Ein Angebot, das er nicht ablehnen kann

Februar 26, 2026
4 mins read
Karoline Edtstadler macht Markus Hinterhäuser ein Angebot (Karikatur: KI)

Showdown: Das Festspielkuratorium der Salzburger Festspiele hat Markus Hinterhäuser ein Szenario offeriert, über das er nun bis zum 20. März nachdenken kann. Ein Kommentar.  

English summary: Showdown at the Salzburger Festspiele: its board offered director Markus Hinterhäuser a deal to step down, citing loss of trust. Backed by Governor Karoline Edtstadler, the board seeks renewal; supporters frame it as political meddling. The standoff reflects a power and generational clash over leadership and reputation.

Der Showdown verlief nach Plan. Als das Kuratorium der Salzburger Festspiele am Donnerstagnachmittag zusammenkam, um gemeinsam mit Intendant Markus Hinterhäuser die Zukunft zu besprechen, muss ziemlich schnell klar geworden sein, dass beide Seiten mit unterschiedlichen Anliegen aufeinandertrafen. Das Kuratorium wollte den Vertrag des Intendanten vorzeitig auflösen, der Intendant aber wollte offensichtlich bleiben. 

Aus Kreisen der Beteiligten ist hinter vorgehaltener Hand zu hören, dass Hinterhäuser angeboten worden sein soll, die Festspiele nach der Saison 2027 zu verlassen, um die Geschäfte geordnet an einen Nachfolger zu übergeben. Im offiziellen Statement hört sich das allerdings unkonkreter an: Man habe dem Intendanten einen Vorschlag unterbreitet, heißt es, über den der nun nachdenke: »Der Ball liegt bei ihm«. 

Hinterhäusers Verteidigung

Hinterhäuser habe dem Gremium sein Vorgehen bei der Suche nach einer neuen Schauspielchefin erklärt und ein Statement verlesen, in dem es geheißen habe: »Es war nie meine Absicht, am Kuratorium vorbei oder  hinter dem Rücken des Kuratoriums oder mit Umgehung des Kuratoriums« zu versuchen,  »die Person meiner Wahl zu installieren, ich habe das auch nicht getan«. Hinterhäuser wird weiter wie folgt zitiert: »Es sind Fehler in der Kommunikation geschehen, aber die Frage an Sie als Kuratorium sei gestattet: Rechtfertigt das, einen derart massiven Vertrauensverlust medial öffentlich zu verkünden?«

Alles sieht aus, als hätte Markus Hinterhäuser Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler unterschätzt. Sie ist eine mit allen Wassern gewaschene Politikerin. Als sie ihr Amt antrat, übernahm sie mit Hinterhäuser auch den Festspielintendanten ihres Vorgängers Wilfried Haslauer. Viel wurde darüber getuschelt, dass die beiden einander nur wenig schätzen, von üblen Nachreden war die Rede, von Maßregelungen vor Publikum – einige Zeitungen spekulierten auch über eine Intrige gegen Hinterhäuser, inszeniert von Edtstadler und Festspielpräsidentin Kristina Hammer. Fakten für all das gab es keine. Aber klar war, dass die Salzburger Festspielluft brodelte.

Kampagnen gegen Strategie

Das wurde endgültig offenbar, als Edtstadler Hinterhäuser nach der letzten Sitzung des Kuratoriums öffentlich die »Gelbe Karte« zeigte. Wie sollte der Intendant danach noch zu halten sein? Ab jetzt konnte es nur noch Gewinner und Verlierer geben. Und Edtstadler wird genau das gewusst haben. Zumal bald auch eine neue Festspielpräsidentin gewählt werden muss. Würde Hinterhäuser eine weitere Amtszeit von Kristina Hammer kommentarlos schlucken?` 

Unter seinen Unterstützern formierte sich (auch das war für Edtstadler ausrechenbar) schnell ein neues Narrativ: Die Landeshauptfrau würde sich in die künstlerischen Belange einmischen, das Kuratorium der Festspiele erkenne die künstlerische Größe des Intendanten nicht – und überhaupt: Ein vorzeitiges Ende Hinterhäusers würde den Ruf der Festspiele zerstören.

Eine Kampagne, die in erster Linie von Männern wie Österreichs Feuilleton-Auslaufmodellen Heinz Sichrovsky oder Wilhelm Sinkovicz angeführt wurde und in Deutschland von Manuel Brug oder Simon Strauß sekundiert wurde, die in ihren Artikeln wenig über Hinterhäusers Fehlverhalten und Skandale (hier eine Liste) berichteten, sondern sich immer wieder am Verfahren rund um die Schauspielchefin abarbeiteten. Mit ähnlicher Ambition wurde wohl auch eine Unterschriftenliste für den Intendanten zusammengestellt, in der sich viele Künstlerinnen und Künstler wiederfinden, die direkt von Hinterhäusers Festspielplanung profitieren. Erst kürzlich schrieben wir, dass diese Aktion großes Potenzial hat, nach hinten loszugehen. Denn das ist die vielleicht größte Schwäche des Hinterhäuser-Lagers, es kämpft mit veralteten Mitteln: Mit (Männer)-Netzwerken, Schlechtreden der Gegner und der Ignoranz gegenüber eigenen Fehlern.    

