianek vorgelegt, in der es um die Russland-Verstrickungen von Tenor Dmitry Korchak geht und um seine Frau Anastasia, die als Präsidentin der russlandnahen Stiftung Art Bridge ein Kuratorium mit sanktionierten russischen Eliten und österreichischen Wirtschaftsgrößen führt. Die Reportage soll bereits dazu geführt haben, dass die Wiener Staatsoper Korchaks Engagements überprüft.
Personalien der Woche

Apropos: Wiens Staatsoperndirektor Bogdan Roščić hat ein neues Hobby. Auf Instagram postet er neuerdings gern kluge Sätze von klugen Menschen – als Service der Direktion. Als er nun aber einen Mensch-Schweinevergleich anstellte, und Österreichs Medien-Mufti Christian Mucha das auf sich bezog, hagelte es fürchterliche Kritik. Ich habe Bogdan Roščić einen Brief geschrieben, und ihm auch einen Brief in seinen Direktionskasten gepinnt (siehe Foto oben). Ich verstehe das als kostenlosen Service einer kommunikativen Annäherung! +++ Stefanie heißt die erfundene 52jährige Dame, die sich ein BR-Klassik-Redakteur vorstellen soll, wenn er Programm macht. Stefanie hört Musik hauptsächlich zum emotionalen Management und will – so glaubt es der BR – keine schwerverdaulichen Themen. Mensch, liebe Redakteure beim BR, habt Ihr denn noch nicht gemerkt, dass Eure Steffi seit Jahren eine heftige Affäre mit BackstageClassical hat und wir jeden Abend gemeinsam Bernd Alois Zimmermann hören? +++ Die Pianistin Yuja Wang hat eine Mail des Klassikjournalisten Norman Lebrecht veröffentlicht, in der er sich enttäuscht zeigt, dass sie ein Interview abgelehnt habe. Wang wirft Lebrecht »misogynes Mobbing« vor – der Sender BBC3 stellte daraufhin seine Zusammenarbeit mit Lebrecht ein. +++ Bundeskanzler Friedrich Merz war auf Staatsbesuch in China und will die Beziehungen intensivieren. BackstageClassical erklärt in einem kleinen Essay, wie die kulturellen und musikalischen Beziehungen der beiden Ländern in den letzten 1000 Jahren gewachsen sind.
Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?
Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier! In den letzten Tagen war ich auf der Reeperbahn und habe im Schmidts Tivoli die Aufführung meiner neuen Text-Version von Peter und der der Wolf geprobt: Kein Vogel, keine Katze, kein Großvater. Dafür ein Krimi um den Kiez-Mörder Mucki Pinzner, der während eines Verhörs seine Frau Jutta, den Oberstaatsanwalt und sich selber erschossen hat. Jutta versucht bei uns ihr Leben aus dem Himmel (zu Schuberts Tod und das Mädchen) zu sortieren, dazu gibt es natürlich Musik der 80er – und am Ende eine Art Requiem für Pinzners Opfer. Was mich bei den Proben am meisten begeistert hat: Wie mit dem Tivoli und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg zwei vollkommen unterschiedliche Welten aufeinandergeprallt sind und am Ende beide gemeinsam diese tolle Musik mitten ins Kiez-Leben gestellt haben! Kommen Sie doch gern mal vorbei.
In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif.
Ihr
Axel Brüggemann