Ein Generationenkonflikt

Die aktuelle Situation in Salzburg zeigt, dass der Machtkampf um die Amtszeit von Markus Hinterhäuser wohl mehr ist als die bloße Frage um die Abwicklung der Nachfolgesuche im Schauspiel. Es geht hier auch um einen Generationenkonflikt. Darum, dass die Amtsführung Hinterhäusers einfach nicht mehr zeitgemäß erscheint. Dass es schwer wird für Politikerinnen und Politiker, Kultursubventionen öffentlich zu vertreten, wenn das Schauspiel hinter den Kulissen zum eigentlichen Spektakel wird. Und letztlich ist der Machtkampf in Salzburg auch ein »Western von Gestern«, da hier eine Horde emotional entrüsteter Kerle gegen eine Politikerin (und Juristin) von heute antreten. 

Edtstadler wusste natürlich früh, dass all das Geraune um die Amtsführung von Hinterhäuser nicht taugt, um den Intendanten vom Platz zu stellen. Sie brauchte eine juristisch verwertbare Handhabe. Und das von den Kuratoriumsmitgliedern in den letzten Wochen mantrahaft benutzte Wort des »Vertrauensverlustes« ist so ein juristischer Terminus. 

Ein Angebot, das er nicht ablehnen kann

Während die Truppen des Intendanten wild um sich schlugen, ließ Edtstadler sich nicht aus der Ruhe bringen und spielte ihr juristisches Schachspiel in Ruhe weiter – Zug um Zug. Bis zur letzten Kuratoriumssitzung. Nun hat sie dem Intendanten die Ergebnisse ihrer Arbeit vorgelegt und ihm – im Stile von Don Corleone – offenbar ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen kann.

In Wahrheit kann er das natürlich. Aber dann würde endgültig schmutzige Salzburger Wäsche gewaschen – wahrscheinlich vor irgendwelchen Arbeitsgerichten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Markus Hinterhäuser es auch darauf noch ankommen lassen könnte. Die kommenden Tage werden zeigen, ob er und seine Mitstreiter vollkommen verbrannte Erde hinterlassen wollen, und ob es hier wirklich noch um die Festspiele geht, um moderne Führungsstrukturen oder nur um verletzte Egos. Es ist spät, aber vielleicht nicht zu spät, für Markus Hinterhäuser, um zu gehen, ohne sein Gesicht zu verlieren.  

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Nelsons verlässt Boston im Streit

Der lettische Dirigent Andris Nelsons muss im Sommer 2027 nach 13 Jahren sein Amt als Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra (BSO) abgeben. Das teilte das Board des Orchesters am Freitag mit. Die

Lieber Timothée Chalamet,

Der Schauspieler Timothée Chalamet hat die Klassik-Blase mit einem Satz auf die Palme gebracht. Opernhäuser reagierten weitgehend humorlos – eine verpasste Chance.

Ausschuss gegen Wedl-Wilson

Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson steht wegen ihres Umgangs mit Fördermitteln aus einem Sonderbudget für Projekte gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus unter Druck.

Fingerübungen für Bach 

Der Literat Christoph Hein legt fünf Bach-Novellen vor. Eine Suite kleiner, literarischer Menuette: Leicht, beschwingt, dem Tode nahe – und mit beiden Beinen auf der Erde.

Liebe Blonde,

Du wolltest unbedingt auch Mal einen »Brief von Brüggi«. Pedrillo hat es nicht so mit Worten. Der Bassa hat nur Augen für Konszanze. Osmin schickt Dich ohne Brief in die Küche, und

Järvi Goes London

Der estnische Dirigent Paavo Järvi wird neuer Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra. Zur Saison 2028/29 wird er die Nachfolge von Edward Gardner antreten. Järvi ist seit mehr als zwei Jahrzehnten Künstlerischer Leiter

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Vor 10 Jahren ist Nikolaus Harnoncourt gestorben. BackstageClassical-Herausgeber Axel Brüggemann hat ihn oft getroffen. Hier ein altes, inspirierendes XXL-Gespräch mit ihm über die Kriegs­ge­nera­tion, die Klangsprache und die „Knödel­theorie“.

Neue Bewegung in den Epstein-Klassik-Files

In neu veröffentlichten Epstein-Akten tauchen die Namen von Dirigent Frédéric Chaslin und Pianist Simon Ghraichy mehrfach auf. Beide weisen jede Verbindung zu dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zurück.

Lieber Ioan Holender,

Gratulation! Sie sind endgültig angekommen: Ganz unten und ganz rechts.  Also an dieser Stelle erschien jedenfalls Ihr Leserbrief in der Ösi-Zeitung Die Presse. Genau, in jenem Blatt, das in letzter Zeit besonders innig

Das Theater-Ensemble als Identifikation

Das Musiktheater steht unter Druck. Betroffen sind vor allem kleine und regionale Bühnen. Dabei bilden sie die Innovationskraft für die gesamte Sparte. Ein Plädoyer für den Erhalt und die Sicherung der regionalen

Verpassen Sie nicht ...